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Zurück zur Natur: Der aktuelle Hype um das Thema Bushcraft

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Von: Peter Borchers

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Sepp Fischer, Bushcrafter
Waldhandwerker von Beruf: Der Tölzer Wildnisexperte Sepp Fischer. © Privat

Netflix, Facebook, Online-Gaming - es droht der digitale Overkill. Immer mehr Menschen sehnen sich aus diesem Grund nach Natur. Viele finden sie in einem Hobby, das im Trend liegt: Bushcraften.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Die Szene hat ihre Stars: Der Magdeburger Fritz Meinecke brachte es zu über eine Million YouTube-Followern, zum Buchautor und zum TV-Moderator. Der „Waidla“ alias Gerhard Eder lockt mit seiner ruhigen, spirituellen Herangehensweise an das Thema Tausende von Abonnenten auf seinen Kanal „Backpacker Wilderness“. Und wer meint, dass das Waldhandwerk, neudeutsch Bushcraft, nur in rauen Männerhänden ruht, dem beweist Vanessa Blank das Gegenteil: Knapp 86 000 Fans klicken, wenn die junge Mutter aus dem Chiemgau eines ihrer Outdoor-Abenteuer online stellt. Kein Zweifel: Was der im vergangenen Jahr verstorbene „Sir Vival“ Rüdiger Nehberg einst mit knallharten Überlebensmärschen anstieß und der englische Ex-Soldat Edward Michael „Bear“ Grylls in spektakulären TV-Abenteuern fortführte, hat in abgemilderter Form Einzug in die Gesellschaft gehalten: Leben und Abenteuer in, mit und von der Natur begeistern die Menschen, vor allem die jungen.

Survival versucht, die Leute aus der Wildnis in die Zivilisation zurückzubringen. Wir Bushcrafter versuchen, die Städter in den Wald zu führen.

Waldhandwerker Sepp Fischer

Bushcraft im eigentlichen Sinn bedeutet, sich in der Natur zurechtzufinden – mit den Mitteln, die sie einem bietet. Hardcore-Bushcrafter verzichten weitgehend auf Ausrüstung wie Zelt, Hängematte und ähnliches. Sie bauen sich ihre Notunterkunft, den sogenannten Shelter, aus Ästen, Zweigen, Blättern und Moos, schnitzen sich ihre Werkzeuge selbst, kennen sich aus mit essbaren Pflanzen und Pilzen. Sepp Fischer fasst den Begriff lieber nicht so eng. Im Prinzip sei Bushcraft „ein freiwilliges Survival“, sagt der Tölzer. „Survival versucht, die Leute aus der Wildnis in die Zivilisation zurückzubringen. Wir Bushcrafter versuchen, die Städter in den Wald zu führen.“ Ob sie dort ihren Tee aus der mitgebrachten Campingtasse oder einem selbstgeschnitzten Becher schlürfen, ist für den 51-Jährigen nebensächlich. „Wichtig ist nur, dass die Leute sich im Wald respektvoll verhalten und ihn so hinterlassen, wie sie ihn vorgefunden haben.“

Fischer, geboren im Zell am See im Salzburger Land, fand 2005 in die Natur zurück. In einer beruflich sehr stressigen Phase setzte er sich eines Tages an die Isar, brühte sich einen Tee aus Kiefernnadeln und merkte, „wie entspannend das ist“. In der Folge eignete er sich viel Outdoor-Wissen an, arbeitete für verschiedene Wildnisschulen und machte das Waldhandwerk vor etwa sieben Jahren zu seinem Hauptberuf. Fischer gibt Kurse in Survival und Bushcraft für Firmen, Schulklassen und Familien – bis zum Beginn der Pandemie mit stetig steigenden Teilnehmerzahlen. 2019 bezeichnet der Tölzer als sein „geschäftlich bisher erfolgreichstes Jahr“. Das Interesse an einem „netten Draußensein“ abseits von Nehbergschen Würmer-Mahlzeiten sei groß. „Wir Bushcrafter nehmen einfach den bequemen Teil vom Survival“, sagt Fischer. Warum das für den 51-Jährigen „friedlichste Hobby auf der Welt“ derzeit so gehypet wird, darüber kann er nur mutmaßen. Einen Schub habe der Bewegung die Atomkatastrophe von Fukushima 2010 gegeben. Damals kamen mit einem Mal viele Menschen in die Kurse, „vor allem das „Interesse für Pflanzen und Kräuter war sehr groß“.

Bushcrafter Ben Wittmann
Der Jugend die Natur näherbringen: Kinderpfleger Ben Wittmann hat mit seinen Schützlingen von der Offenen Ganztagsschule in Icking ein Bushcraft-Areal gebaut. © Privat

Wo Licht ist, ist freilich auch Schatten. Ausuferungen des Bushcraftens sieht man beispielsweise in Fischers Heimat Österreich, wo „ein ganz, ganz weit rechter FPÖler traurigerweise“ in der Szene mitmischt und die Grenzen hin zum militärischen Gehabe einer Wehrsportgruppe samt Verschwörungstheorien überschreitet. Und noch etwas macht den Waldhandwerker nicht überall beliebt: Er bewegt sich bei der Ausübung seines Hobbys in einer rechtlichen Grauzone. In Deutschland nämlich ist das Übernachten in der Natur nicht erlaubt, das Biwakieren in einer Notsituation allerdings schon. Streng verboten ist das Feuermachen. Viele Bushcrafter holen sich für ihre Streifzüge deshalb die Erlaubnis des jeweiligen Waldbesitzers ein. Gerade die jüngeren seien dem Thema gegenüber „sehr aufgeschlossen“, freut sich Sepp Fischer. Er selbst hat „zwei legale Trainingsgelände“: eins in der Jachenau, wo übrigens eine andere berufliche Bushcrafterin, Susanne Williams, zu Hause ist, und eins in der Nähe des Wildtierparks Blindham zwischen Aying und Feldkirchen-Westerham. Dort darf er mit Genehmigung des Eigentümers seine Kurse abhalten und Feuer machen. Oft verwendet Fischer dafür einen Hobo-Kocher, eine kleine steck- oder faltbare Edelstahlbox, in der sich ein Feuer besser kontrollieren lässt. Die Idee zu diesem Hobo ist in einem von Fischers Camps entstanden. Ein befreundeter Bushcrafter „hat mir damals den ersten deutschen Klapp-Hobo gebaut, sogar mit meinem eingravierten Namen“, erzählt Fischer. „Eines Tages war der Detlev Hoppenrath bei mir im Camp, schaut sich das Ding an und meint, ob man so etwas nicht in großen Stückzahlen produzieren könnte.“ Hoppenrath machte aus dieser Idee eine Firma.

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Ben Wittmann ist Kinderpfleger im Hort der Offenen Ganztagsschule (OGS) Icking – und Bushcrafter. Schon in seiner Kindheit streifte der heute 35-jährige Wolfratshauser mit seinem Bruder und zwei Freunden durch die umliegenden Wälder. „Dort haben wir uns alles Mögliche gebaut.“ Als junger Erwachsener wurden andere Dinge wichtiger. Als der Kinderpfleger privat ein Kind betreute und mit ihm öfters in die Natur ging, flammte die alte Leidenschaft fürs Waldhandwerk neu auf. Sie bauten ein riesiges Tipi an der Isar, das seit mittlerweile zehn Jahren dort steht und sämtliche Hochwasser überlebt hat – ein Beweis dafür, dass Wittmanns Kreativität und handwerkliches Geschick durchaus bemerkenswert sind. Später zimmerte er mit einem Freund verschiedene Lager am Isarhochufer „bis hinauf nach Hohenschäftlarn“ – allerdings inoffiziell, weshalb der zuständige Förster oder der Waldbesitzer die Bauten immer wieder zerstörte.

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In Icking ist das jetzt anders. Kurz vor den vergangenen Sommerferien, die Kinder wurden wegen der Pandemie notbetreut, ging Wittmann mit den Viertklässlern in den Wald. Zuvor hatte er ihnen von den Lagern erzählt, die er immer wieder mal errichtet – und damit ihre Neugier geweckt. Über den Großvater einer seiner Schützlinge kam er in Kontakt mit dem Grundbesitzer. Der hatte nichts dagegen, dass sich die sieben- bis zehnjährigen Bushcrafter fortan in seinem Wald verwirklichen. Wittmann suchte das Gebiet ab und fand eine passende Stelle. Zum ersten selbstgezimmerten Unterstand mit Schrägdach kamen dort bald zwei weitere Shelter hinzu. Kurz vor den Herbstferien folgte ein Flachdach. „Das ist so stabil, dass man raufklettern und sich dort oben aufhalten kann“, sagt der 35-Jährige. Und schließlich bauten Wittmann und seine Schützlinge noch einen stabilen Hochstand, „damit die Kinder einen Ausguck haben, von dem sie den Wald überblicken können“.

Die Kinder hören gut zu, machen, was ich sage. Das ist echt faszinierend.

Ben Wittmann, Pädagoge und Buscrafter

Die jungen Bushcrafter nutzen dazu nur herumliegendes Holz, entasten und entrinden es, damit es der Witterung länger trotzt. Sie verwenden lediglich Paracord, Fallschirmleine, um die Teile miteinander zu verbinden. Nägel kommen nicht zum Einsatz. „Wenn der Förster mit der Kettensäge in einen Nagel sägt, wäre das nicht so optimal“, sagt Wittmann. Passiert ist bei der anspruchsvollen Arbeit bislang nichts. „Die Kinder hören gut zu, machen, was ich sage. Das ist echt faszinierend.“ Der einzige, der sich bisher verletzte, war er selbst, „als ich mir in den Finger gesägt habe“. Die Kinder in der OGS, seine eigenen und seine Neffen hätten mittlerweile einiges gelernt, sagt Ben Wittmann. „Sie kennen die Baumarten, wissen welche Kräuter sie essen können und welche nicht und welche für was gut sind.“

Und das Outdoor-Virus verbreitet sich in Icking: Ein Kind habe bereits mit seinem Vater draußen in dem Bushcraft-Areal übernachtet, erzählt der 35-Jährige, selbst Papa von zwei Kindern. Er findet das „echt super, solche Vater-Sohn-Abenteuer vergisst man doch nie“. Dass die Kinder die Natur erleben, ist dem Erzieher wichtig. Es sei „nicht gut, die ganze Zeit nur in der Bude zu hocken, dort auf dem Handy rumzuwischen“ und sich YouTube-Videos reinzuziehen – selbst wenn es die der Bushcraft-Stars sind. Zuletzt startete ein Projekt von Survival-Experte Fritz Meinecke auf YouTube. In jeder Folge von „7 vs. Wild“* müssen die Teilnehmer in der Wildnis überleben.

peb

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