“Wir stehen in den Startlöchern“: Wolfratshauser Kino bereitet sich auf Wiedereröffnung vor
+

Seniorchefin plaudert aus dem Nähkästchen

“Wir stehen in den Startlöchern“: Wolfratshauser Kino bereitet sich auf Wiedereröffnung vor

  • Franziska Konrad
    vonFranziska Konrad
    schließen

Im März flimmerte im Wolfratshauser Kino zum letzten Mal ein Film über die Leinwand. Jetzt bereiten sich Cornelia John und Gudrun Heigl auf die Wiedereröffnung vor. Heigl selbst arbeitet seit über 60 Jahren im Kino - in dieser Zeit hat sie viel erlebt. 

Wolfratshausen– Lautes Schlüsselgeklapper, dann sperrt Cornelia John (52) die Tür zum Wolfratshauser Kino auf. Ein unverkennbarer Popcorngeruch liegt in der Luft. Ansonsten ist es drinnen vor allem eines: dunkel und ruhig. Am 16. März flimmerte hier zum letzten Mal ein Film über die Leinwand, danach fiel das Kino in tiefen Corona-Schlaf. 

Wolfratshausen: Kino fiel in tiefen Corona-Schlaf

Cornelia John, gefolgt von Mutter Gudrun Heigl (77), läuft zum Lichtschalter und knipst die Lampen an. Ein Spuckschutz an der Verkaufstheke sticht dem Besucher sofort ins Auge. Zufrieden schaut sich John um: „In den vergangenen Monaten waren wir nicht untätig.“ Ob Grundreinigung in den Kinosälen oder aufgeschobene Entrümpelungen: „Irgendwas gibt es hier immer zu tun“, sagt Gudrun Heigl und lacht.

Für den intensiven Popcorngeruch hat sie eine simple Erklärung: „Popcorn ist das Einzige, was wir momentan anbieten können.“ An einem Samstag im Mai verkauften Mutter und Tochter zum ersten Mal den Kinosnack. „Da war wahnsinnig viel los. Eigentlich wollten wir nur bis halb acht Uhr abends Popcorn ausgeben, dann ging um halb zehn die letzte Tüte über den Tresen“, erzählt John lächelnd. 

Erster Popcorn-Verkauf ein voller Erfolg

Zum Überleben reichen diese Umsätze natürlich nicht. Die beiden Wolfratshauserinnen haben jedoch einen Vorteil: Die Immobilie an der Bahnhofstraße gehört der Familie, so fällt zumindest die Pacht weg. Monatliche Fixkosten bleiben trotzdem. „Da fließt jetzt halt unser Eigenkapital mit rein“, sagt John schulterzuckend.

Wenn das Lichtspielhaus wieder öffnet, gelten strenge Regeln: Während ihres Aufenthalts müssen die Kinobesucher Mund- und Nasenschutz tragen. 

Nur zum Essen oder Trinken dürfen die Masken runter, und im Kinosaal bleiben zwischen den Besuchern drei Plätze frei. „Das ist alles schon irgendwie eine komische Vorstellung“, gesteht John. „Aber wir stehen jetzt in den Startlöchern.“ Der Termin für die Wiedereröffnung liegt laut den Damen „irgendwo Anfang Juli“.

Wolfratshausen: Gudrun Heigl arbeitet seit über 60 Jahren im Kino

Für Gudrun Heigl zählt die Bewältigung der Corona-Krise zu den größten Herausforderungen in ihrem Berufsleben. Dabei arbeitet die 77-Jährige seit über 60 Jahren im Wolfratshauser Kino. Ihre Filmtheaterlaufbahn begann einst alles andere als erfolgversprechend: „Mein allererster Kinofilm war ,Bambi‘, im Kino in Allach“, erinnert sich die gebürtige Karlsfelderin. „Das hat mich so berührt, danach habe ich die ganze Nacht geheult. Und meine Mutter hat gesagt: ,Du gehst mir nie wieder ins Kino.’“ Die Seniorchefin muss lachen. Dass gerade das Filmtheater ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens werden würde, hätte seinerzeit niemand vermutet.

Lang ist’s her: Das Foto zeigt Gudrun Heigl 1998 mit dem Ankündigungsplakat für den Blockbuster „Titanic“. Der wurde noch von einer Filmrolle (li.) abgespielt.

Im Jahr 1959 kam die junge Frau in die Loisachstadt. Dort führte ihre Tante ein Kino. Die Nichte sollte sie dabei unterstützen. „Nach und nach bin ich da reingewachsen“, sagt die 77-Jährige. Nach dem Tod der Tante übernahm sie 1971 selbst das Filmtheater.

Filmrollen kamen mit dem Zug

In all den Jahren hat Gudrun Heigl viel erlebt. Bis zur Digitalisierung vor einigen Jahren wurden alle Spielfilme von Filmrollen abgespielt. Ihr Blick schweift in die Ferne. In den 1960/70er-Jahren lief der Versand der Rollen stets per Zug. 

„Wie oft bin ich auf Kohlen gesessen, wenn zwei Stunden vor der Vorstellung der Film noch nicht da war“, erzählt sie amüsiert. Bei jedem einfahrenden Zug sei sie an den Bahnhof gelaufen, in der Hoffnung, dass die heiß ersehnten Rollen endlich kämen.

„Wenn die Leute glücklich nach Hause gehen, dann bin ich auch zufrieden“

Heute sitzt Gudrun Heigl am liebsten an der Kasse: „Hier kann ich mit den Leuten plaudern. Das gefällt mir.“ Besonders schön sind für sie noch andere Momente: „Jedes Mal, wenn die Leute aus einem Film kommen und sagen: ,Mensch, der war so schön.‘ Da stehst du gerne an der Tür und verabschiedest dich. Wenn die Leute glücklich nach Hause gehen, dann bin ich auch zufrieden.“ 

Ans Aufhören denkt die Seniorchefin noch lange nicht. „Solange es geht, mach’ ich weiter. Ich mach‘ das schon so lange, da kann ich doch nicht einfach aufhören“, sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Die Vorgaben sind den Betreibern zu unsicher: Deshalb bleiben die Kinos im Landkreis derzeit noch geschlossen - obwohl sie grundsätzlich wieder öffnen dürften.

kof

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Verbindungsstraße zwischen Baiernrain und Leiten wird erneuert
Noch bis Ende der nächsten Woche wird die Verbindungsstraße zwischen Baiernrain und Leiten gründlich erneuert. 
Verbindungsstraße zwischen Baiernrain und Leiten wird erneuert
Reichsbürger in den Reihen der Polizei ? Geretsrieder Beamter aus Dienst entlassen
Weil er die Reichsbürger-Ideologie verinnerlicht hatte, wurde ein Geretsrieder Polizist vom Münchner Verwaltungsgericht aus dem Dienst entlassen. Angestoßen wurde die …
Reichsbürger in den Reihen der Polizei ? Geretsrieder Beamter aus Dienst entlassen
Corona-Infektion auch in Tölzer Gemeinschaftsunterkunft
Wir geben einen Überblick während der Coronavirus-Pandemie im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen in unserem News-Ticker. Aktuelle Zahlen und Entwicklungen lesen Sie hier.
Corona-Infektion auch in Tölzer Gemeinschaftsunterkunft
Wolfratshausen: Corona-Krise könnte Wohnungsnot verschärfen
Caritas-Mitarbeiterin Ines Lobenstein schlägt Alarm: Die Wohnungsknappheit in Wolfratshausen „dramatisiert sich immer weiter“.
Wolfratshausen: Corona-Krise könnte Wohnungsnot verschärfen

Kommentare