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Ruhe, Ausgeglichenheit und eine perfekte Work-Life-Balance? „Alles Schmarrn“, sagt Stephan Zinner und beweist dies in seinem Programm „Wilde Zeiten“. 

„Wilde Zeiten“ mit Goldfisch und Co.

Wolfratshausen – Der Schauspieler und Kabarettist Stephan Zinner präsentierte sein drittes Bühnenprogramm im Wolfratshauser D’Amato.

Stephan Zinner ist sich sicher: „Wilde Zeiten“ bestimmen das Leben und den Alltag. Da mögen noch so viele Umfragen belegen, dass die meisten Menschen sich nach Ruhe, Ausgeglichenheit und einer perfekten Work-Life-Balance sehnen. „Alles Schmarrn“, sagt der Kabarettist, Schauspieler und dreifache Familienvater. In seinem neuen Programm „Wilde Zeiten“ unterstreicht er dies mit viel Wortwitz, gestenreichem Vortrag und seinem unglaublichen Bluesgesang zum eigenen Gitarrenspiel.

Der ganz und gar sympathisch wirkende Oberbayer, dessen echter Dialekt fast schon ein eigener Programmpunkt ist, plauderte im Wolfratshauser D’Amato aus dem Nähkästchen. Etwa wie man sich das vorzustellen hat, wenn die fünfköpfige Familie zum „Zelteln“ nach Oberitalien ausrückt. Als wüssten nicht wenige im Publikum aus eigener Erfahrung, wo die Gefahren dabei lauern, griff die Erheiterung geradezu rasant um sich – etwa bei der gelungenen Schilderung des unvermeidlichen Sturzes im angetrunkenen Zustand (über straff befestigte Heringe zur Zeltsicherung), der technischen Versiertheit der „schwedischen Lesben“ beim Zeltaufbau direkt nebenan und dem sichtlich erschütterten Gesichtsausdruck des pubertierenden Konrad bei der Erkenntnis: „Kein WLAN!“ Weiter ging’s mit Frührentnern, die unbedingt auch zu Stoßzeiten einkaufen müssen und mit dem aufgeblasenen, älteren Porsche-Fahrer, der nicht nur der jungen Blondine an seiner Seite zeigen will, wer hier der Schnellste ist. Worauf der Musiker Zinner mit seiner großartigen Bluesstimme zur akustischen Gitarre über das „Nachgeben“ singend sinnierte.

Nur sehr wenige Stereotypen des Alltags wurden ausgelassen, und auch die zunehmende Begeisterung für Esoterik blieb nicht unerwähnt. Über die „Hundehomöopathie“, die der „Untergang des Abendlandes“ sei, frotzelte Zinner weiter bis zu den Heilsteinen in den Wasserkrügen, die jetzt künstlich wieder hinein kämen ins Trinkwasser der gut bürgerlichen Haushalte. „Wo man lange Zeit doch so froh darüber gewesen war, dass sie endlich heraußen waren.“

Der allgemeinen Angst vor dem Alter, den so wichtigen Managern zwischen „Meeting“, „TelKo“ und ständiger Erreichbarkeit, und letztlich dem Versuch, sich heutzutage ein paar gewöhnliche Laufschuhe kaufen zu wollen, widmete sich Stephan Zinner mit viel Überzeugung unter anderem nach der Pause. Geschichten aus der Welt der Arbeit, über die Cremetopf-Sammlung der eigenen Gattin und die Umtriebe der Münchner Schickeria erzählte er locker und pointiert – gerade so, als ob man mit ihm in der Schlange an der Supermarktkasse stehen würde.

Nach zwei Zugaben neigten sich Zinner’s „Wilde Zeiten“ schließlich dem Ende zu. Ein bestens gelauntes Publikum freute sich an einem Musik-Kabarett-Abend der Extraklasse, bei dem die echten „Wilden Zeiten“ mit Flüchtlingswelle, deutschen Kampfeinsätzen über Syrien und den Pegida-Aufmärschen im Osten der Republik für ein Mal kein Thema gewesen waren. Und wie es im Publikum aussah, war das auch gut so.

Assunta Tammelleo

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