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Shoshana Bellen besuchte nach vielen Jahrzehnten das Haus in der Gebsattelstraße, in dem sie aufgewachsen war. Damals hieß sie Floridastraße. 

Von Föhrenwald nach Amerika und wieder nach Waldram

Wie Shoshana Bellen ihre Heimat wieder fand

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Bei der Eröffnung des Badehauses erzählte Shoshana Bellen ihre Lebensgeschichte - und die ihrer Eltern. Dabei wurde es ganz still in der Aula des Gymnasiums St. Matthias. 

Wolfratshausen – Es war einer der Höhepunkte im Jahr 2018: die Eröffnung des Erinnerungsortes Badehaus in Waldram. Eine wichtige Rolle beim Festakt Mitte Oktober spielte der Zeitzeugenbericht von Shoshana Bellen, die eigens aus Israel angereist war. In der Ausstellung kann man ihr besonderes Schicksal nachvollziehen.

Ganz still wurde es in der Aula des Gymnasiums St. Matthias, als eine gepflegte ältere Dame mit Kurzhaarschnitt die Bühne betrat und auf Englisch zu reden anfing. Über ihr, auf die Rückwand des Saals projiziert, ein schwarz-weißes Kindheitsbild aus Föhrenwald. „Das da oben bin ich“, sagte sie. Und erzählte den etwa 200 Ehrengästen, was in all den Jahrzehnten nach der Aufnahme passiert ist.

Das Bild der kleinen Shoshana, das in Föhrenwald eine vergleichsweise glückliche Kindheit erlebte. Zusammen mit ihren vom Krieg traumatisierten Eltern wartete sie dort auf die Ausreise in Richtung Amerika. 

Shoshana Bellens Eltern Max Hellmann und Fancia Silberstein waren Überlebende des Holocaust. Nach der Befreiung durch die Russen kehrten sie in ihre Heimat Galizien (heute Ukraine und Polen) zurück. Ihnen erging es wie vielen, die nicht dem KZ zum Opfer gefallen waren. „Sie begriffen, dass sie tragischerweise zu den wenigen gehörten, die überlebt hatten“, erzählte ihre Tochter. Sie mussten irgendwie weiterleben – und wussten doch nicht wie.

Im blutdurchtränkten Europa wollten sie nach Auskunft ihrer Tochter auf keinen Fall bleiben und machten sich auf den Weg in die amerikanische Zone, nach Föhrenwald. Es war eine Zwischenstation auf dem Weg in die USA. Hier ereignete sich etwas Entscheidendes für die beiden galizischen Juden: Sie bekamen 1946 eine Tochter – Shoshana. „Meine Geburt, das Erschaffen einer neuen Generation, machte aus ihnen eine richtige Familie und verstärkte ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft.“

Der Wunsch der Hellmanns ging in Erfüllung: Sie fanden ein neues Zuhause in Amerika. Hier kam ein weiterer Sohn zur Welt, Irving. Doch der Schatten der Vergangenheit blieb. „Meine Mutter hatte ihr Leben lang Albträume wegen der Gräuel, die sie ertragen hatte“, berichtete Bellen. Nach Europa wollten die Eltern nie zurück. „Ich verstand ihren Schmerz und stellte nie zu viele Fragen.“ Sie wollten eben in eine bessere Zukunft blicken – und nicht in die düstere Vergangenheit.

Lesen Sie auch: Wie die Einweihung des Badehauses gefeiert wurde

Kurz vor ihrem 70. Geburtstag – die Eltern waren bereits verstorben – wollte das einstige Kind aus Föhrenwald dann doch zu seinen Wurzeln reisen. Von Israel aus, wohin Bellen inzwischen ausgewandert war, googelte sie das Wort Föhrenwald und stieß zu ihrer großen Überraschung auf den Verein „Bürger fürs Badehaus“. Sie nahm Kontakt auf, reiste nach Wolfratshausen und klopfte sogar an die Tür ihrer einstigen Heimat, der Floridastraße 2. „Ich war überwältigt von Gefühlen, als ich die Familie traf, die dort seit 1957 lebt, als das Lager Föhrenwald zum heutigen Ort Waldram wurde.“

Sie kehrte nach Israel zurück, nahm über soziale Medien Kontakt zu Holocaust-Überlebenden sowie verschiedenen Organisationen auf. „Das ermöglichte dem Badehaus-Team eine vollständigere Geschichte über die Bewohner von Föhrenwald zu erzählen. Unsere Eltern und Großeltern, die allen Widrigkeiten zum Trotz aus der Asche der Shoa herauskamen und ihr Leben zurückgewannen.“

Am Ende ihrer etwa zehnminütigen Rede erinnerte Shoshana Bellen daran, dass alle – die einstigen Bewohner von Föhrenwald wie die Mitglieder des Badehausvereins – erst einmal damit fertig werden mussten, zweite und dritte Generation dieser dunklen Zeit in der Menschheitsgeschichte zu sein. Manchmal scheine ihr, als hätte die Welt keine Lehre aus der Shoah gezogen, angesichts der Unmenschlichkeit, die weiter an der Tagesordnung ist. „Der Erinnerungsort Badehaus leuchtet uns den Weg zu einer geistig gesünderen Zukunft.“

Info

Das Badehaus ist freitags von 9 bis 16 Uhr sowie samstags und sonntags von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Am Wochenende finden um 14 Uhr Führungen statt. Der Eintritt kostet fünf, ermäßigt drei Euro. Die Führung kostet fünf Euro pro Person.

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