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Stippvisite: Auf Einladung der Hebammen besuchte Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (re.) nach dem Gespräch mit Ärzten und Verwaltung den Kreißsaal.

Spießrutenlauf für Mütter

Wolfratshauser Beleghebamme spricht über Geburtshilfe-Krise

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Die Geburtshilfe im Landkreis ist in der Krise. Die Probleme, mit denen Hebammen derzeit konfrontiert werden, erläutert Nicole Lipowsky, Beleghebamme in der Wolfratshauser Kreisklinik.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Vor fünf Monaten wurde die Geburtshilfe der Tölzer Asklepios Stadtklinik aufgelöst. Anfang Oktober soll Gräfelfing folgen. Die Schließung dieser Abteilungen stellen die Hebammen vor große Herausforderungen, um das Mehr an Geburten zu bewältigen. Nicole Lipowsky arbeitet seit 31 Jahren als Hebamme. Seit 2012 leistet sie als freiberufliche Beleghebamme an der Kreisklinik Wolfratshausen Geburtshilfe. Sabine Hermsdorf-Hiss unterhielt sich mit der Schäftlarnerin.

Frau Lipowsky, dieser Tage war Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) Gast an der Kreisklinik Wolfratshausen...

... und bei dem Gespräch wären wir Beleghebammen sehr gerne dabei gewesen. Schließlich ging es um unsere Abteilung und um unsere Arbeit.

Was hätten Sie Frau Huml gerne mit auf den Weg gegeben?

Geburten sind für ein profitorientiertes Unternehmen nicht rentabel. Warum sind Geburten gegenüber einer Hüft- oder Knieoperation so preiswert? Zum Vergleich: Eine Geburt ohne Komplikationen wird laut Krankenhausgesellschaft mit rund 1800 Euro abgerechnet, ein Kaiserschnitt zwischen 2800 und 9000 Euro. Ein künstliches Kniegelenk hingegen bringt zwischen 15 000 und 20 000 Euro. Zudem: Warum gehört die Geburtshilfe nicht zur Grundversorgung wie Elektrokardiografie, Magen- und Darmspiegelungen oder Doppelsono? Es ist doch das Natürlichste überhaupt und der Beginn von allem.

In Wolfratshausen wird nach dem Hebammenbelegsystem gearbeitet.

Wir sind hier in Wolfratshausen insgesamt acht Beleghebammen, die sich rund um die Uhr im Schichtdienst um die werdenden Mütter kümmern. Zudem sind wir auch Ansprechpartnerinnen für Geburtsvorbereitung und Nachsorge.

Was ist der Unterschied zwischen einer Beleghebamme und einer festangestellten?

Nicole Lipowsky: Die Beleghebamme wünscht sich eine besser staatliche Unterstützung.

Die Beleghebamme arbeitet auf selbstständiger Basis. Das bedeutet, dass wir ebenso wie freiberufliche Belegärzte hohe Haftpflichtprämien zahlen müssen. Unser Bruttoverdienst liegt bei etwa 30 bis 40 Euro die Stunde. Die Berufshaftpflicht pro Jahr kostet 4000 Euro, weitere 4000 Euro übernimmt der Spitzenverband der Krankenkassen. Allerdings will der Spitzenverband das in Bayern etablierte Beleghebammensystem abschaffen, was einen weiteren Verdienstverlust bedeuten würde. Wir Beleghebammen im Schichtdienst dürfen zudem nur noch zwei Gebärende gleichzeitig in einer Klinik betreuen. Kommt eine dritte hinzu, für die wir die Verantwortung übernehmen, darf zwar das Krankenhaus alle drei abrechnen, wir jedoch nur zwei. Fest angestellte Hebammen hingegen dürfen mehrere Geburten gleichzeitig begleiten.

Was bedeuten die Schließungen der Geburtshilfe-Abteilungen für die werdenden Mütter – besonders dann, wenn die Wehen bereits akut sind?

In den vergangenen zwei Jahren sind allein im Raum München 800 Frauen von den angefahrenen Kliniken abgewiesen worden. Dann beginnt der Spießrutenlauf von Einrichtung zu Einrichtung. Soweit ich weiß, gibt es mittlerweile sogar Notfallnummern, die einem sagen, wo noch ein Kreißsaal frei ist. Das empfinde ich als unwürdig. Noch vor einem Jahr empfahl man Anfahrtswege von maximal 20 Kilometern. Heute sind bis zu 70 Kilometer an der Tagesordnung. Die ersten Babys sind mittlerweile im Auto am Straßenrand auf die Welt gekommen.

Wie könnte man die Situation verbessern?

Wie gesagt: Die Geburtshilfe sollte als Grundversorgung gelten und müsste im Preis angeglichen werden, um für den Klinikbetreiber attraktiver zu werden. Ebenso könnte man über das Modell nachdenken, dass die Berufshaftpflicht für Hebammen und Gynäkologen wie in der Schweiz über einen staatlichen Fond läuft.

Was würden Sie sich für Wolfratshausen wünschen?

Ich freue mich über die Fusion mit Starnberg. Und natürlich hoffe ich, dass unsere Station erhalten und stabil bleibt, sodass wir den werdenden Müttern weiterhin eine individuelle, familiäre Betreuung bieten können.

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