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Essensausgabe: An vier Tafeln im Landkreis dürfen sich Besitzer einer Sozialcard mit Lebensmitteln versorgen. Es sind in erster Linie Rentner, Alleinerziehende, Hartz-IV-Empfänger und Migranten.

Altersarmut

Tafeln: Scham der Senioren ist stärker als ihr Hunger

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Der Dachverband der Tafeln in Deutschland spricht von immer mehr Rentnern an seinen Ausgabestellen. Dieser Trend bestätigt sich im Landkreis noch nicht.

Bad Tölz-Wolfratshausen – An sich ist Deutschland ein reiches Land. De Menschen hier haben Zugang zu ausreichend Nahrung, zu sauberem Wasser, sie haben ein Dach über dem Kopf und einen Job – aktuell herrscht nahezu Vollbeschäftigung. Und doch schleicht sich die Armut in Teile der Gesellschaft.

Abzulesen ist das an der Frequentierung der 947 Tafeln hierzulande. Nach einer aktuellen Hochrechnung des Dachverbands „Tafel Deutschland“ nehmen rund 1,65 Millionen Menschen die Angebote der Ausgabestellen regelmäßig in Anspruch – das sind zehn Prozent mehr als vor einem Jahr. Als „besonders dramatisch“ bezeichnete Jochen Brühl, Chef von Tafel Deutschland“, kürzlich den steigenden Anteil der Senioren unter seinen Abnehmern: Viele Rentner – jeder vierte Kunde, 20 Prozent mehr als 2018 – deckten sich bei den Tafeln regelmäßig mit Lebensmitteln ein.

Solche Zahlen erstaunen Claudia Brenner. Sie habe extra noch einmal nachgefragt bei ihrer Schatzmeisterin Eliane Roth, sagt die stellvertretende Vorsitzende und Sprecherin der Geretsrieder- Wolfratshauser Tafel. „Aber auch sie weiß nichts von einem eklatanten Zulauf an Senioren“ in den beiden Ausgabestellen im Wolfratshauser Jugendhaus LaVida und am Geretsrieder Vereinssitz an der Jeschkenstraße.

Seit Jahren betreut die Tafel im Nordlandkreis „zwischen 700 und 750 Menschen“. Während der großen Flüchtlingswelle 2014/15 seien es ein paar mehr Asylbewerber gewesen. „Doch auch das hat sich mittlerweile reguliert“, sagt Brenner. Die Kundschaft verteile sich wie früher homogen auf die Gruppen Migranten, Alleinerziehende, Harz IV-Empfänger und Rentner.

Ähnlich ist es in Kochel. Thomas Schneider, Mitglied des Orga-Teams und Sprecher der Loisachtaler Tafel, registriert keine signifikant gehäuften Besuche von Senioren im ehemaligen Monaco-Keller unter der Heimatbühne. Überhaupt sei die Zahl der Kunden am Kochelsee eher rückläufig – „leider“. Leider? „Ja“, sagt Schneider, auch wenn das komisch klingt.“ Derzeit kämen jeden Montag nämlich nur etwa 20 Bürger, „wir haben aber Ware für 35 Menschen“. Allerdings würden einige Kunden Lebensmittel für größere Familien abholen. Gut so, denn es wäre fatal, wenn am Ende der Ausgabe etwas übrig bleibt. Schneider: „Schweine, bei denen die Nahrungsmittel als letztes landen, sind ja nun wirklich nicht die richtigen Adressaten.“

Dass weniger Menschen, auch Senioren, um Lebensmittel bitten, hat nach Schneiders Auffassung mit großer Scham zu tun. Das verdeutliche ein einfaches Zahlenbeispiel: Früher, als die Penzberger Tafel noch das Loisachtal mitversorgte, fuhren regelmäßig 25 bedürftige Kochler dorthin. „Seit wir die Lebensmittel hier vor Ort ausgeben, sind es nur noch acht.“ In der Anonymität falle es den Bedürftigen leichter, die Hilfe der Tafel in Anspruch zu nehmen „als vor der eigenen Haustür“ – im Blickfeld der Nachbarn.

Birgitta Opitz kann ebenfalls nicht bestätigen, dass sich die Zahl der Rentner an der Lenggrieser Tafel in jüngster Zeit vervielfacht hat. Ähnlich wie ihr Kochler Kollege Schneider spricht sie von einem „sehr gemischten“ Publikum. Sie weiß allerdings aus zahlreichen Gesprächen, dass viel mehr Rentner einen Anspruch auf die Dienste der Tafel hätten – dazu ist eine Sozialcard nötig (siehe Kasten) –, als tatsächlich kommen. Schon einen solchen Berechtigungsausweis zu beantragen, sei für viele Menschen eine kaum zu überwindende Hürde, da sie sich mit ihm abgestempelt fühlen. Opitz: „Mit der Karte haben sie ja quasi schwarz auf weiß, dass die bedürftig sind.“

„Die Scham der Senioren überwiegt den Hunger“, glaubt Opitz. Ihr habe mal eine bedürftige alte Dame gesagt, sie habe den Krieg überlebt und ihre Kinder großgezogen, ohne dass sie hätten hungern und frieren müssen. „Nun werde ich das auch noch alleine schaffen.“ Sogar die Lieferung von Lebensmitteln frei Haus in Privatautos der Tafelmitarbeiter lehnten viele ab. „Die Nachbarn könnten ja eine Regelmäßigkeit erkennen.“

Zum selben Thema: Tafel zieht Bilanz: „Sind nicht dazu da, zu entscheiden, wer kommen darf“

Auch aus diesem Grund hat die Sprecherin der Lenggrieser Tafel vor 13 Jahren den Verein „Nur a bisserl Zeit“ gegründet. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, in der Gemeinde lebende Senioren im Alltag zu unterstützen – auch finanziell. „Dank des Vereins ist es uns möglich, absolut anonym zu helfen“, sagt Opitz.

peb

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