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Flasche leer: 61 jugendliche Komasäufer gab es im vergangenen Jahr im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen – sieben Prozent mehr als im Jahr 2014.

Alkoholmissbrauch 

Zahl junger Komasäufer steigt

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  • Patrick Staar
    Patrick Staar
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Wolfratshausen – Der Alkoholkonsum geht zurück, es gab aber 2015 mehr jugendliche Komasäufer im Landkreis. Was wie ein Widerspruch klingt, muss nicht unbedingt einer sein.

„Mehr Komasäufer im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen“, schreibt die Krankenkasse DAK in einer Pressemitteilung. Demnach mussten im vergangenen Jahr 61 Kinder und Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus behandelt werden – 43 Buben und 18 Mädchen. Ein Plus von sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das Kuriose: Erst kürzlich vermeldete die Jugendsuchtberatung der Caritas, dass der Alkoholkonsum rückläufig sei. „Tatsache ist: Insgesamt wird weniger getrunken, aber bei Jugendlichen ist das nicht der Fall“, sagt Herbert Peters von der Suchtberatung. „Die Akzeptanz von Alkohol bei Jugendlichen ist groß.“

Unter dem Begriff „Komasaufen“ verstehe man eine Vergiftung, die bis zur Bewusstlosigkeit gehen kann – aber nicht muss, sagt Peters. Dass die gestiegenen Zahlen der DAK der Realität entsprechen, bezweifelt Peters nicht. Denn „Komatrinker werden von den Krankenkassen erfasst.“ Dass es eine Diskrepanz gebe zwischen den Zahlen, die dem Präventionsprojekt HaLT (Hart am Limit) von den Krankenhäusern gemeldet werden, und den Zahlen, die den Krankenkassen vorliegen, müsse aufgeklärt werden.

„Es kann sein, dass die betroffenen Jugendlichen nicht zur Beratung kommen, oder dass es für sie oder ihre Eltern zu peinlich ist“, sagt Peters. Möglich sei auch, „dass innerhalb des Krankenhauses der Weg zur Suchtberatung nicht gefunden wurde“. Denn eigentlich habe das Angebot eine hohe Akzeptanz, die Beratungszahlen seien stetig gestiegen. Gerade auch, weil man gut vernetzt sei.

Das Projekt HaLT versucht, junge Leute frühzeitig zu erreichen und über die Gefahren von Alkohol aufzuklären. „Oft kommen Freunde, Eltern oder Lehrer auf uns zu. Manchmal auch die Jugendlichen selbst, wenn sie merken, dass sich ihr Alkoholkonsum nicht mehr im normalen Rahmen bewegt“, sagt Peters. Wichtig sei, dass es bei dem Angebot um eine Beratung, nicht eine Behandlung gehe.

Etwas gegen den Trend verläuft die Entwicklung in Geretsried: „Was Alkohol betrifft, ist bei uns ruhig“, sagt Michael Mock, Streetworker bei der mobilen Jugendarbeit in Geretsried. „Die Cliquen und Jugendlichen feiern kräftig – aber nicht so lange, bis sie ins Krankenhaus müssen.“ Die Feiern verliefen „alterstypisch“: „Die Jugendlichen kotzen in den Busch und schlafen ihren Rausch aus.“

Warum ist es in Geretsried eher ruhig? „Die Polizisten arbeiten hier sehr erfolgreich“, entgegnet Mock. „Sie haben Wodka, Zigaretten und illegale Drogen stark im Fokus. Die Jugendlichen meiden Treffpunkte, Straßen und Plätze, weil sie immer damit rechen müssen, dass sie untersucht werden.“ Im Ruhrgebiet, wo die Infrastruktur zerbröselt, sei die Lage wesentlich dramatischer: „Die Leute können froh sein, wenn ihre Kinder hier aufwachsen. Im Vergleich zu anderen Gebieten in Deutschland ist hier die Welt noch in Ordnung.“

Trotz aller Ruhe herrscht auch in Geretsried nicht Friede, Freude, Eierkuchen. So beobachtet Mock, dass das Einstiegsalter für den Drogen immer weiter sinkt: „Früher haben die Jugendlichen mit 15 oder 16 Jahren begonnen, jetzt mit 13 oder 14.“ Cannabis löse Alkohol als Droge Nummer eins allmählich ab. Vor allem deshalb, weil die Wirkung oft unterschätzt wird. Eine Überdosis sei nicht sofort tödlich, „aber Cannabis kann Psychosen und Abhängigkeit auslösen“, warnt der Streetworker. „Außerdem werden die Atemwege genauso geschädigt wie von Zigaretten.“ Um das Problem der Unwissenheit in den Griff zu bekommen, seien vor allem die Eltern und das Bildungssystem gefordert.

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