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„Es werd scho glei dumpa“: Ludwig „Wiggerl“ Gollwitzer (vorne li.) singt bei der Lesung in St. Andreas gemeinsam mit „Waxlaba“ und den „Amaz-Singers“.

Alte Geschichte, aktueller Bezug

Wiggerl Gollwitzer liest Ludwig Thomas "Heilige Nacht"

Wolfratshausen - Es ist eine alte Geschichte, mit ganz aktuellem Bezug: Ludwig Wiggerl Gollwitzer hat die "Heilige Nacht" von Ludwig Thoma gelesen - und eine Brücke zur Gegenwart gebaut.

Das Ritual wiederholt sich alle zwei Jahre. Dann zündet Ludwig „Wiggerl“ Gollwitzer vor dem Altar der St.-Andreas-Kirche die vier Kerzen des Adventskranzes an und trägt die Weihnachtslegende des wohl berühmtesten bayrischen Mundartdichters vor: Ludwig Thoma. Wie immer ließ er sich auch am Mittwoch, dem Vorabend zur Heiligen Nacht. von einem Chor und Musikern begleiten.

Bevor Gollwitzer, ehemaliger Kulturreferent der Stadt Wolfratshausen, sich an einen kleinen Tisch setzte, stimmte die Eurasburger Bläsergruppe „A Hand voi Blech“ die rund 250 Zuhörer auf den etwa 90-minütigen Abend ein. Danach erfüllte die Stimme des Protagonisten den Kirchenraum. Der Schauspieler der Loisachtaler Bauernbühne bewies dabei erneut eindrucksvoll, dass er Vergleiche zu dem verstorbenen bayerischen Volksschauspieler Gustl Bayrhammer nicht zu scheuen braucht. Denn Gollwitzer beherrscht nicht nur alle Nuancen des bayerischen Dialekts, sondern ist mit seiner Stimme auch bis in die letzten Reihen der Kirche gut zu hören gewesen.

Text hat nichts an Aktualität eingebüßt

Der Inhalt von Ludwig Thomas Interpretation der Heiligen Nacht war den meisten bekannt: Der Autor verlegte den Schauplatz der Herbergssuche in seine oberbayerische Heimat. Obwohl der Text schon vor hundert Jahren im Kriegswinter 1915/16 verfasst wurde, hat er nichts an Aktualität eingebüßt. Denn die beschriebenen Verhaltensmuster der Menschen, die Joseph und der hochschwangeren Maria kein Quartier geben wollen, erinnerten unweigerlich an die Not der Obdachlosen und Flüchtlinge von heute. So befürchtet zum Beispiel der hartherzige Josias in der Geschichte, dass die Bedürfnisse anderer armer Menschen geweckt würden, wenn dem Paar geholfen werde: „De fressat oan’ arm, vor ma schaugt. Koa sella kimmt net in mei Haus.“

Zwischen den einzelnen Textpassagen spielte immer wieder die Wolfratshauser „Waxlaba Musi“ Menuette, Arien und Gitarrenlandler. Unterstützt wurden sie von der Stimmkraft der „AmazSingers“, einem Chor aus München-Pasing, die seit den 1990er-Jahren auftreten.

Einem kleinen Blondschopf, der sich mit seinen Eltern in eine der ersten Reihen gesetzt hatte, gefiel das so gut, dass er spontan vor den Musikern zu tanzen begann und mitsang. Gollwitzer nahm’s mit einem Lächeln hin.

Spenden für bedürftige Wolfratshauser Familie

Zum Abschluss sang er gemeinsam mit allen Besuchern und Musikern das Weihnachtslied „Es wird scho glei dumpa“. Nach dem lang anhaltenden Applaus bat er noch das Publikum, Geld in die Spendenkörbe zu werfen. Der Erlös kommt heuer einer bedürftigen Wolfratshauser Familie zugute. Die rund 250 Zuhörer folgten diesem Appell bereitwillig, sodass am Ende ein vierstelliger Betrag an Spenden zusammengekommen sein dürfte.

von Peter Herrmann

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