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Aufwändige Recherche: Studentin Simone Steuer hat in ihrer Bachelor-Arbeit die Geschichte der Siedler in Waldram erforscht. Die Schicksale von Heimatvertriebenen lassen die 24-Jährige nicht los.

Die Oma weckte die Neugier

24-Jährige erforscht die Geschichte der Waldramer Siedler

Wolfratshausen - Über das Lager Föhrenwald gibt es viele wissenschaftliche Arbeiten. Die Zeit der ersten Siedler in Waldram ist dagegen kaum dokumentiert. Geschichtsstudentin Simone Steuer aus Waldram hat das Kapitel in ihrer Bachelor-Arbeit aufgearbeitet.

Die Neugier für die Geschichte Waldrams weckte Großmutter Anna Gleißner. Sie war eine der Aussiedlerinnen, die im Jahr 1957 nach Vertreibung und vielen Umzügen in Föhrenwald ankam. An der Andreasstraße bezog die damals 15-Jährige mit ihrer Familie ein Haus. „Meine Oma starb leider, als ich sechs Jahre alt war. Aber von ihren Schwestern habe ich einiges erfahren“, sagt Simone Steuer (24). „Ich fand es immer spannend, wenn die Frauen von früher erzählten."

Jetzt arbeitet Steuer die Zeit der Waldramer Siedler auf: in ihrem Studium der Geschichte, Kunst- und Kulturgeschichte mit Schwerpunkt Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte an der Universität Augsburg. In der Schulzeit am Geretsrieder Gymnasium, sagt Steuer, habe sie nichts über die Geschichte der in Wolfratshausen und Geretsried lebenden Vertriebenen gelernt – „obwohl das doch Geschichte zum Anfassen vor unserer Haustür gewesen wäre“. Anders als heute gab es keine Projektseminare mit solchem Themenschwerpunkt. Im Studium holt die 24-Jährige nach, was sie vermisst hat. In ihrer Bachelor-Arbeit mit dem Titel „Heimatvertriebene Siedler im Wolfratshauser Forst“ hat sich die junge Frau intensiv mit dem Übergang vom Lager für Displaced Persons zur Wohnsiedlung und der Entstehung des Ortsteils Waldram befasst.

Die Recherche war intensiv. Steuer durchforstete die Stadtarchive von Wolfratshausen und Geretsried, das Staats- und das Hauptstaatsarchiv in München sowie das Archiv des Isar-Loisachboten/Geretsrieder Merkur. Außerdem sprach sie mit Zeitzeugen. Vom Verein „Bürger fürs Badehaus“ erhielt die Studentin ebenso Unterstützung. Durch ihn „wurde ein ganzer Landkreis an einen Ortsteil Wolfratshausens erinnert, der eine kurze, aber recht außergewöhnliche Geschichte aufzuweisen hat“, lautet der erste Satz in der 50-seitigen Arbeit.

Ihr Hauptaugenmerk richtet Steuer auf den spannungsreichen Übergang vom Lager zur Siedlung. Sie berichtet von den „Pionieren“, dem Verwalter Alois Engelhard mit dem Spitznamen „Siedlerboss“ und Bauleiter Josef Magerl. Auf Fotos ist zu sehen, wie verwahrlost die Häuser nach der Auflösung des DP-Lagers teils waren. Steuer schreibt von „Ungeziefer, Geflügel, das auf den Dachböden gehalten wurde“.

Ein Kapitel widmet sie dem strengen Bewerbungsverfahren, das die Anwärter auf ein Eigenheim zu durchlaufen hatten. Sie mussten heimatvertrieben, kinderreich und katholisch sein. „Es gab über 400 Interessenten, teilweise bis aus Österreich“, berichtet Steuer. Ein Eigenkapital von 5000 Mark, beziehungsweise 2500 Mark mit Aufbaudarlehen, war nachzuweisen. Wer eines der begehrten Häuschen für 19 500 Mark erwerben konnte, hatte „pfleglich“ damit umzugehen und eine dreijährige Probezeit zu bestehen.

Bald hatten die Neubürger ein dringendes Anliegen: die Umbenennung des Ortsnamens Föhrenwald und die Straßenbezeichnungen. In einem Schreiben an das Landratsamt vom 3. Juli 1956 formulierte der damalige Wolfratshauser Bürgermeister Hans Winnibald den Wunsch, dass der neue Ortsteil Waldram heißen sollte, benannt nach einem früheren Abt des Klosters Benediktbeuern. Der Ort solle „nicht mit dem heruntergekommenen Föhrenwald, das aus den unerfreulichen Nachkriegsverhältnissen kein gutes Andenken hinterlässt, in Verbindung gebracht werden“. Die Umbenennung war mit großem bürokratischen Aufwand verbunden. Einfacher war es bei den Straßen. Sie hießen anfangs Memeler- oder Ostmarkstraße, nach von Hitler eroberten oder zu erobernden Gebieten. Die amerikanischen Alliierten machten daraus die New-York-Straße und den Roosevelt-Square. Die Siedler schließlich gaben den Straßenzügen Namen von geistlichen Persönlichkeiten und ehemaligen Heimatgebieten.

Die Studentin beschreibt, wie sich bei den Siedlern ein ausgeprägtes Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickelte. Der Kirchenchor trug nicht unerheblich dazu bei. „Die Musik war essenziell. Es gab sogar ein eigenes Waldram-Lied, wie ich im Stadtarchiv entdeckt habe“, sagt Steuer. Gemeinsam kämpften die Anwohner für eine eigene Volksschule, weil ihnen der Weg bis nach Wolfratshausen zu weit und zu gefährlich erschien. Nach anfänglichen Streitereien mit der Muttergemeinde ist Waldram heute voll integriert, urteilt Steuer.

Die Studentin bekam für ihre Arbeit die Note 2,3. „Vielleicht, weil ich den menschlichen Aspekt zu sehr in den Vordergrund gestellt habe.“ Die Erlebnisse und Schicksale von Heimatvertriebenen im Landkreis lassen die 24-Jährige auch weiter nicht los. Im Moment plant sie gemeinsam mit Dr. Sybille Krafft und Eva Greif vom Verein Bürger fürs Badehaus, Interviews mit Vertriebenen zu führen. Sie sollen später an einer Medienstation im geplanten Dokumentationszentrum des ehemaligen Badehauses gezeigt werden. Und in ihre Masterarbeit im Fach Kunst- und Kulturgeschichte würde Simone Steuer ebenfalls gerne Waldram und seinen Menschen widmen.

von Tanja Lühr

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