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Allein daheim: In der Corona-Krise leiden depressive Menschen besonders. Experten raten, dem Tag eine Struktur zu geben. 

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Von der Corona-Krise in die Psycho-Krise: Experten geben Hilfestellung

  • Clara Wildenrath
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Den ganzen Tag Tag allein in der Wohnung sitzen und sich Gedanken um die berufliche Zukunft machen – das belastet in der Corona-Krise auch psychisch gesunde Menschen. Experten geben Hilfestellung.

Geretsried/Wolfratshausen Den ganzen Tag alleine in der Wohnung sitzen und sich Gedanken um die berufliche Zukunft machen – das belastet in der Corona-Krise auch psychisch gesunde Menschen. Umso schwieriger ist die Situation für jemanden, der zu Depressionen neigt oder bereits daran erkrankt ist. Aber nicht nur Einsamkeit macht depressiven Menschen zu schaffen. Auch der Druck, sich neben dem Homeoffice auch noch um die quengelnden Kinder zu kümmern, und die gefühlte Ausweglosigkeit der Lage können das labile psychische Gleichgewicht schnell zum Kippen bringen.

„Depressive Menschen neigen ohnehin dazu, sich zurückzuziehen“, weiß Angela Mauss-Hanke, Diplom-Psychologin und Psychoanalytikerin aus Wolfratshausen. „Das wird in solch beängstigenden Zeiten wie jetzt noch verstärkt.“ Zu den möglichen Zeichen einer Depression zählen anhaltende Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Schuldgefühle, Selbstzweifel, Schlafstörungen und tiefe Traurigkeit. Betroffen ist nach Angaben des Robert-Koch-Instituts etwa jeder zwölfte Deutsche – das sind im Landkreis mindestens 10 000 Menschen. Bei Jugendlichen und bei über 60-Jährigen ist der Anteil besonders hoch.

Videoberatung in Corona-Zeiten

Wer vor der Corona-Pandemie bereits in psychologischer Behandlung war, muss auf die gewohnten Besuche bei seinem Therapeuten derzeit meist verzichten. Um das Infektionsrisiko einzudämmen, bietet Mauss-Hanke – wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen – Videoberatungen an. „Das funktioniert erstaunlich gut“, sagt die Psycholigin. Dank einer Ausnahmeregelung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung können Psychotherapeuten jetzt selbst ein Erstgespräch, also die erste Bestandsaufnahme beim Verdacht auf eine Depression, auf diese Weise durchführen.

Julia Lammers vom sozialpsychiatrischen Dienst der Caritas in Geretsried merkt ebenfalls, dass sich depressive Symptome bei vielen Klienten derzeit intensivieren. „Für depressive Patienten ist eine geregelte Tagesstruktur ganz wichtig. Die haben sich viele mit Müh und Not in den letzten Wochen oder Monaten erarbeiten müssen – und die fällt jetzt plötzlich weg“, erklärt die Psychologin. Hausbesuche können sie und ihre Kolleginnen von der Caritas im Moment nicht mehr anbieten.

Tagesplan gibt Struktur vor

Im telefonischen Gespräch versucht Lammers zusammen mit dem Betroffenen konkrete Strategien zu entwickeln. Auch wenn es keine festen Arbeitszeiten und andere Termine mehr gibt, sollte man sich einen Tagesplan überlegen: Kochen und Essen, Einkaufen und feste Telefonzeiten mit Freunden beispielsweise geben dem Tag Struktur. „Man sollte aber nicht zu hohe Ansprüche an sich selbst setzen. Lieber von Tag zu Tag schauen: Was tut mir heute gut?“ Wichtig sei außerdem Sport und regelmäßige Bewegung: „Das wirkt wie ein mildes Antidepressivum.“

Damit die Corona-Krise nicht in eine akute seelische Krise mündet, empfiehlt Mauss-Hanke allen Betroffenen, möglichst frühzeitig gegenzusteuern: „Überwinden Sie Ihre innere Hemmung, sich bei Freunden und Bekannten zu melden!“, appelliert die Autorin zahlreicher psychoanalytischer Fachartikel. „Nutzen Sie die Gelegenheit, eingeschlafene Kontakte zu pflegen. Denken Sie auch an Menschen, mit denen es vielleicht Feindseligkeiten gab, die man jetzt aus der Welt räumen könnte.“

Die Zeit der Entschleunigung lasse sich auch nutzen, um Dinge zu tun, zu denen man sonst nicht kommt: etwa ein Tagebuch zu führen oder der Oma einen Brief zu schreiben. Anderen eine Freude zu bereiten hält sie für mindestens ebenso wertvoll, wie sich selbst etwas Gutes zu tun: „Zum Beispiel indem man der älteren Nachbarin anbietet, den Einkauf zu übernehmen. Oder dem Risikopatienten von gegenüber ein paar Blümchen aus dem Supermarkt vor die Tür stellt.“

Dass man in der gegenwärtigen Situation mehr zu Angst und Sorgen neigt als sonst, ist das aber durchaus angemessen und normal, betonen die beiden Psychologinnen unisono. „Wenn sich aber das ganze Denken und Fühlen über einen längeren Zeitraum um diese Problematik dreht, sollte man sich externe Unterstützung suchen“, so Lammers. Und lieber einmal zu viel als einmal zu wenig bei einer Beratungsstelle anrufen.

Hilfe bei Depressionen

• Sozialpsychiatrischer Dienst Geretsried, Telefon 0 81 71/ 98 30 50 (10 bis 16 Uhr);
• Krisendienst Psychiatrie Oberbayern, Telefon 01 80/ 6 55 30 00 (24 Stunden); • Info-Telefon Depression 08 00 /33 44 5 33 (Montag, Dienstag und Donnerstag 13 bis 17 Uhr; Mittwoch und Freitag 8.30 bis 12.30 Uhr)
• Telefonseelsorge, 08 00/1 11 01 11 (24 Stunden)
• www.diskussionsforum-depression.de
• www.fideo.de (für Jugendliche).

cw

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