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Gott und die Welt

Warum es sinnvoll ist, das Handy ab und zu auszuschalten

In dieser Folge der Serie „Gott und die Welt“ denkt Pfarrerin Elke Stamm über die Abhängigkeit von der Technik nach.

Ebenhausen – Wir sitzen gemütlich am Frühstückstisch. Auf einmal geht das Licht aus. Der Strom ist weg. Im ganzen Haus! Ein kurzer Blick aus der Haustür: Die Nachbarin steht auch schon draußen. Auch bei ihr geht nichts. Anscheinend betrifft der Stromausfall die ganze Gegend. Meine Tochter kommt schlecht gelaunt aus ihrem Zimmer: kein Internet! Sie wollte mit ihrem Freund chatten – geht nicht. Da geht sie lieber gleich wieder ins Bett. Ich müsste dringend in der Schule anrufen, um meinen kranken Sohn zu entschuldigen. Aber das Telefon geht ja nicht. Der Akku von meinem Handy ist natürlich gerade leer, und das Handy meines Sohnes hat kein Guthaben mehr. Na super: Von der Außenwelt abgeschnitten – kein Strom, kein Telefon, kein Handy, kein Internet.

Elke Stamm Evangelische Pfarrerin in der Kirchengemeinde Ebenhausen

Im Büro macht die Sekretärin derweil die Ablage. Alles andere geht ja nicht. Ich müsste dringend einige Mails verschicken und werde langsam unruhig: Wie lange geht das denn noch? Glücklicherweise funktioniert nach zwei Stunden alles wieder und jeder kann erleichtert seinem üblichen Tagesablauf nachgehen. Ich könnte mich jetzt beruhigt an meinen PC setzen und mich um meine Mails kümmern. Aber ich brauche jetzt erst einmal Abstand: Eine Runde im Wald – ohne Handy, im Wald brauche ich es nicht. Hier kann ich am besten nachdenken. Was war das denn heute Morgen? Bin ich so abhängig von Strom und Internet, dass ich hilflos und verärgert reagiere, wenn ich davon mal kurze Zeit abgeschnitten bin? Tatsächlich wäre ein größerer Stromausfall für uns alle eine Katastrophe. Und es gibt immer wieder Warnungen und Anleitungen zur Vorsorge. Das ist durchaus nötig. Bei uns würde ja alles zusammenbrechen, sollte der Strom breit und länger ausfallen. Doch ich will trotzdem gelassener werden im Umgang mit solchen „kleinen Katastrophen“.

Manchmal geschehen ja auch gerade dadurch, dass alle gemeinsam mit der Notsituation umgehen müssen, ganz besondere Dinge: Vor einigen Jahren hatten wir während einer Generalprobe mit Chor und Orchester einen längeren Stromausfall. Plötzlich war es stockdunkel. Nicht nur bei uns in der Kirche – das ganze Dorf war dunkel. Keine Straßenlaterne brannte, keine erleuchteten Fenster. Die Finsternis war ein wenig unheimlich. Doch zum Glück gibt es in einer Kirche viele Kerzen. Jeder hatte eine Kerze in der Hand oder vor sich am Notenpult. Und so haben wir in einer ganz besonderen Atmosphäre weitergeprobt. Keiner brauchte Strom. Die Probe lief viel besser als erwartet. Wir haben uns wohl stärker als sonst als Gemeinschaft empfunden und deshalb viel besser aufeinander gehört. Wir waren nicht abgelenkt und sehr konzentriert.

Ich glaube, dass die ständige Erreichbarkeit und Vernetzung uns oft von uns selbst ablenkt. Wir sind selten auf uns selbst zurückgeworfen, auf das, was wir fühlen, worunter wir leiden, was wir gerne verdrängen. Wir können so leicht davor fliehen. Ich suche deshalb immer wieder Orte, wo ich zur Ruhe komme und mich nichts ablenkt: Wald (ohne Handy), unsere Kirche (bei Kerzenschein). Mit Gott kann ich nicht per WhatsApp oder per Mail kommunizieren. Gott sei Dank. Vor ihm brauche ich auch nicht zu fliehen. Denn er nimmt mich so, wie ich bin.

Lesen Sie auch: 100 Stunden ohne Handy – ein Selbstversuch

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