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Gedruckte Geschichte: Stadtarchivar Simon Kalleder mit den Dokumenten aus dem Fundus von Otto-Ernst Holthaus.

Stadtgeschichte

Was man aus alten Flößer-Dokumenten lernen kann

  • VonPeter Borchers
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Vor einem Jahr hat Otto-Ernst Holthaus dem Flößerverein alte Dokumente überlassen. Einige hat Stadtarchivar Simon Kalleder mittlerweile ausgewertet.

Wolfratshausen – Im Mai 2018 schenkte Otto-Ernst Holthaus dem Flößerverein historische Dokumente, die der ehemalige Inhaber des Isar-Kaufhauses lange bei sich zu Hause gelagert hatte. Exakt ein Jahr ist inzwischen vergangen. Ein Jahr, in dem sich Stadtarchivar Simon Kalleder dem Inhalt der Papiere intensiver widmen konnte – „auch wenn das eigentlich nicht zu meinen Aufgaben gehört“. Seine persönliche Neugier animierte den studierten Historiker jedoch dazu, immer wieder mal einen Blick in die Bücher zu werfen.

Spektakuläre Erkenntnisse haben die Dokumente ihm nicht vermittelt. Kalleders „große Hoffnung“ – auch als aktiver Gebirgsschütze – war, dass die Aufzeichnungen neue Informationen zu den Geschehnissen um die „Sendlinger Mordweihnacht“ 1705 liefern. „Die Wolfratshauser galten ja während der Zeit des Aufstands als zuständig für die Logistik. Es wäre der Knaller gewesen, wenn in den Rechnungen der Flößer Fuhren zu den Aufständischen, beispielsweise mit Gewehren, aufgetaucht wären. Das ist leider nicht der Fall.“ Was nicht heißt, dass nicht tatsächlich Waffen per Floß die Rebellen erreichten. Es ist halt nicht dokumentiert worden. Die Gründe sind nachvollziehbar: Es drohten Repressalien durch die österreichischen Besatzer.

Das Papier auf dem Bild stammt aus dem Jahr 1702 und listet über exakt zwölf Monate sämtliche Zahlungen und Einkünfte der Flößerzunft auf.

Trotzdem sind die Dokumente laut Kalleder „alles andere als eine Enttäuschung“, geben sie doch einen Einblick in das Flößerhandwerk. Im ältesten der Holthausschen Sammlung ist akribisch notiert, was die Wolfratshauser Flößerzunft vom 9. Januar 1702 bis zum gleichen Tag des folgenden Jahres an Geld ausgegeben und eingenommen hat. Einkünften von 26 Gulden, 32 Kreuzern und einem Heller stehen Ausgaben von 31 Gulden, 32 Kreuzern und zwei Hellern gegenüber. Die Zunft schrieb also in diesem Jahr rote Zahlen.

Um den Wert des Geldes ein wenig einordnen zu können: Ein Bote wurde für den Gang zum Gericht nach München mit 50 Hellern entlohnt. Dem Schulmeister respektive dem Lehrer, so steht es in dem Papier, gab man „for die Malzeit 20 Heller“. Der Pfarrer erhielt von der Zunft fürs Halten einer Messe 30 Heller, der Kirchenprobst „fürs Anzünden von Kerzen“ vier Kreuzer und vier Heller. Die auffällig vielen Ausgaben für kirchliche Zwecke würden laut Kalleder belegen, wie sehr die Religion das tägliche Leben damals noch bestimmte.

Ein weiteres Exemplar aus dem Fundus, das sich der Stadtarchivar genauer angesehen hat, ist das Protokollbuch des „Vereins der Flößer“. Mittlerweile hatten die Zünfte – politisch gesteuert – an Bedeutung verloren. Stattdessen organisierten sich die Flößer in einer Art „Gewerbeverein“. Das vorliegende Protokoll dokumentiert detailreich die Vereinsgründung im Jahr 1829 und Aspekte des Vereinslebens. Von 1868 bis 1895 sind nur mehr Zahlungseingänge eingetragen. Der Archivar vermutet, es handelt sich um die Mitgliedsbeiträge.

Angetan hat es Kalleder eine Kladde, die den Titel „Innung der Floßmeister“ trägt. In ihr sind lediglich Namen, Orte, die Anzahl von Flößen sowie der Geldbetrag aufgelistet, den Flößer – in Monaten unterteilt – zwischen 1850 bis 1874 gezahlt haben. „Das Buch enthält keine Legende, keine Kommentare, keinen Hinweis auf den Verfasser, nichts“, bedauert Kalleder. Er hält es aber „für extrem wahrscheinlich“, dass es sich um Mautzahlungen handelt, die die Innung verlangte. Die Kontrollstelle lag an der „Kalten Angst“ nahe der heutigen Loisachhalle. Sie hieß wohl deswegen so, „weil der Fluss dort ziemlich gefährlich gewesen sein soll“.

Dieser Wälzer hat bislang die meisten Fachleute, so aus dem Werdenfelser Land, nach Wolfratshausen gelockt. Aus einem einfachen Grund: Die niedergeschriebenen Namen und Herkunftsorte geben Aufschluss, in welchen Dörfern Flößerfamilien saßen, wer ein bedeutender und wer Gelegenheitsflößer war. Manche manövrierten bis zu 200 Flöße im Jahr an der „Kalten Angst“ vorbei, andere nur zwei, drei. Sie kamen aus Eschenlohe, aus Bichl, Garmisch, Beuerberg, Achmühle, Oberau oder Kochel. Insgesamt rauschten im angegebenen Zeitraum mehrere 1000 Flöße im Jahr die Loisach hinab.

Preisverfall, Teuerung und weitere Auswüchse des späteren Kapitalismus ärgerten die Menschen damals übrigens noch nicht: Die Passage durch Wolfratshausen kostete 1850 16 Kreuzer – und 24 Jahr später auch.

peb

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