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300 Laufmeter Regale, gefüllt mit Kartons: Stadtarchivleiter Simon Kalleder hütet tausende Schätze. 

Wolfratshauser Stadtarchiv

Moderne Technik und historische Artefakte

Alles neu im Stadtarchiv: Seit September ist die Einrichtung in der ehemaligen Landwirtschaftsschule an der Bahnhofsstraße beheimatet. Knapp 1,4 Millionen Euro hat der Umbau gekostet.

Wolfratshausen – Der neue Leiter, Simon Kalleder, seit März hauptamtlicher Archiv-Chef, ist mit der neuen Heimat mehr als glücklich: „Wir sind bei der technischen Ausstattung führend“, berichtet er im Gespräch mit unserer Zeitung. Noch dazu hat das 1905 fertiggestellte Gebäude historischen Charme – „für das Archiv einer so alten Stadt passt das wunderbar. Wir vereinen hier moderne Technik und historische Artefakte.“ Für den Diplom-Historiker ist sein Arbeitsplatz „eines der schönsten Archive im Oberland“.

Im Büro des Archivleiters steht ein blauer Bauernschrank, hübsch verziert, gezimmert im Jahr 1845 – eine Leihgabe aus dem Depot des Wolfratshauser Heimatmuseums. „Mir war es wichtig, hier historische Möbel zu verwenden, weil sie eine tolle Atmosphäre für das Archiv liefern“, sagt Kalleder. An der gegenüberliegenden Wand hängen zwei Kupferstiche: Einer zeigt die ehemalige Burg, die vom 12. bis ins 18. Jahrhundert über der Loisachstadt thronte. Der andere Stich zeigt einen Panoramablick vom Bergwald auf das Städtchen anno 1705. Die Stiche sind Kalleders Privatbesitz, in Wolfratshausen ist der gebürtige Münchner inzwischen offensichtlich angekommen.

Großer Konferenztisch lädt zum Stöbern ein

Derlei Abbildungen finden sich auch im großen Ausstellungsraum des Stadtarchivs. Hier möchte der Leiter zukünftig Ausstellungen organisieren und Veranstaltungen ausrichten: „Zum Beispiel nächstes Jahr, wenn sich das Ende des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal jährt.“ Zwei Ausstellungen hat es im neuen Archiv bereits gegeben: eine kleine zur Eröffnung und eine, die von der Städtebauförderung ausgerichtet wurde. Ansonsten dient der Raum als Besucherbereich. Ein großer Konferenztisch mit zehn Plätzen lädt dazu ein, in alten Urkunden, Büchern und Sammelbänden zu stöbern.

Diese Recherchearbeit findet Kalleder „wahnsinnig spannend“. Vor allem, da man – wenn man nach etwas Bestimmtem sucht – oftmals auf ganz andere historische Schätze stößt. Er nennt ein Beispiel: „Ich habe kürzlich wegen einer relativ alltäglichen Anfrage nach einer Sterbeurkunde gesucht. Dabei bin ich auf das Schicksal eines recht jungen Ehepaars gestoßen, er und sie sind nur wenige Tage nacheinander an unterschiedlichen Orten verstorben.“ Kalleder wurde stutzig und durchforstete das Zeitungsarchiv. Der Diplom-Historiker förderte eine Tragödie zu Tage: Der Gatte hatte seine Frau in Wolfratshausen erwürgt. Danach tauchte er für zwei Tage unter und erhängte sich schließlich auf einer Baustelle.

Aufbewahrt werden die Materialien in den vier Magazinen im ersten Stock. In diesen Räumen herrschen permanent Temperaturen zwischen acht bis zwölf Grad – eine Schutzmaßnahme für die sensiblen historischen Schriften. Die Regalwände im größten der vier Magazine lassen sich dank einer kleinen Kurbel ohne Anstrengung verschieben – tonnenschweres Material wird so problemlos um ein paar Meter versetzt und andere Sammlungen kommen zum Vorschein.

300 Laufmeter Regale gefüllt mit Kartons

Vereinzelt gibt es noch leere Regalreihen. „Wir haben noch Platz, um wachsen zu können“, sagt Kalleder. Das sei notwendig: „Das ist kein totes Archiv. Wir bekommen laufend neues Material, von Behörden und aus persönlichen Sammlungen, manchmal aus Nachlässen.“ Im alten Archiv sei es kaum möglich gewesen, neue Artefakte, Bücher und Urkunden aufzunehmen. „Wir hatten einfach keinen Platz mehr.“ Über 300 sogenannte Laufmeter sind vom bisherigen Standort, dem alten Pumpenhäuschen an der Loisach, ins neue Domizil an der Bahnhofstraße umgezogen. Ein Laufmeter entspricht fünf Kartons gefüllt mit bis zu 20 Archivalien.

Das Angebot, in Schätzen der Stadt zu stöbern, wird nicht nur von Behörden und Verwaltungen gut angenommen. „Natürlich sind wir kein Massenarchiv, aber es kommen immer wieder Menschen vorbei oder bitten per E-Mail oder telefonisch um Auskunft.“ Überrascht ist Kalleder über internationale Anfragen: „Letztens kam ein US-Amerikaner, der etwas über die Kindheit seines Vaters in Wolfratshausen herausfinden wollte.“ Auch aus Israel kommen gelegentlich Menschen, die einige Jahre im Lager Föhrenwald im heutigen Waldram gelebt haben. „Und viele Wolfratshauser, die einmal hier im Stadtarchiv waren, kommen immer wieder, weil es ihnen so gut gefällt.“

Dominik Stallein

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