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Die Eingangstüren sind seit gut drei Jahren versperrt, die von Kinderhänden bemalten Schaufenster des ehemaligen Isar-Kaufhauses haben ihren Charme lange verloren.

„Anblick stimmt mich sehr, sehr traurig“

Vor drei Jahren schloss das Isar-Kaufhaus

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Wolfratshausen - Das Isar-Kaufhaus in der Altstadt war eine Institution. Gut drei Jahre steht die prominente Immobilie mittlerweile leer. Die Zukunft des Gebäudes steht nach wie vor in den Sternen.

Nach wochenlangem, öffentlich ausgetragenem Streit zwischen Mieter Frederik Holthaus und Gebäudeeigentümerin Angela Scheller zog der Geschäftsführer des Isar-Kaufhauses die Reißleine. Er kündigte den Mietvertrag zum 31. Dezember 2012. „Letzter Verkaufstag war der 15. Dezember 2012“, erinnert sich Holthaus im Gespräch mit unserer Zeitung. 18 000 Euro Monatsmiete, so lautete sein letztes Angebot. „Nicht zu vergessen: Ich hätte auch weiterhin alle Instandhaltungskosten für die Immobilie übernommen“, betont Holthaus. Er sei bereit gewesen, einen Fünf-Jahres-Vertrag zu unterschreiben – doch Eigentümerin Scheller habe abgelehnt. Seither steht das Gebäude der Straßlacherin auf dem gut 1100 Quadratmeter großen Grundstück leer. Sie hat das Wolfratshauser Immobilienbüro Bartsch mit der Suche nach einem Käufer für das Objekt beauftragt. Für das „Wohn- und Geschäftshaus in Bestlage in der Altstadt“ verlangt die Eigentümerin 2 525 000 Euro – laut Exposé „im aktuellen unsanierten Zustand“.

Der Kaufmann hat "mit kühlem Kopf" entschieden

Als Kaufmann habe er seinerzeit „mit kühlem Kopf“ entscheiden müssen, sagt Holthaus. Mehr als die besagten 18 000 Euro monatlich „hätte ich nicht zahlen können“. Die Umsätze seien rückläufig gewesen, „ich hatte keine Luft mehr nach oben“. Was ihn heute beim Spaziergang durch die Altstadt schmerzen würde, „ist die Tatsache, dass das Gebäude leer steht“. Wäre ein neuer Betrieb eingezogen, „dann würde halt der dort heute seine Geschäfte machen“. Der Anblick der verfallenden Immobilie, die jahrzehntelang Anlaufpunkt für Kunden aus Nah und Fern sowie Arbeitsplatz für viele Menschen war, „stimmt mich sehr, sehr traurig“, gibt Holthaus zu. Immerhin sei es ihm gelungen, viele Stammkunden – auch aus der Loisachstadt – ins Isar-Kaufhaus in Geretsried zu locken.

Im Wolfratshauser Zentrum ist es seit Dezember 2012 deutlich ruhiger geworden. Die ausbleibenden Kaufhauskunden, man munkelt von 600 pro Woche, fehlen natürlich dem einen oder anderen Einzelhändler und Café-Betreiber in der Nachbarschaft. Alle Gerüchte, dass die Immobilie, die laut Holthaus 2200 Quadratmeter Verkaufsfläche umfasst, wieder zum Leben erweckt wird, blieben Gerüchte. Auch der Vorsitzende des Vereins Lebendige Altstadt Wolfratshausen, Hans-Werner Kuhlmann, der Ende 2013 „in vertraulichen Gesprächen im Hintergrund“ erfahren haben wollte, dass ein Durchbruch erzielt worden sei, blieb den Beweis dafür schuldig.

Der Traum heißt "Hugo-Passage"

Den Traum der Gebäudeeigentümerin sowie vieler Wolfratshauser hat das Immobilienbüro Bartsch gemeinsam mit dem Architekten Robert Wieser visualisiert. Aus dem hässlichen Entlein am Untermarkt könnte die mondäne „Hugo-Passage“ werden. Der Projektname ist eine Reminiszenz an den vor einigen Jahren verstorbenen ehemaligen Eigentümer der Immobilie – doch die „Hugo-Passage“ existiert nur als Computermodell: Zwei schicke Geschäfte im Erdgeschoss, dazu Kanzleiräume beziehungsweise Praxen und moderne Wohnungen. Im Februar 2014 legten Bartsch und Wieser ihre Planungen dem städtischen Bauausschuss vor, die Kommunalpolitiker reagierten begeistert: Richard Kugler (CSU) nannte das Vorhaben „sehr lobenswert“, der Fraktionschef der Bürgervereinigung, Josef Praller, freute sich über eine „positive Entwicklung“ die die Flößerstadt durch das Projekt nehmen könnte. Ein Investor für die „Hugo-Passage“ fand sich bis zum heutigen Tag nicht.

Das mag zu einem daran liegen, dass die aufwändigen Umbau- und Renovierungsarbeiten laut Informationen unserer Zeitung mit gut vier Millionen Euro zu Buche schlagen würden. Zum anderen ist laut Exposé „die Kfz-Stellplatzsituation für dieses Objekt auf dem eigenen Grundstück eingeschränkt“. Dem potenziellen Investor wird der Bau einer Tiefgarage empfohlen.

Die Wunschlösung: Das Immobilienbüro Bartsch und der Architekt Robert Wieser visualisierten Anfang 2014 die „Hugo-Passage“. Ein mondänes Wohn- und Geschäftshaus, das den Namen des vor einigen Jahren verstorbenen Eigentümers des bestehenden Gebäudes am Wolfratshauser Untermarkt trägt.

Nicht zu vergessen das Thema Denkmalschutz: Während der Bauausschuss dem von Angela Scheller beantragten Komplettabriss des Ex-Kaufhauses, das aus drei Gebäudeteilen besteht, nicht im Wege stehen wollte, legte die Denkmalschutzbehörde im Landratsamt ihr Veto ein. Demnach dürfen die Teile mit den Hausnummern 7 und 9, der ehemalige Getreidestadel und die einstige Knabenschule, dem Erdboden gleich gemacht werden. Die Hausnummer 11, das ehemalige Seifensiederhaus, darf zwar entkernt werden, die Fassade, das Dach, die Rückwand sowie die Wand zum Dr.-Happ-Gassl sind jedoch tabu. Die Entscheidung der Denkmalschützer kommentierte Projektentwickler Bartsch mit dem Satz: „Ein guter und wichtiger Schritt, aber nicht der Beste.“ Denn: Bartsch und Architekt Wieser wollten Kunden und Anwohner der „Hugo-Passage“ durch das Happ-Gassl auf das Gelände und in die Tiefgarage lotsen. Dafür müsste die schmale Gasse verbreitert werden. „Das geht jetzt nicht mehr“, so Bartsch – weil eben die Fassade des zu erhaltenden Seifensiederhauses direkt ans Happ-Gassl angrenzt. Zudem war der Weg als Erschließungsstraße gedacht. „Ein Betonmischer kommt da aber kaum durch.“ Ein drittes Problem seien die Geschosshöhen. Die „Hugo-Passage“ solle barrierefrei sein. Auch davon müssten sich die Planer verabschieden. „Heute hat man andere, zeitgemäßere Raumhöhen als im Seifensiederhaus“, erläuterte Bartsch im Gespräch mit unserer Zeitung. „Unter 2,55 oder 2,60 Meter braucht man im Gewerbebereich nicht anzufangen.“ Summa summarum überwindbare Hürden, die das Unterfangen allerdings verteuern. Mutmaßlich mit ein Grund dafür, dass Immobilienmakler Bartsch und seine Mitarbeiter nach eigenen Angaben zwar schon Gespräche mit vielen Interessenten geführt haben, doch ein Käufer fand sich nicht.

Wind und Wetter nagen am Isar-Kaufhaus

Derweil nagen Tag und Nacht Wind und Wetter am ehemaligen Isar-Kaufhaus. „Es ist leider mittlerweile ein Schandfleck“, urteilt Stadtrat Peter Ley. Auch die seinerzeit „nette Idee“, die Schaufenster von Kinderhänden bemalen zu lassen, habe längst ihren Charme verloren. Die Plakafarben sind ausgetrocknet, peu à peu lösen sich Sonnenstrahlen und Strichmännchen vom Glas. „Vielleicht wäre es besser, das ganze Gebäude zu verhüllen“, meint Ley. „Wenn der Stadtrat das möchte, müsste das Gremium uns beauftragen, Kontakt mit der Immobilien-Eigentümerin aufzunehmen“, erklärt Bauamtsmitarbeiterin Susanne Leonhard. Ansonsten „gibt es keinen Vorgang Isar-Kaufhaus bei uns“. Der Abrissantrag von Angela Scheller sei abgearbeitet. Leonhard: „Das ist der Stand der Dinge.“

von Carl-Christian Eick

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