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Ein schönes Paar: Jerry Walker heiratete die lettische Fremdarbeiterin Lina Warna im September 1945. Ihr Schicksal wäre vermutlich das Gulag gewesen. 

Ende des Zweiten Weltkriegs

Die Erinnerungen des Jerry Walker

Wolfratshausen - Viele amerikanische Soldaten waren nach dem Krieg in Wolfratshausen stationiert. Einer hat ausführlich über die Zeit gesprochen: Jerry Walker, damals Militärverwalter von Wolfratshausen.

Momentan ist viel von Föhrenwald die Rede. Der Verein „Bürger fürs Badehaus“ will dort eine bayernweit einmalige Gedenkstätte errichten. Darüber sollte aber nicht vergessen werden, dass es schon in den 1990er Jahren Bemühungen gab, die besondere Geschichte von Föhrenwald im Gedächtnis zu verankern. Die Wolfratshauser Archivarin und Kreisarchivarin Marianne Balder organisierte eine Föhrenwald-Ausstellung und eine Podiumsdiskussion. Damals wollten viele nichts hören von der Geschichte Waldrams als einstigem Lager für Heimatlose, speziell für Juden. „Dem wollte ich entgegenwirken“, sagt die frühere Stadträtin.

Walker war jung, als er nach Wolfratshausen kam

Um die Zeit zu dokumentieren, knüpfte sie Kontakt zu Jerome (=Jerry) Walker, laut Meldeakte am 21. Mai 1923 in New York geboren. Das heißt: Als er 1945 nach Wolfratshausen kam, um in Hitler-Deutschland die Demokratie auf den Weg zu bringen, war er ein junger Mann von 22 Jahren. Dennoch bekleidete er ein sehr verantwortungsvolles Amt. Er garantierte als Chef der MP (Military Police) die öffentliche Sicherheit und leitete als Militärrichter die Verhandlungen. „Ich war sicher streng, aber korrekt“, erinnerte er sich später.

Kaum vor Ort, musste er sich um das Lager Föhrenwald kümmern

In einer Korrespondenz mit Marianne Balder 1997 stellte Walker die Ausnahmesituation im damaligen Wolfratshausen dar – also im Abstand von 50 Jahren nach den Ereignissen. Dennoch erinnerte sich Walker, der später in Princeton/USA wohnte, genau. So berichtete der US-Soldat, dass er, kaum in Wolfratshausen angekommen, die Verantwortung für das Lager Föhrenwald übertragen bekam, das Lager für Heimatlose, im amerikanischen Militärjargon „Displaced persons“ genannt. Der Grund: Er konnte relativ gut deutsch. Zuvor war er in Bad Tölz stationiert gewesen, und ein Sprachtalent scheint er zudem gewesen zu sein. Walker erinnert sich an 20 000 Menschen aus 21 Nationen, die in Föhrenwald hinter einem Stacheldrahtzaun versammelt waren. „Dies waren nicht nur Russen, sondern Ukrainer, Jugoslawen, Bosnier, Serben, Esten, Letten, Franzosen und Tschechen.“

Die Lagerpolizei bildeten polnische Polizisten

Die Mehrzahl der Insassen habe aus dem Osten gestammt. Zwar sei eigentlich die UNRRA (United Nations Relief an Rehabilitation Administration) zuständig gewesen. Da man aber über zu wenig Personal verfügte, habe man auf die Amerikaner zurückgegriffen. Laut Walker kam es immer wieder zu Streit unter den Lagerbewohnern. „Wir haben versucht, einen Lagerrat zu gründen, in dem die jeweiligen Nationen vertreten waren“, erinnert er sich. „Dieser hat mit der Militärregierung regelmäßig getagt. So konnten wir uns über Probleme der Heimkehr, der Verpflegung und anderes austauschen.“ Die neu gegründete deutsche Polizei dort einzusetzen, war aus naheliegenden Gründen unmöglich. Daher setzte Walker alles daran, eine Lagerpolizei zu organisieren. „Es wurden ehemalige polnische Polizisten herangezogen. Sie bekamen blaue Uniformen und Gummiknüppel als Waffen.“

Die Rückführung in die Heimat war schwierig

Als schwerste Aufgabe erwies sich die Rückführung der Insassen in die Heimat, die so genannte Repatriierung. Jede Woche kamen Listen von der UNRRA. Die Amerikaner stellen Lkw bereit und führten die Transporte durch. „Manchmal hatten wir eine Kolonne von 20 Lastwagen mit je 25 Personen besetzt“, erinnert sich Walker. Auf einen Schlag waren also 500 Menschen aus dem Lager verschwunden.

Gerüchte aus Russland machten die Runde

Aber: Schon bald drangen Gerüchte nach Föhrenwald, dass die ehemaligen Zwangsarbeiter in Stalin-Russland keineswegs gern gesehen waren. In den Augen von Stalin hatten sie die deutsche Rüstung unterstützt und mit den Faschisten paktiert. Im schlimmsten Fall kamen die Verfolgten erneut in ein Arbeitslager, den berüchtigten Gulag. Die Folge: Einige kamen zurück und waren fortan staatenlos. Andere verzichteten ganz auf eine Heimkehr. „Die UN hatten dafür Verständnis und erlaubten ihnen, nach Frankreich, Israel, England oder die USA auszuwandern“, so Walker.

Walker heiratet eine junge Lettin

Nicht zuletzt fand der Amerikaner auch sein persönliches Glück in Wolfratshausen. Er heiratete eine junge Lettin, die im Lager Föhrenwald wohnte. Es handelte sich um Lina Warna, laut Meldekarte geboren am 18. August 1926 in Zilupe. Die junge Frau arbeitete als Putzfrau in Walkers Unterkunft am Untermarkt (bei Boscher). „Eines Tages stand das schönste Mädchen, das ich je gesehen habe, vor meiner Tür. Sie war mit dem Fahrrad gekommen und übernahm meinen Haushalt.“ Als Walker sie näher kennen lernte, stellte er fest, dass die junge Frau panische Angst vor der Rückkehr in ihre Heimat hatte. Jedes Mal, wenn der Name der Geliebten auf der Liste der UNNRA auftauchte, strich der New Yorker ihn kurzerhand. Das bemerkten seine Vorgesetzten eines Tages und fragten ihn, was es damit auf sich hat. Seine Antwort: „Wir warten auf die Heiratserlaubnis.“

Lina Warna wäre wohl im Gulag gelandet

Das war keineswegs eine Notlüge. Am 18. September 1945 traute Bürgermeister Hans Winibald das junge Paar. Die kirchliche Hochzeit fand in St. Michael statt, die Trauung nahm vermutlich der evangelische Pfarrer Weber vor. Auffallend ist, dass der Zeitpunkt der Heirat zusammenfällt mit der Entscheidung der Amerikaner, aus Föhrenwald ein rein jüdisches Lager zu machen. Ohne Trauung wäre Lina Warna wohl zwangsweise nach Lettland geschafft worden und dort in einem Gulag gelandet. Dieses Schicksal blieb ihr erspart.

Jerry Walker wäre heute 92 Jahre alt

Nicht nur aus diesem Grund erinnerte sich Walker gerne an seine kurze, aber intensive Zeit in Wolfratshauen. Er fand nicht nur eine Frau, sondern auch Freunde fürs Leben, etwa die Familie Platiel. Öfter kam er später von der Ostküste Amerikas nach Bayern zurück, vor allem zum Oktoberfest. Dass er an der Podiumsdiskussion 1997 in Waldram teilnahm, um den Menschen von den dramatischen Nachkriegsereignissen aus erster Hand erzählen zu können, verstand sich für ihn von selbst. Ob Jerry Walker noch lebt, ist ungewiss. Marianne Balder hat keinen Kontakt mehr. Jerry Walker, einstiger Polizeichef, wäre inzwischen 92 Jahre alt. Volker Ufertinger

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