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Wolfratshausen: Nach dem Weltkrieg verschwanden Dokumente - bis heute sind sie verschollen

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Von: Dominik Stallein

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Wolfratshausen hat eine lange Historie. Wichtige, geschichtliche Dokumente sollten im Zweiten Weltkrieg in Sicherheit gebracht werden. Die Stadt erhielt sie später zurück – der Inhalt einer Kiste ist jedoch verschollen.
Wolfratshausen hat eine lange Historie. Wichtige, geschichtliche Dokumente sollten im Zweiten Weltkrieg in Sicherheit gebracht werden. Die Stadt erhielt sie später zurück – der Inhalt einer Kiste ist jedoch verschollen. © Repro: Sabine Hermsdorf-Hiss

Sieben Kisten mit Akten wurden 1944 an einen sicheren Ort gebracht. Jahre später erhielt die Stadt den Inhalt zurück. Die siebte Kiste ist verschollen.

Wolfratshausen – Die Angst vor den amerikanischen Luftangriffen war groß. Die Gemeindearchive der Region, die potenziell beschossen werden könnten, trafen Vorkehrungen. Sie wurden gegen Ende des Zweiten Weltkriegs dazu angehalten, ihre Bestände zu verpacken und in zentrale Lager zu schaffen.

Dokumente wurden ins Eurasburger Schloss gebracht

Der Markt Wolfratshausen sollte seine Dokumente ins Schloss Eurasburg bringen. „So ein Bauwerk in einem kleinen Dorf galt als relativ sicher“, erklärt Stadtarchivar Simon Kalleder. Sogar das Hauptstaatsarchiv München hatte Räume im Schloss in Anspruch genommen, um seine Unterlagen zu schützen. Die Wolfratshauser Archivalien lagerten dort bis Kriegsende. Sie standen „auf dem Gang des ersten Stocks“, wie aus einem offiziellen Schreiben aus dem Jahr 1944 hervorgeht. Exakt sieben Kisten hatte der Markt dorthin verfrachtet.

Großer historischer Wert für Fachleute

Kalleder hält das Vorgehen seiner Vorgänger heute für sinnvoll: „Wäre das Archiv beschossen worden, wären die Dokumente für immer weg gewesen.“ Kopien von den Grundstückskatastern, Kirchenrechnungen oder Steuerregistern waren im 17. und 18. Jahrhundert nicht angefertigt worden – und einige davon sind für historien-begeisterte Menschen wertvoll. „Wie die Pest in Wolfratshausen wütete, geht zum Beispiel aus den Kassenbüchern dieser Zeit hervor“, sagt Kalleder. Für Laien wirken diese Dokumente höchst unspektakulär. Fachleute erkennen darin aber einen großen historischen Wert.

Aktuelle Nachrichten aus Eurasburg lesen Sie hier.

Die Dokumente hätten auch im Stadtarchiv überlebt: Das Gebäude überstand den Krieg, Wolfratshausen blieb vom Bombenhagel verschont. Auch das Schloss Eurasburg blieb unversehrt, genau wie die darin gelagerten Akten.

Kisten gehen ans Staatsarchiv in München

Nach Deutschlands Kapitulation übernahmen die Alliierten die Verwaltung. Amerikaner stießen auf die gebundenen Bücher im Eurasburger Schloss. Was dann passierte, ist nicht hundertprozentig belegt, sagt Kalleder. „Man geht aber davon aus, dass die ganzen Archivalien aus Eurasburg nach Salzburg gebracht wurden, an einen ,Collecting Point‘ für Kulturgüter.“ Experten sichteten dort vermutlicht die Unterlagen. Irgendwann gingen die gesammelten Dokumente ans Staatsarchiv München, auch die Wolfratshauser Kisten. „Heute wäre es schwer, sie von dort wieder in unser Archiv zu bekommen“, weiß Kalleder. Unter Bürgermeister Willy Thieme (SPD), Ende der 1970er Jahre, setzten sich Archiv-Mitarbeiter und Historiker aber dafür ein, dass die Wolfratshauser Kisten auch wieder in die Loisachstadt kommen. Mit Erfolg – zumindest teilweise.

Stadtarchiv erhält Dokumente zurück - ein Teil ist verschollen

Das Stadtarchiv erhielt die Dokumente aus München zurück. Allerdings nur den Inhalt der Kisten eins bis sechs. Mysteriös: Die siebte Kiste ist verschollen – bis heute. Nur Protokolle aus den Jahren 1839 bis 1919 sind aus der siebten Kiste wieder aufgetaucht. Der Rest ward nicht mehr gesehen.

Viele Fragezeichen: Stadtarchivar Simon Kalleder ist die siebte Kiste ein großes Rätsel.
Viele Fragezeichen: Stadtarchivar Simon Kalleder ist die siebte Kiste ein großes Rätsel.  © Sabine Hermsdorf-Hiss

Inzwischen ist bekannt, was darin gelagert wurde. Ein Inhaltsverzeichnis, gefertigt am 11. Januar 1944 und unterzeichnet vom damaligen Bürgermeister Heinrich Jost, gibt darüber Aufschluss. In der mysteriösen siebten Kiste schlummerten zum Beispiel das „Kapitalienbuch 1862/63“ ein „Gewerbskataster 1806“, 34 Handwerksbücher, das „Einnahmeregister 1803-1815“. Außerdem sollen in der Kiste Papiere über den Ersten Weltkrieg gelagert worden sein: „Obenauf lose und gebündelte Akten verschiedensten Inhalts – Krieg 1914 bis 1918“ hat NSDAP-Bürgermeister Jost notieren lassen. Besonders den Verlust dieser Akten bedauert der Wolfratshauser Archivar heute. „Das tut schon weh.“ Aufzeichnungen aus dieser Zeit – insbesondere offizielle Dokumente – seien ohnehin rar.

Womöglich sind Dokumente verloren gegangen

Wo der Inhalt der siebten Kiste aus dem Wolfratshauser Archiv abgeblieben ist, ist Kalleder ein Rätsel. Womöglich eines, das er nie lösen wird. „Ich habe keine Erklärung dafür.“ An einen Diebstahl glaubt er nicht: „Die Akten haben keinen großartigen Sachwert“, jedoch einen historischen. Die Amerikaner hätten aber vermutlich keine Verwendung für Auszüge aus den Sitzungsprotokoll-Büchern des Magistrats von 1861 bis 1931 gehabt. Womöglich sind die Dokumente verloren gegangen. Oder sie wurden zerstört, weil sie nicht als potenzielles Archivmaterial erkannt wurden. Vielleicht sind sie auch zusammen mit ihrer Kiste vernichtet worden – auch von der fehlt jede Spur.

dst

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