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Modellschiffe sind seine Leidenschaft: Seit Heinz Kunze in Rente ist, baut er mit viel Geduld die filigranen Kunstwerke. Erst kürzlich hat sie der 103-Jährige in der Loisachhalle ausgestellt.

Ein Seebär aus Berlin

Wolfratshauser baut mit 103 Jahren noch Modellschiffe

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Heinz Kunze aus Wolfratshausen ist mit 103 Jahren der älteste Modellbauer in der Flößerstadt. Seine nächste Ausstellung hat er schon geplant. 

Wolfratshausen – Erst hat Heinz Kunze den Rumpf gebaut, dann die Verkleidung. Auf dem Deck des Segelschiffes hat er Holzplanken verlegt, dazwischen ragen drei Masten nach oben. Überall laufen Fäden. Um die Takelage straff zu spannen, dienen Pinzetten als verlängerte Finger. „Die kleinen Knoten zu machen, ist eine Wahnsinns-Arbeit“, sagt Kunze und blickt auf seine Hände. Sie sind faltig, aber ruhig. Und sie sind sein wichtigstes Werkzeug – seit 103 Jahren.

Modellschiffe sind die Leidenschaft von Heinz Kunze, vor Kurzem hat er sie in der Loisachhalle ausgestellt. Die See hat der Wahl-Wolfratshauser zwar nie gesehen. „Aber beim Bauen bin ick ooch Seemann jeworden“, berlinert er und lacht. Seit über 30 Jahren, seit er in Rente ist, baut er Modelle. Acht Boote stehen in seiner Wohnung. Bis zu 3000 Stunden Arbeit stecken in jedem von ihnen. Kunzes bestes Schiff, die 1,30 Meter lange HMS Victoria, wollte der Geschäftsführer des ehemaligen Wolfratshauser Isar-Kaufhauses in sein Schaufenster stellen. „Aber das hab’ ich ihm nicht gegeben“, sagt Kunze. Zu viel Arbeit steckt darin, zu viel Herzblut. Denn seine Arbeit ist sein Leben.

Im Zweiten Weltkrieg hat er sich krankgemeldet

„Ich muss immer was tun“, sagt Kunze. Auch jetzt noch, mit 103 Jahren, vergeht kein Tag, an dem der ehemalige Elektromechanikermeister nichts baut oder bastelt – je detailreicher und filigraner, desto lieber. Die Begeisterung für Technik hat er von seinem Vater. 1926, mit zwölf Jahren, baute Sohn Heinz seinen ersten Radioapparat, lernte dann Elektriker und stellte bei der „Telefunken Gesellschaft für drahtlose Telegraphie“ Tonbandgeräte her.

Dann kam ihm der Zweite Weltkrieg dazwischen. Kunze sollte für Hitler in Leningrad gegen die Russen kämpfen. „Da hab’ ich mich aber krankgemeldet“, erklärt der Rentner und zuckt mit den Schultern. Eine nette Krankenschwester hatte ihn, den „Radiofritzen“, wie er sich selbst gerne nennt, gekannt und im Krankenhaus kurieren lassen.

Nach dem Krieg machte sich Kunze mit einem kleinen Laden in Berlin-Schöneberg selbstständig. Er baute Radios und Messgeräte, Lautsprecherboxen und Musikanlagen. Wegen seiner zweiten Frau zog er 1972 von Berlin nach Bayern. „Aber ick bin und bleibe een Berliner“, betont Kunze. Trotzdem fühlt er sich wohl in Wolfratshausen. „Ein wunderbares Städtchen.“ Oft sieht er seinen Wohnort leider nicht mehr. Kunze ist zwar ohne Rollator unterwegs. „Aber die Beine laufen nicht mehr so wie früher.“ Sein linkes Auge ist blind und das rechte Ohr taub, doch abgesehen davon ist der Senior fit. Mehrmals die Woche kommt eine Bekannte vorbei, die im Haushalt hilft und mit ihm einen Kaffee trinkt. Ansonsten lebt Kunze allein. Verwandte in der Gegend hat er nicht. „Nuja, das ist halt so“, lautet sein Kommentar. „Alleine lebt man auch.“ Er ist nun mal praktisch veranlagt.

„Ich schlafe immer mit meiner Arbeit“, sagt Kunze und grinst

Das sieht man an seiner Wohnung. Sein Schlafzimmer ist zugleich sein Arbeitszimmer. An der einen Wand reihen sich Messgeräte, Radios, Tonbänder und bunte Kabel. Davor steht ein Schreibtisch mit allerlei Werkzeug und zwei großen Lupen. Dort tüftelt Kunze an den vielen Geräten, die sich im Laufe seines Lebens angesammelt haben. An der Wand gegenüber hängt ein Regal mit Fachbüchern. Auf den leicht vergilbten Rücken sind Titel wie „Hilfsbuch für Hochfrequenztechniker“ und „Elektrolyt-Kondensatoren“ zu lesen. Zwischen der ganzen Technik steht ein Holzbett mit einer braun-weißen Decke. „Ich schlafe immer mit meiner Arbeit“, sagt Kunze und grinst verschmitzt.

Doch vor dem Zubettgehen setzt er sich auf die Couch im Wohnzimmer, neben ihm ein Schoppen Rotwein. „Mein Arzt sagt zwar, ich darf keinen Alkohol trinken. Aber ich sage, ich bin 103 Jahre alt.“ Der Fernseher steht nur zur Deko in der Ecke. „Irgendwann schmeiß’ ich den raus und stell’ noch ein Schiff drauf“, sagt Kunze. „Denn ich kann doch nicht nur in die Röhre glotzen. Ich denke immer nach – das hält jung.“ Die besten Ideen kommen ihm, wenn er sich in seine Schiffe vertieft. Was er als nächstes anstellen will, weiß er schon: Im Sommer sollen seine Kunstwerke in München ausgestellt werden. „Damit die Leute mal sehen, was man mit 104 noch alles kann.“

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