Ein Arzt.
+
Michael Lob gibt seine Praxis in Wolfratshausen nach 16 Jahren auf: Zwischen 50 und 60 Stunden pro Woche arbeitet der Praktische Arzt. Finanziell und auch psychisch stößt der 58-Jährige mittlerweile an seine Grenzen.

Interview mit Michael Lob

Nach 16 Jahren: Arzt gibt Praxis auf - und nimmt kein Blatt vor den Mund

  • vonPeter Borchers
    schließen

Der Arzt Michael Lob gibt seine Praxis in Wolfratshausen auf. In einem Interview mit unserer Zeitung spricht er über die Gründe.

Wolfratshausen – Ob die stationäre medizinische Versorgung der Bevölkerung eine staatliche Pflichtaufgabe ist oder ob man sie guten Gewissens in private Hände legen darf: Das ist aktuell – Stichwort Zukunft der Kreisklinik – ein heiß diskutiertes Thema im Landkreis. Dass gesundheitspolitisch in diesem Land einiges im Argen liegt, zeigt aber auch die zum Teil schwierige Situation der niedergelassenen Ärzte. Einer, Michael Lob, hat jetzt die Reißleine gezogen. Der 58-Jährige gibt seine Nantweiner Praxis ohne einen direkten Nachfolger nach 16 Jahren auf. In einer Anzeige in unserer Zeitung ging der Praktische Arzt mit einem Satz auf den Grund ein: „Die vorgegebenen Rahmenbedingungen für eine freiberufliche ärztliche Tätigkeit in einer Einzelpraxis stehen nicht mehr im Einklang mit meinen Vorstellungen und Möglichkeiten.“ Wir hakten bei Lob nach.

Herr Lob, Sie schließen Ihre Praxis zum 11. Juni. Was hat Sie zu diesem Schritt mit großer Tragweite bewegt?

Das Thema Praxissterben hört die Politik ja nicht gerne. Aber es ist Fakt. Ich denke, mir werden noch weitere Ärzte folgen. Im Rahmen meiner Tätigkeit habe ich oft mit Pharma-Referenten und -Referentinnen zu tun. Mit der Zeit hat sich da ein Vertrauensverhältnis entwickelt, und ich habe vielfach gehört, dass auch andere Ärzte aus den annähernd gleichen Gründen aufhören wie ich.

Die da wären?

Ich sag’s mal so: Die KVB (Kassenärztliche Vereinigung Bayern, d. Red.) fungiert wie ein Franchise-Unternehmen. Sie gibt vor, was Sache ist, und wir haben das zu befolgen – unterpreisig natürlich. Nur jetzt, in der Corona-Pandemie, ist plötzlich Geld da. Während ich für einen Hausbesuch 23,58 Euro plus eine entfernungsgestaffelte Wegegeldpauschale von 4,07 bis 12,80 Euro bekomme, kriege ich pro Abstrich in der Corona-Teststation am Schwankl-Eck 15 Euro. Und ich kann in zwei Stunden 80 Abstriche machen. Was für eine Diskrepanz! Für mich existiert im Gesundheitswesen eine Unterfinanzierung in großer Breite, viele Positionen, wie zum Beispiel Elektrokardiogramme, werden in der Quartalspauschale abgerechnet und bilden sich somit finanziell nicht ab. Gerade für Ärzte wie mich in der Basisversorgung – das Fußvolk, wie ich es nennen möchte. Und am Schluss kommt dann eben nicht mehr genug raus.

Können Sie das konkretisieren?

Ich habe keine Planungssicherheit, keinen Raum für Investitionen oder etwa für einen eventuellen Umzug, der bei mir anstünde. Mit meiner Steuerberaterin habe ich über fünf Jahre mein Konto angeschaut. Da tut sich nichts, ich bin immer im Minus – und ich bereichere mich nicht, weil auch nichts da ist. Mit meinen Möglichkeiten stoße ich langsam nicht nur an finanzielle Grenzen, sondern auf Dauer auch an psychische. Und dem will ich Einhalt gebieten.

Ein Problem vieler Hausärzte ist, dass ihnen die Kasse kaum noch Zeit für den Patienten gibt. Wie halten Sie es?

Ich habe mir immer die Zeit genommen. Das wissen meine Patienten zu schätzen. Ich befinde mich ja quasi auf Abschiedstour. Viele Patienten, gerade die älteren, die mir vertrauen, machen sich Sorgen, wie es weitergeht.

58 Jahre ist kein Alter, um aufzuhören.

Ich weiß. Viele Leute fragen mich, ob ich in Rente gehe. Ich antworte dann immer: Schön wär’s, aber das kann ich nicht. Als Freiberufler habe ich mich in den letzten 16 Jahren um meine Altersvorsorge und Krankenversicherung gänzlich alleine gekümmert. In den ersten drei Jahren meiner Freiberuflichkeit habe ich mit den Zahlungen in die Altersvorsorge pausiert und vom Geld aus der Praxisgebührkasse meinen Lebensunterhalt bestritten, das nur so nebenbei. Ich kann allerdings auch nicht so weitermachen wie bisher und habe deshalb beschlossen, mich aus der Selbstständigkeit zurückzuziehen. Ich könnte Ihnen da Sachen erzählen.

Nur zu!

Worüber ich mich sehr geärgert habe: Ich hatte eine Interessentin, die mit meiner Kassenarztzulassung übernehmen und eine Gemeinschaftspraxis eröffnen wollte. Aber diese Ärztin hat die KVB verprellt, indem sie von ihr gefordert hat, die Stelle sofort ab 1. Juli ärztlich zu besetzen, wenn sie die Zulassung übernehmen will. Die Interessentin konnte natürlich keinen Arzt aus dem Hut zaubern, deshalb hat sie sich von ihren Plänen zurückgezogen. Das zum Thema: Wir kümmern uns darum, dass die medizinische Versorgung fortgeführt wird. Ich habe sogar in der KVB nachgefragt, ob sie nicht ein halbes Jahr Kulanzzeit gewähren kann: Antwort: Nein, geht nicht. Hierzu muss man wissen, dass die Übergabe einer Kassenzulassung einem rigiden Nachbesetzungsverfahren unter der Leitung des Zulassungsausschusses für Ärzte bei der KVB ausgesetzt ist. Für einen Arzt, der sich eine Woche nach Ablauf der Bewerbungsfrist auf das erste Nachbesetzungsverfahren gemeldet hat, habe ich deshalb ein zweites Nachbesetzungsverfahren und Ausschreibung der Kassenzulassung am 5. Mai 2021 angestoßen. Die Frist läuft in dieser Juniwoche ab. Ein endgültiger Ausgang steht folglich aus.

Und jetzt?

Jetzt kann es passieren, dass meine Zulassung an die KV München geht – oder es gelingt mir doch noch, meine Kassenzulassung an ärztliche Kollegen zu übergeben.

Im Landkreis haben wir im Moment eine hitzige Debatte um den Fortbestand der Kreisklinik.

Das geht alles in dieselbe Richtung. Wenn ich schon die Reden in der Politik über die dringende Förderung der Hausärzte höre, kann ich nur sagen: Da lachen die Hühner.

Wollen Sie über ihre finanzielle Situation sprechen?

Warum nicht? Meine hochbetagten Vermieter, zu denen ich ein sehr gutes Verhältnis pflege, verlängern seit 2016 stillschweigend jährlich meinen Mietvertrag, wir hatten es so einvernehmlich vereinbart. Seit Beginn des Mietvertrags 2005 wurde mir nie die Miete erhöht, sie ist bezahlbar. Wenn ich aber doch umziehen müsste mit der Praxis, dürfte es an die 20 000 Euro kosten. Für einen Umzug einen Kredit aufzunehmen, käme für mich nicht mehr infrage, und ich bin auch nicht bereit dazu. Es würde sich betriebswirtschaftlich schlichtweg nicht lohnen.

Haben Sie Familie? Was bleibt Ihnen zum Leben?

Ich bin geschieden, habe eine 31 Jahre alte Tochter, ebenfalls Ärztin, derzeit in Facharztausbildung. Sie lebt verheiratet in Italien. Im letzten Jahr bin ich Opa geworden. Ihr Medizinstudium habe ich bis vor fünf Jahren mitfinanziert. Mein Gehalt, das ich mir vom Geschäftskonto überweise, liegt bei 4300 Euro brutto – also nicht so üppig, wie die Leute immer denken. Davon gehen 1300 Euro fürs Alter an die Ärzteversorgung und 500 an die private Krankenversicherung. Zusätzlich lege ich 600 Euro monatlich für meine Altersvorsorge an. Mit dem restlichen Geld komme ich gut aus. Eine Familie könnte man davon in unserer Gegend sicherlich nicht unterhalten.

Wie viele Stunden arbeiten Sie in der Woche?

Zwischen 50 und 60.

Und wie groß ist Ihr Patientenstamm?

Normalerweise zwischen 700 und 800 Menschen pro Quartal. Mit Corona hatten wir einen Einbruch um etwa 20 Prozent. Aufgefangen habe ich das, indem ich in der Infektsprechstunde im jetzigen Wolfratshauser Impfzentrum mitgewirkt habe. Dabei habe ich mich von November bis Februar ohne Impfung auch einem gewissen Risiko ausgesetzt. Es waren ja Corona-Patienten dort. Jetzt arbeite ich, wie erwähnt, in der Teststation am Schwankl-Eck mit. Dort bin ich dreimal wöchentlich eingeteilt, wovon ich einmal abrechne. Man muss schon etwas tun, um über die Runden zu kommen.

Was wird aus Ihren Mitarbeitern?

Ich habe zwei festangestellte Medizinische Fachangestellte in der Praxis. Eine dritte Kraft auf 450-Euro-Basis musste wegen Corona aufhören. Als Angestellte eines Krankenhauses durfte sie keine Nebenbeschäftigung mehr ausüben. Meine beiden Angestellten haben bereits neue Stellen gefunden, darüber bin ich sehr froh. Außerdem habe ich eine gute Fee, die in der Praxis sauber macht und meinen Freund, der mir bei der Bürokratie, den vorbereitenden Arbeiten für den Steuerberater und bei der anfallenden Praxiswäsche hilft. Diese beiden bemühen sich noch um Anschlussjobs.

Können Sie sagen, wie es beruflich mit Ihnen weitergeht?

Zunächst einmal: Ich bereue meine Entscheidung nicht. Das Leben ist ein Fluss, der mich irgendwo hintreiben wird. Ich habe aber noch nichts Festes. Zunächst will ich meine Praxis sauber abschließen. In meiner Familie haben alle die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, aber das haben sie schon häufiger (lacht). Ich stand 29 Jahre in der ersten Reihe der Patientenversorgung, 16 Jahre hier in der Praxis, 13 Jahre in Kliniken. Vielleicht ergibt sich eine Möglichkeit, im Gesundheitsamt oder in den umliegenden Rehakliniken einen Arbeitsplatz zu finden. Ebenfalls ausloten möchte ich die Möglichkeit, in Italien zu arbeiten, denn mittelfristig werde ich wohl nach Italien in die Nähe meiner Tochter ziehen, in die Stadt, in der ich Medizin studiert habe, um den Kreis zu schließen.

Lesen Sie auch: Kreisklinik Wolfratshausen - Landrat verlangt neue Strategie und langfristigen Investitionsplan. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen Wolfratshausen-Geretsried-Newsletter.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare