Mit Münzgeld wird immer seltener bezahlt. Das ist nicht zuletzt eine Folge der Corona-Pandemie.
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Mit Münzgeld wird immer seltener bezahlt. Das ist nicht zuletzt eine Folge der Corona-Pandemie.

Bares ist seltener Wahres

Bargeld abschaffen? „Nur wer sich richtig Ärger einhandeln will“

  • Carl-Christian Eick
    vonCarl-Christian Eick
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In Zeiten der Corona-Pandemie verliert Münzgeld weiter an Bedeutung. Viele Kunden zahlen lieber kontaktlos.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Im Portemonnaie, in der Hosentasche oder im Sparschwein: Jeder Bundesbürger hortet statistisch betrachtet 181 Cent- beziehungsweise Euro-Münzen. Doch das sogenannte Kupfergeld, das glauben viele, könnte nach und nach verschwinden. Nicht zuletzt als Folge der Corona-Pandemie. „Wir wissen aber, dass die Deutschen das Bargeld – und damit auch das Münzgeld – nach wie vor lieben“, sagt Willi Streicher, Pressesprecher der Sparkasse Bad Tölz-Wolfratshausen.

Noch in diesem Jahr will die EU-Kommission über das Wohl und Wehe von Ein- und Zwei-Cent-Stücken entscheiden. Für deren Abschaffung spricht laut der deutschen Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen unter anderem, dass die Produktionskosten den Nennwert der Winzlinge übersteigen. Apropos Kosten: Die Nordseeinsel Wangerooge wird seit Ende 2019 nicht mehr mit Münzgeld beliefert, weil es aufgrund von Ebbe und Flut häufig nicht preiswert mit der Fähre, sondern per sündteurer Luftfracht auf die Insel geschafft werden musste.

Wir bemerken einen starken Zugang an Online-Zahlungen im Handel, auch immer mehr Kleinbeträge

Willi Streicher, Sprecher der Sparkasse Bad Tölz-Wolfratshausen

„Wir bemerken einen starken Zugang an Online-Zahlungen im Handel, auch immer mehr Kleinbeträge“, berichtet Willi Streicher. „Die Corona-Pandemie hat, meist aus Hygienegründen, hier nochmals einen großen Schub gebracht“, stellt der Sparkassen-Sprecher fest. Die Folge: „Bargeldtransaktionen werden immer weniger.“ Bei den Händlern „greift auch immer mehr das Bewusstsein, dass ,Geld zählen‘ sehr arbeitsaufwendig ist“, so Streicher. Online landet der Betrag dagegen direkt auf dem Konto.

Die Sparkasse hat sich auf diese Entwicklung laut Streicher längst vorbereitet: „Mit allen Karten – SparkassenCard und Kreditkarte – sowie mit dem Smartphone können unsere Kunden kontakt- und bargeldlos bezahlen.“ Parallel rüste die Sparkasse die Händler mit Terminals aus. Noch stellt das Unternehmen nach Streichers Worten in ihren Beratungs-Centern allerdings Münzgeld bereit, eingezahlt werden kann es am Automaten. Aber: „Aufgrund des hohen Aufwands werden die Münzgeldbereitstellung und -einzahlung bepreist.“ Das heißt: Für die Transaktionen verlangt die Sparkasse eine Gebühr. „Wir sind zum Beispiel gesetzlich verpflichtet, jede Münze auf Echtheit zu prüfen, das ist ein sehr großer Aufwand“, erklärt Streicher. Ausgenommen von der Gebührenpflicht „sind selbstverständlich Kinderspardosen“.

Corona-Pandemie sorgte für einen Schub

Der Trend zum bargeldlosen Einkauf „hat durch die Corona-Pandemie einen Schub erhalten“, bestätigt Till Hemmer, Prokurist der VR Bank München Land, die Filialen in Wolfratshausen, Geretsried und Münsing unterhält. Seine Erfahrung: „Insbesondere die Hygiene beim bargeldlosen Zahlen führt vermehrt zu Transaktionen mit der Girocard und den angebotenen Kreditkarten. Hinzu kam ApplePay als neues Zahlungsverfahren, dass von den Kunden gut angenommen wird.“ Doch Hemmer verweist auf eine aktuelle Studie der Deutschen Bundesbank, demnach wird noch immer die Hälfte der Bezahlvorgänge mit Bargeld getätigt. Er gehe davon aus, „dass ein Teil der Bevölkerung weiterhin auf Bargeld und somit auch auf Münzgeld nicht verzichten möchte.“ Allerdings rechnet Hemmer „perspektivisch“ damit, dass die Annahme und Ausgabe von Münzgeld nur noch an den größeren Standorten der VR Bank München Land angeboten wird. Ähnlich wie Sparkassen-Sprecher Streicher begründet er dies mit dem hohen und für die Bank kostspieligen Aufwand.

Nur nur wer sich richtig Ärger einhandeln will, schafft das Bargeld ab.“

Manfred Klaar, Vize-Vorstandsmitglied der Raiffeisenbank im Oberland

„Uns geht’s wie dem Handel: Das Thema Münzgeld ist letztlich ein riesen Logistikthema“, sagt Andreas Pentenrieder, Leiter des Vertriebsmanagements bei der Raiffeisenbank Isar-Loisachtal. Das in Wolfratshausen beheimatete Unternehmen nimmt laut Pentenrieder Bargeld von Kunden an, die für diese Dienstleistung „einen symbolischen Euro“ zahlen müssen. Die Leerung von Kinderspardosen während der Weltsparwoche „ist selbstverständlich von dieser Regel ausgenommen“.

Um die vielen Cent- und Euro-Stücke wieder in den Geldkreislauf einzuspeisen, ist die Raiffeisenbank auf einen externen Dienstleister angewiesen. Der sammelt die Münzen – nach der Echtheitsprüfung vor Ort – ein, transportiert sie zur Bundesbank und versorgt wiederum auf dem umgekehrten Weg die Bank mit Bargeld. Der „symbolische Euro“, der vom Kunden verlangt wird, decke die tatsächlichen Kosten bei Weitem nicht, so Pentenrieder.

Die Corona-Pandemie hat nach seinen Worten nicht nur bei vielen Bürgern das kontaktlose Bezahlen forciert. Gestiegen sei parallel die Nachfrage nach Bezahlterminals. Selbst Kioske und Bäckereien bieten ihren Kunden zunehmend die Möglichkeit, auch kleine Geldbeträge mittels Plastikkarte zu begleichen. Eine „extreme Verschiebung“ beobachtet Pentenrieder bei der Gastronomie. Hielten sich der Einsatz von Bargeld und EC-Karte bislang die Waage, werde beim Straßenverkauf in Lockdown-Zeiten „zu zwei Dritteln bargeldlos bezahlt“.

Plastikgeld wird der Münze „den Umsatz nehmen“

Manfred Klaar, Vize-Vorstandsmitglied der Raiffeisenbank im Oberland mit Stammsitz in Bad Tölz, leert jeden Abend seinen Geldbeutel: „Die Münzen kommen in eine Schüssel, ist die voll, zahle ich das Geld auf mein Konto ein.“ Selbstverständlich „zahle ich dafür die fällige Gebühr“, betont Klaar mit einem Augenzwinkern. Denn wie seine Berufskollegen weiß er: Die „Münzgeldprüfverordnung“ kommt die Banken teuer zu stehen. Rechnerisch sei der Umgang mit Cent- und Euro-Stücken „definitiv defizitär“. Nur ein sehr geringer Teil der Kosten werde auf die Kunden umgelegt.

Vor allem der Lockdown in der Gastronomie habe in den vergangenen Monaten den Bargeldverkehr gedrosselt. Das führt Klaar nicht zuletzt auf ein „Stadt-Land-Gefälle“ zurück. Während in München schon seit Jahren viele Restaurant-Besucher ihre Rechnung bargeldlos begleichen, sei in den Gasthäusern auf dem Land vorrangig Bares Wahres.

Mittelfristig werden Plastikkarten und Smartphones „der Münze den Umsatz nehmen“, prognostiziert Klaar. „Doch nur wer sich richtig Ärger einhandeln will, schafft das Bargeld ab.“ Für den deutschen Michel seien die Münzen und Scheine „ein Wertspeicher“. Die Bürger würden „auf die Stabilität unseres Geldes“ vertrauen – im Gegensatz zu Menschen in vielen anderen Ländern.

cce

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