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Gegen das Vergessen: Zeitzeugin Rachel Salamander (li.) spricht vor der Kamera von Filmemacher Rüdiger Lorenz mit Dr. Sybil le Krafft, Vorsitzender des Badehaus-Vereins, über ihre Kindheit im Lager Föhrenwald.

Der Mann mit dem Totenkopf

Zeitzeugin Dr. Rachel Salamander erzählt von ihrer Kindheit im Lager Föhrenwald

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An den Mann mit dem Totenkopf erinnert sich Zeitzeugin Dr. Rachel Salamander noch heute. Sie hat ihre Kindheit im heutigen Waldram verbracht.

Waldram – Dr. Rachel Salamander erinnert sich noch gut an den Mann, der in den 1950er Jahren das Badehaus im Lager Föhrenwald geheizt hat. Seinen Namen weiß die 68-Jährige zwar nicht mehr. Doch sein Aussehen hat sie in all den Jahren nicht vergessen: „Ich könnte ihn malen.“ Der Mann trug eine dunkelblaue Joppe, war immer ganz glatt rasiert, hatte dunkle Haare und war oft sehr rot im Gesicht. Der Mann heizte das jüdische Badehaus. „Es war das Haus, in dem wir den Alltag hinter uns gelassen und uns innerlich auf etwas Heiliges eingerichtet haben.“ Umso größer war der Schock, den die Juden nach dem Tod des Mannes erlebten. Rachel Salamander deutet auf ihren Arm: „Auf seinem Oberarm war ein Nazi-Totenkopf tätowiert.“

„Es hat lange gedauert, bis sich jemand an uns erinnerte.“

Diese Szene hat sich tief in Salamanders Gedächtnis eingebrannt. Sie ist wohl die bezeichnendste, die sie mit dem Ort für Heimatlose, sogenannte Displaced Persons (DPs), verbindet. Vor Kurzem sprach die Buchhändlerin und Journalistin mit Dr. Sybille Krafft, Vorsitzende des Badehaus-Vereins, über ihre Kindheit in Waldram. „Es hat lange gedauert, bis sich jemand an uns erinnerte.“ Mit ihrer Geschichte will sie dazu beitragen, dieses Stück Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Als Zweijährige kam Rachel Salamander 1951 mit ihrer Familie im Lager Föhrenwald an, sechs Jahre lebte sie dort. „Ich erinnere mich sehr stark an Kälte“, sagt sie. „Ich weiß, dass ich viel Hunger hatte.“ Ein paar Erinnerungen hat sie auch an Wolfratshausen. Die an den Ohrenarzt ist eher unangenehmer Art, wie auch an die Begegnung mit den Sternsingern auf der Loisachbrücke. „Ich hatte fürchterliche Angst vor den Heiligen Drei Königen“, erzählt sie schmunzelnd. Doch an ihren Geigenlehrer denkt sie gern. Obwohl für nichts Geld da war, wollte ihr Vater, dass seine Tochter Geige lernt. Das Mandolinenspiel hatte auch sein Leben bereichert.

Die Erwachsenen hätten versucht, den Mädchen und Buben die Zeit im Lager so angenehm wie möglich zu machen. Die Kinder waren ein Symbol, an das sich die Holocaust-Überlebenden klammerten – das der „fleischgewordenen Zukunft“. Salamander: „Wir hatten ein ganz wunderbares Leben. Zuneigung und Geborgenheit waren da, auch wenn drumherum miserable Zustände waren.“

Zeit nach Auflösung des Lagers war schwierig

Umso schwieriger sei die Zeit nach der Auflösung des Lagers gewesen. In München erlebte Salamander „eine völlig neue Welt“. Anders als heute konnten sich die Menschen nicht an Integrations-Helfer wenden. „Es gab nix für traumatisierte Holocaust-Opfer.“ Man musste allein klarkommen – nicht zuletzt, weil der Großteil der Gesellschaft die DPs gar nicht kannte.

Salamander setzte sich deshalb früh mit ihrer Vergangenheit auseinander. Das war nicht einfach: „Es ist merkwürdig, dass man über etwas forscht, was man selbst ist.“ Doch sie habe diese Aufarbeitung immer als Pflicht empfunden. Dass nun der Verein das ehemalige Badehaus in eine Dokumentationsstätte verwandelt, sei wichtig, „um die „grauenvolle Zeit für uns Juden wachzuhalten“. Salamander betont: „Die Geschichte sollen auch die Menschen wahrnehmen, die heute hier leben.“

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