+
Beeindruckender Rundgang: Die Mitglieder der internationalen Delegation lauschten gebannt den Worten von Dr. Sybille Krafft (2. v. re.). Eine Gebärdendolmetscherin (re.) übersetzte Kraffts Worte für einen gehörlosen Wissenschaftler aus Hamburg. 

Begeisterte Experten

Internationales Interesse an Gedenkstätte

  • schließen

Waldram - Eine internationale Delegation von Wissenschaftlern hat das Badehaus und Alt-Waldram besichtigt.

Aus Washington, New York und Jerusalem waren sie nach Waldram gekommen. Unter den rund 25 Teilnehmern der Exkursion befanden sich einige international renommierte Experten auf dem Gebiet „Displaced Persons“. Auch Mitarbeiter mehrerer Holocaust-Gedenkstätten, ein Vertreter der Sinti und Roma sowie sechs Jugendliche aus der Jüdischen Gemeinde Potsdam waren dabei. Anlass für ihre Reise nach Oberbayern war eine dreitägige wissenschaftliche Konferenz in Dachau über das Leben der DPs.

Im Rahmen des Workshops führte Dr. Sybille Krafft die bunt gemischte Gruppe durch Alt-Waldram – das ehemalige DP-Lager Föhrenwald – und das historische Badehaus. Sie sei sehr stolz, erklärte die Vorsitzende des Vereins „Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald“, dass sie zum ersten Mal eine internationale Delegation hier begrüßen und ihr Projekt vorstellen dürfe.

Als den am authentischsten erhaltenen Teil Waldrams bezeichnete sie die Rupertstraße, die zu Zeiten des DP-Lagers New-York-Straße hieß. Am Independence Place – dem heutigen Kolpingplatz – trafen sich die Menschen zum Eisessen an der großen Säule mit dem Davidsstern, erzählte Vereinsmitglied Sabine Henschelchen. „Man kann sich schon vorstellen, wie es hier früher war“, waren sich die weitgereisten Experten beim Stadtspaziergang einig. Ein bisschen weniger Sauberkeit und Ordnung, ein bisschen Nachkriegschaos, Überbelegung und Versorgungsengpässe dazu – schon stimmt das Bild.

Besonders interessierten sich die Gäste dafür, in welchen Häusern prominente Juden wie die Schriftstellerin Lea Fleischmann oder die Literaturwissenschaftlerin Rachel Salamander gewohnt hatten. Dass im Lager trotz der widrigen Umstände offensichtlich meist gute Stimmung herrschte, erstaunte einige. „Die Kinder damals, zu denen wir heute Kontakt haben, berichten immer, dass das die schönste Zeit in ihrem Leben war“, erklärte Krafft: „Sie haben sich hier zum ersten Mal sicher und in Freiheit gefühlt.“

Für Mark Zaurov, einen gehörlosen Wissenschaftler aus Hamburg, wurden ihre Worte durch zwei Gebärdendolmetscher übersetzt. Er war nach Waldram gekommen, weil er bei einer Forschungsarbeit im Washingtoner Holocaust Memorial Museum auf ein 1947 entstandenes Foto mit einer Gruppe gehörloser Kinder und Erwachsener aus Geretsried gestoßen war. Ob sie möglicherweise auch aus Föhrenwald stammten, konnte er bisher nicht klären. Er weiß aber, dass sich unter den jüdischen Holocaust-Überlebenden zahlreiche Gehörlose befanden, die im KZ mit besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt hatten. „Da gibt es noch viel Forschungsbedarf“, machte Zaurov in Gebärdensprache deutlich.

Viel zu tun gibt es auch noch bei der Umwandlung des ehemaligen Badehauses in eine DP-Gedenkstätte. Die Gäste zeigten sich beeindruckt, mit welchem Engagement Krafft und ihre Mitstreiter den Rückbau betrieben. Anfang des Jahres ging der Besitz an den Verein über; seither räumen die Mitglieder fleißig alles heraus, was nicht aus der Anfangszeit des Lagers stammt – Türen, Fußböden, Fliesen und nachträglich eingezogene Wände. Stolz verwies Krafft auf historische Mauerreste, die dabei zutage traten. Was anstelle des rituellen Badeplatzes, der Mikwe, entstehen soll, wollte sie nicht verraten. Nur so viel gab sie preis: „Es wird toll werden.“

Die internationalen DP-Experten ließen sich von ihrer Begeisterung gern anstecken: „Wann dürfen wir wiederkommen?“, fragte eine New Yorker Wissenschaftlerin beim Abschied. Wolfgang Saal, Zweiter Vorsitzender des Badehaus-Vereins, versprach: „Zum Ende des ersten Quartals 2017 ist der Umbau fertig. Eröffnung feiern wir dann kurz vor Silvester – sofern keine bösen Überraschungen beim Bau dazwischenkommen.“

Clara Wildenrath

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Wenn das Geld zum Kindsein fehlt
Jedes fünfte Kind in Deutschland lebt über mindestens fünf Jahre dauerhaft oder wiederkehrend in Armut. Es kann nicht aufwachsen wie Gleichaltrige. Das ist auch im …
Wenn das Geld zum Kindsein fehlt
Der Schlangenmann: Dieser Geretsrieder ist ein Reptilienexperte 
Der Geretsrieder Clemens Drieschner ist ein Reptilienexperte in der Region. Fundtiere landen meist bei ihm. Er erzählt von Härtefällen und dem Reptilienmarkt, der gerade …
Der Schlangenmann: Dieser Geretsrieder ist ein Reptilienexperte 
Tapfere Gegenwehr in Unterzahl
Bei ihrem 5:2-Heimsieg schlagen die  Geretsrieder River Rats die EHF Passau mit Glück und Geschick.
Tapfere Gegenwehr in Unterzahl
Weißer Ring und Polizei reichen sich die Hand
Der Weiße  Ring und die Polizei wollen bei der Opferhilfe intensiver zusammenarbeiten. Nun gab es einen Runden Tisch in Wolfratshausen.
Weißer Ring und Polizei reichen sich die Hand

Kommentare