+
In der Krise bietet die „Ballett Factory“ Online-Training an. Auf dem Foto Ballettlehrerin Johanna Jordan-Eisele aus dem Team von Dominik Halamek.

Unterricht im Netz statt an der Stange

Ballett: Wie sich Dominik Halamek und sein Team durch die Krise kämpfen

  • VonRudi Stallein
    schließen

Spitzentanz vor der Kamera: Während der Corona-Krise bietet Dominik Halameks „Ballett Factory“ in Wolfratshausen Online-Training an.

Wolfratshausen Johanna tanzt. Auf Zehenspitzen trippelt sie übers Parkett, beugt ihren Oberkörper über das ausgestellte Bein nach links, nach rechts. Dann dreht sie sich schnell um die eigene Achse. Die Ballettlehrerin ist allein im verspiegelten Saal, aber sie tanzt nicht allein. Auf dem Bildschirm vor ihr sind ein paar junge Tänzerinnen bemüht, den Schritten der Lehrerin zu folgen.

Der Choreograph und Tänzer Dominik Halamek durchlebt in diesen Wochen sehr schwierige Zeiten.

Kinder-Ballett steht an diesem Morgen im Online-Trainingsplan der „Ballet Factory“. „Am Anfang war es ungewohnt“, räumt Johanna Jordan-Eisele ein, dass Tanzstunden per Video-Übertragung für sie nicht alltäglich sind. „Wie effektiv das Ganze ist, hängt viel von der Kameraeinstellung ab.“ Aber vorrangig sei die emotionale Komponente, „dass die Kinder ein bisschen Alltag zurückbekommen“, sagt die 34-jährige Ballettlehrerin aus dem Team von Dominik Halamek. Weil dessen Tanzstudio wegen der Corona-Pandemie geschlossen ist, gibt es Kurse via Internet.

„Anfangs war die Idee, die ausgefallenen Stunden aufzuholen, indem wir die Pfingstferien und die Sommerferien durchmachen“, erzählt der Wolfratshauser Akrobat und Tänzer. „Aber nach sechs Wochen war das ein Problem.“ Deshalb kreierte er mit seinem Team das Online-Angebot: Tänzerische Früherziehung, Tanz-Gymnastik für Senioren, Ballett für Jugendliche und Erwachsene, Modern Dance, Jazz. Das Highlight sei eine „Online Dance Party für die ganze Familie“ gewesen, die aus Anlasse des einjährigen Studiogeburtstags gefeiert wurde. „Das war super genial, da konnten sich alle mal richtig austoben“, erzählt Halamek. Zwei Wochen will er die Online-Tanzkurse noch fortführen. Dann, so hofft er, soll allmählich wieder Leben ins verwaiste Studio einziehen.

Die aktuelle Situation setzt ihm emotional zu. „Am Anfang war ich unglaublich traurig“, erzählt der Künstler, der alles, was er sich in 15 Jahren aufgebaut hat, zerfallen sah. Aus Angst vor dem unbekannten Virus waren früh die ersten Events aus dem Kalender gestrichen worden. „Damit war eine große Einnahmequelle versiegt.“ Zu der Zeit war er noch mit „Best of Musicals“ auf Tour. „Wir waren mitten drin, aber schwupps, war auch die weg“, erinnert er sich.

Was blieb, war das erst vor einem Jahr eröffnete Studio. Das war zwar als eine Existenzsicherung gedacht, aber nicht auf diese Art und Weise. „Die Unterstützung der Mitglieder, die fast alle ihre Beiträge weiterbezahlen, ist genial“, betont Halamek. Dass er damit Glück hat, bekommt er regelmäßig durch Nachrichten von Kollegen mit, die um ihre Existenz kämpfen. Wie ein befreundeter Luftakrobatik-Techniker, der nun bei einem Bauunternehmen beschäftigt ist. „Er muss zwei Kinder ernähren“, weiß Halamek. Aber das Bild, dass der Kollege in Facebook in neuer Arbeitskleidung postete, habe ihn doch schockiert. Allmählich weiche die Traurigkeit einem Gefühl von Angst, gesteht der Tänzer. „Das Studio ist das letzte Stück vom Kartenhaus“, sagt Halamek, dem „wegen eines Formfehlers“ der erste Antrag auf finanzielle Soforthilfe abgelehnt wurde. Trotz 4800 Euro Fixkosten, die sich jeden Monat summieren bei seinen drei Betrieben. Neben dem Tanzstudio gehören dazu die Bereiche „Showdesign“ und „Showservices“ mit einem großen Bestand an LED-Kostümen und Equipment. „Wenn ich den Kostümfundus nicht halten kann, das wäre das totale Fiasko. Jetzt geht’s gerade noch so.“

Am meisten nagt die Ungewissheit am Gemüt des sensiblen Künstlers. Nachdem er in den vergangenen Wochen bei jeder Ansprache von Ministerpräsident Markus Söder vergeblich auf ein Wort zu Tanzstudios und Theaterbühnen gewartet hatte, gibt es seit Dienstag einen Lichtblick. Ab Mitte Juni darf er wieder öffnen. Ob und wie das in seinen zwei 68 und 52 Quadratmeter großen Tanzsälen funktionieren kann, hängt nun von den Auflagen ab. Vorerst gibt es weiter Live-Tanzkurse via Internet. „Online macht mehr Spaß, als ich dachte“, sagt Halamek, „aber es ist eben nicht dasselbe.“

Auch interessant: „Musical Moments“: Halameks Mitreißende Mitmach-Party in der Loisachhalle

Johanna tanzt inzwischen vor sechs neuen jungen Ballerinen auf dem Bildschirm. Sichtlich vergnügt. Den „Spaßfaktor“ – auf einer Skala von eins bis zehn – beziffert sie mit Acht. „Das in die Augen gucken und das Lachen, das fehlt an einer Zehn.“

rst

Lesen Sie auch: Dominik Halamek hat seinen Andi geheiratet - und spricht über das Schwulsein in Wolfratshausen

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare