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Knochenjob: 29 Jahre lang stand Annelies Gall sechsmal die Woche im Schnitt 13 Stunden in ihrem Kiosk. Im Herbst hört sie auf – und freut sich auf mehr Zeit mit ihren acht Enkelkindern.

Kummerkasten mit Vollversorgung

Wolfratshauser Institution führt Kiosk am S-Bahnhof seit 29 Jahren

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Annelies Gall führt den Kiosk am Wolfratshauser S-Bahnhof seit 29 Jahren. In dieser Zeit hat die 66-Jährige aus Egling viel erlebt.

Wolfratshausen– Ein Kiosk ist altmodisch, unrentabel, ein verstaubtes Relikt aus dem vergangenen Jahrhundert. Wer so denkt, sollte bei Annelies Gall vorbeischauen. Er wird sich wundern. Der Verfasser dieser Zeilen findet kaum Gelegenheit, mit der 66-Jährigen zu plaudern. „Grüß Gott, drei Kaffee bitte“, ordert eine Taxlerin, die vom benachbarten Stand heraneilt. Eine ältere Dame möchte, es ist Donnerstag, „den neuen Stern, bitte“. Kaum ist sie weg, sind die nächsten Kunden im Anmarsch. Sie versorgen sich mit Zigaretten. Kommunikativ und freundlich bedient Gall die Leute. Das hat sie in den 29 Jahren, in denen sie den Kiosk am Wolfratshauser S-Bahnhof führt, gelernt, ja lernen müssen. Von Natur aus „bin ich eher still und zurückhaltend“, gibt sie zu.

Sonntags rentiert sich das Aufstehen nicht

Der Verkaufsstand mit seinen Zeitungen, Magazinen, Süß- und Tabakwaren sowie Getränken ist ein einträgliches Geschäft. Er hat die damals alleinerziehende Mutter zwar nicht reich gemacht, sie und ihre vier Kinder jedoch ernährt, nachdem sie den Laden 1988 von ihrem Vorgänger Max Huber übernommen hatte. „Die Lage an der S-Bahn ist natürlich das A und O“, sagt die gelernte Näherin, „aber es ist auch ein Knochenjob.“ Von Montag bis Freitag schlüpft die Eglingerin jeden Tag um 4.30 Uhr aus den Federn, um pünktlich um 5 Uhr im Geschäft zu stehen. Die sportlich knappe Zeitspanne zwischen Bett und Kiosk ist ein kleiner Luxus, den sie sich gönnt. Gall grinst, als sie sagt: „Ich reize das Aufstehen wirklich bis zur letzten Sekunde aus.“ 

Um 18.30 Uhr sperrt sie den Laden zu. Samstags fängt die 66-Jährige eine Stunde später an und schließt um 16 Uhr. Der Sonntagsverkauf, in früheren Zeiten der Trumpf eines florierenden Kiosks, „hat sich längst erledigt“. An diesem Tag zu öffnen, lohnt sich nicht mehr. Tankstellen-Shops und Bäckereien sind eine zu große Konkurrenz.

Nachfolgerin über Mundpropaganda gefunden

Doch werktags behauptet sich Gall ganz locker, was auch an ihrem treuen Klientel liegt. Zwei Drittel seien Stammkunden, sagt sie, „und überwiegend sehr nette. So lassen sich die wenigen anderen auch ertragen.“ Klar, dass sie in den 29 Jahren bisweilen auch als Seelentröster und Kummerkasten diente. Welche Sorgen, Nöte und Probleme ihr die Leute anvertrauen? Die 66-Jährige wird ernst: „Was zwischen mir und meinen Kunden gesprochen wird, das bleibt auch unter uns.“

Bald werden sich Wolfratshauser und Pendler an ein neues Gesicht gewöhnen müssen. Am 15. Oktober übergibt Annelies Gall den Kiosk an ihre Nachfolgerin. „Es wird Zeit, aufzuhören“, sagt sie, auch wenn zwei ihrer Freundinnen sie immer wieder entlastet hätten. Jemand Geeigneten zu finden, war gar nicht leicht. Einige Bewerber meinten, „sie stellen sich hier rein und werden Millionär, ohne etwas zu arbeiten. Von 13 Stunden am Tag und nur einer Woche Urlaub im Jahr wollten die nichts hören.“ Natürlich fielen die bei einer eingefleischten Standlfrau wie Annelies Gall durch. Die Richtige fand sich schließlich über Mundpropaganda. „Meine Tochter ratscht gerne. Über sie kam der Kontakt zustande.“

Ein Hintertüchen steht offen

Obwohl sie „den Job wahnsinnig gerne“ gemacht hat, freut sich die Bald-Rentnerin auf den kommenden Lebensabschnitt. Angst, in ein Loch zu fallen, umtreibt sie nicht. „Warum auch, ich habe acht Enkelkinder, das kleinste ein halbes Jahr alt.“ Und sollte ihr wider Erwarten fad werden, steht ihr an der Bahnhofstraße 35 das Hintertürchen offen. Ihre Nachfolgerin habe gefragt, ob sie bereitstünde, falls Not am Mann ist. Galls: Antwort: „Wenn’s is’, helfe ich natürlich.“

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