1966 trafen sich einige der Agfa-Frauen am Walserhof in Wolfratshausen.
+
Zurück am Ort der Befreiung: 1966 trafen sich einige der Agfa-Frauen am Walserhof in Wolfratshausen. Dort hatten sie die Amerikaner am 1. Mai 1945 entdeckt.

Der Marsch der „Agfa-Frauen“

Zweiter Weltkrieg: Zwangsarbeiterinnen aus Giesing stranden am Wolfratshauser Walserhof

  • Volker Ufertinger
    vonVolker Ufertinger
    schließen

Das Schicksal der „Agfa-Frauen“ ist weitgehend unbekannt. Jetzt hat sich eine Dietramszeller Historikerin auf die Spur der Zwangsarbeiterinnen begeben.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Wer heute den Begriff „Todesmarsch“ hört, denkt in erster Linie an die Dachauer KZ-Häftlinge, die in den letzten Kriegstagen links der Isar auftauchten, in Icking, Dorfen, Wolfratshausen und anderswo. Weitgehend unbekannt ist, dass auch auf der anderen Isarseite zeitgleich Menschen in Richtung Süden getrieben wurden. Es waren Zwangsarbeiter, vom Flughafen Riem, aus der Munitionsfabrik Hohenbrunn sowie eine Gruppe von Frauen. Die sogenannten Agfa-Frauen.

Lesen Sie auch: Der Todesmarsch-Film von Max Kronawitter

Ihr Schicksal beschäftigt derzeit die Dietramszeller Historikerin Susanne Meinl, bekannt als Mitinitiatorin des Dietramszeller Hindenburg-Symposions. Sie arbeitet im Auftrag der Kommune die NS-Geschichte der Gemeinde Grünwald auf, durch die der Tross möglicherweise gekommen ist. Um den Frauen so genau wie möglich auf die Spur zu kommen, studiert sie Originaldokumente aus Archiven im In- und Ausland, etwa den National Archives in Washington. Sie muss sie sich großteils zuschicken lassen, in Zeiten einer Pandemie geht es nicht anders.

Lesen Sie auch: Der angebliche Hitler-Attentäter Martin Hauber

Die Agfa-Kamerawerke, ein Außenlager des KZ Dachau, sind ein dunkles Kapitel in der Geschichte Giesings. Hinter dem Grünwalder Stadion, an der Weißenseestraße, mussten die missliebigen Frauen für den Bombenbau schuften. Zumeist handelte es sich um Widerstandskämpferinnen aus Holland, aber auch Polinnen, die zur Strafe für den Aufstand im Warschauer Getto verschleppt wurden. Sie installierten Zeitzünder und Zielfernrohre, fürchtend, dass die verhassten Nazis damit den Krieg gewinnen könnten. Auch an der Herstellung der berüchtigten „Vergeltungswaffen“ V1 und V2 waren sie beteiligt.

Wer sich etwas tiefer in die Materie einarbeitet, stellt fest, dass hin und wieder ein Schlaglicht auf das Schicksal dieser Frauen fiel. Zunächst in den Dachauer Prozessen, die die Amerikaner von 1945 bis 1948 im ehemaligen KZ durchführten. Dann 2017, als der Künstler Alexander Steig zur Erinnerung vor den Agfa-Werken eine Kamera aufbaute und ein famoses Buch gleichen Namens herausbrachte. Es enthält unter anderem die Erinnerungen von Kiky Gerritsen-Heinsius, die Juden in ihrer Wohnung versteckt hatte. Nicht zu vergessen Jan von Ommen, Sohn der Widerstandskämpferin Renny van Ommen, der die Erlebnisse seiner Mutter erforscht hat. Und dennoch sind nach wie vor viele Fragen offen.

Lesen Sie auch: 75 Jahre Föhrenwald: Festakt im Zeichen der Zeitzeugen

Weiterhin ungeklärt ist die Route der etwa 500 Frauen. Sie selbst waren nicht ortskundig und hatten keine Ahnung, wo sie sich befanden. Klar ist nur, dass sie irgendwann die Isar passiert haben müssen, und einige Frauen erinnerten sich daran, dass diese Brücke kurz danach gesprengt wurde. Damit kommt etwa die Großhesseloher Brücke nicht in Betracht, ihre Sprengung verhinderte die Freiheitsaktion Bayern. Vielleicht handelte es sich ja um die Isarbrücke am Kloster Schäftlarn. Sie wurde am 30. April um 5.35 Uhr gesprengt, so hat es der damalige Abt Sigisbert in seinem Tagebuch notiert. Das könnte passen. Doch sicher ist es nicht.

Willemijn Petroff-van Gurp: Abschied von der letzten Zeitzeugin

Als letzte Zeitzeugin der Agfa-Frauen ist im März dieses Jahres Willemijn Petroff-van Gurp im Alter von 102 Jahren in ihrer Heimat Baarn bei Utrecht gestorben. Emanuel Rüff, Zweiter Vorsitzender des Badehausvereins, hat mit ihr 2015 noch in den Niederlanden gesprochen. Teile des Interviews können Interessierte im Waldramer Badehaus ansehen.

Willemijn Petroff-van Gurp wird am 7. November 1918 in Den Haag als eines von 15 Kindern einer streng protestantischen Familie geboren. Während der deutschen Besatzung schließt sie sich dem Widerstand an. So besorgt sie Lebensmittelkarten und gefälschte Papiere für untergetauchte Personen. Im Juni 1944 wird sie von der SS verhaftet und kommt schließlich nach Giesing. Ende April 1945 wird sie mit etwa 500 weiteren Zwangsarbeiterinnen auf den Todesmarsch Richtung Süden gezwungen. In Wolfratshausen angelangt, können die Frauen in der Scheune des Walser-Hofes übernachten und werden mit Suppe versorgt.

Dort werden sie am 1. Mai 1945 von amerikanischen Truppen befreit und kommen als erste „Displaced Persons“ nach Föhrenwald. Ende Mai 1945 verlässt Petroff-van Gurp das heutige Waldram. Nach Stationen in England und Italien kehrt sie in die Niederlande zurück. Für ihre Verdienste im Widerstand wird sie mit dem niederländischen Widerstandsgedenkkreuz ausgezeichnet und kurz vor ihrem Tod zur Ritterin im Oranje-Nassau-Orden ernannt.

Fest steht: Die Frauen hatten Glück. Der Leiter des KZ-Außenlagers, Kurt Stirnweis, erwies sich als vergleichsweise human. Während auf der anderen Isarseite SS-Männer erschöpfte Häftlinge kurzerhand erschossen, wenn sie den Anschluss verloren, versprach der gebürtige Obermenzinger, die Frauen lebendig an einen sicheren Ort zu bringen. Hoch zu Ross begleitete er den Zug. „Stirnweis ist eine interessante Figur“, so Meinl. Vielleicht war seine Menschlichkeit ehrlich, vielleicht hoffte er aber auch nur, damit nach dem Krieg bei den Alliierten Wohlwollen zu ernten.

Nähere Informationen erhofft sich die Ascholdinger Historikerin aus der Spruchkammerakte, also dem Ergebnis im Entnazifizierungsverfahren, bei dem Stirnweis entlastet wurde. Dabei brachte er vor, dass er in Wolfratshausen auf eigene Kosten ein Schwein gekauft hat, damit die Suppe, mit der die Frauen zu Kräften kommen sollten, möglichst nahrhaft wird. Die Frauen bestätigten das. Angeblich war die Suppe so dick, dass vielen schlecht wurde. Sie waren eigentlich viel zu schwach dafür.

Lesen Sie auch: Gedenktafel für den „Retter von Wolfratshausen“?

Die Reise ins Ungewisse endete für die Frauen am Walserhof an der Geltinger Straße. Der Landwirt meinte es gut mit ihnen: Er versorgte sie nicht nur mit Nahrungsmitteln, sondern überzeugte die Bewacher offenbar auch von der Ausweglosigkeit der Situation. Am 1. Mai entdeckten die Amerikaner die Frauen in der Scheune, sie wurden ins Lager Föhrenwald gebracht. 1966 kehrten einige der Agfa-Frauen an den Ort ihrer Befreiung zurück. Wohl wissend, dass es anders hätte enden können.

Aufruf:
Für die Erforschung des Schicksals der Agfa-Frauen ist jeder Hinweis wichtig. Wer etwas weiß, meldet sich per Mail an info@gemeinde-gruenwald.de oder Susanne-Meinl@web.de

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare