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Am Ende der Welt: Das Beweisfoto für die Familie war ein Muss. 

Ein Geburtstag am Ende der Welt

Wolfratshauser (76) radelt den Jakobsweg

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6639 Kilometer in 61 Tagen: Diese Strecke hat Heinz Kuhn aus Wolfratshausen kürzlich zurückgelegt. Der 76-Jährige ist auf dem Jakobsweg von Wolfratshausen bis ans Kap Fisterra geradelt.

Wolfratshausen – Das Ende der Welt liegt nach dem Glauben der Kelten am Kap Fisterra an der Westküste Galiziens (Spanien). Dort, in 427 Meter Höhe über dem Meer, sieht man am Horizont den Atlantik mit dem Himmel verschmelzen. Einer, der das gesehen hat, ist Heinz Kuhn. Er radelte von Wolfratshausen aus den Jakobsweg entlang bis ins spanische Santiago de Compostela. Und weil er schon mal da war, weiter nach Kap Fisterra. „Die Pilger sehen hier das eigentliche Ende des Jakobswegs“, berichtet der 76-Jährige. „Als Zeichen für einen Neuanfang werfen sie ihre Schuhe die Klippe hinunter oder verbrennen am Leuchtturm einen Teil ihrer Sachen.“ Kuhn machte weder das eine noch das andere: Er begnügte sich damit, am letzten Wegweiser des Jakobswegs in Fisterra ein Foto zu schießen, ehe er sich auf den langen Rückweg machte.

100 Kilometer pro Tag

Begonnen hatte seine Pilgerreise mit einem Fernsehbeitrag über den Jakobsweg Ende des vergangenen Jahres. „Da habe ich mir gedacht, warum nicht?“ Radreisender ist der 76-Jährige allemal. Garmisch, den Schwarzwald und sogar Venedig hat der Wolfratshauser bereits angesteuert, nachdem er sich 2014 – zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau – ein Tourenrad zugelegt hatte. Die beiden Töchter, Inge und Edelgard, waren ob der Pläne ihres Vaters gegenteiliger Ansicht. „Ist der denn narrisch?“, fragte die eine. „Wenn er es unbedingt machen will, dann soll er es tun“, meinte die andere. Dann war Kuhn mal eben weg: ausgestattet mit einem Zwölf-Kilo-Rucksack und der traditionellen Jakobsmuschel als Pilgerzeichen um den Hals. Natürlich nicht, ohne seiner Familie zu versprechen, die Reise fotografisch festzuhalten und sich telefonisch jeden Tag zu melden.

Erinnerungen an eine ganz besondere Reise.

Pro Tag schaffte er gut 100 Kilometer. Die Verständigung war kein Problem, „obwohl ich nur so viel“ – Kuhn deutet mit Daumen und Zeigefinger etwa einen Zentimeter an – „Englisch und ebenso viel Spanisch kann“. Besonders beeindruckt haben den 76-Jährigen die Herzlichkeit und Offenheit der Leute. „In Sarria, Spanien, bin ich privat untergekommen. Die Besitzer haben mir einfach die Wohnungsschlüssel in die Hand gedrückt und sind gegangen. Da war ich richtig perplex.“ Das Übernachten war nicht immer einfach. „Einmal stellte der Wirt ein Gästebett auf, weil alles belegt war. Aber es ist auch vorgekommen, dass ich gar keine Schlafstatt mehr bekommen habe.“ Also fuhr Kuhn die Nacht durch. „Den Schlaf habe ich dann beim nächsten Stopp nachgeholt.“ Nach rund einem Monat und 3000 Kilometer von Wolfratshausen entfernt passierte Kuhn das Ortsschild von Santiago de Compostela. „Die Kathedrale ist schon gigantisch – nur leider war sie gerade wegen Renovierungsarbeiten eingerüstet.“ Zeit genug zur Betrachtung der Steinmauern hatte Kuhn: Um die Pilgerurkunde zu bekommen, musste der Wolfratshauser drei Stunden lang anstehen. „Dort in der Warteschlange habe ich einen Rosenheimer getroffen – dann war es nicht ganz so langweilig.“

Gratulieren konnte leider niemand

Kaum war das Dokument verstaut, bestieg Kuhn umgehend wieder seinen Drahtesel. „Wenn schon das Ende der Welt nur 60 Kilometer entfernt ist, will ich das sehen.“ Just am 13. Juni, seinem 76. Geburtstag, stand der Rentner dann an besagtem 0,00-Kilometer-Stein – und in einem Funkloch. „Keiner, der gratulieren wollte, ist durchgekommen, und ich konnte logischerweise auch nicht erzählen, wo ich gerade bin.“ Also machte Kuhn ein Beweisfoto und rüstete sich für die Heimreise. Allerdings fuhr er nicht denselben Weg zurück, sondern wählte eine Route entlang der französischen Küste. „Die war zwar 400 Kilometer länger, aber sonst wird es langweilig.“

Am 14. Juli um 19.20 Uhr – 61 Tage und 6639 Kilometer nach Reisebeginn – kehrte Kuhn nach Wolfratshausen zurück. Sechs Kilo leichter, aber mit 600 Fotos auf der Speicherkarte seiner Kamera, 46 Stempeln in seinem Pilgerausweis und vielen schönen Erinnerungen im Kopf. Doch wie so oft kam das Beste zum Schluss: Kuhns Familie empfing den Ex-Pilger mit einem Ständchen, Willkommensschild, Fleischpflanzerl und Kartoffelsalat. „So schnell“, erinnert sich Tochter Edelgard, „konnten wir gar nicht nicht schauen, wie die verputzt waren.“

Neue Reisepläne hat der 76-Jährige momentan noch nicht. „Erst müssen die Fotos sortiert werden“, sagt er. „Und einen neuen Hinterreifen brauche ich auch.“ Er atmet tief durch. „Aber dann kann es theoretisch wieder losgehen.“

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