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Fleischfirma Sieber

"Bewusst platt gemacht"

Wurstfabrik Sieber: Chef erhebt schwere Vorwürfe

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Geretsried – Zehn Tage nach dem bekannt gewordenen Fund von Listerien in der Wurst ist die Großmetzgerei Sieber in Geretsried pleite. „Es ist aus“, teilte Inhaber Dietmar Schach mit. Unklar ist, welche Zukunft die 120 Mitarbeiter haben.

Er habe gekämpft – aber verloren: „Mein Lebenswerk endet mit dem heutigen Tag“, erklärte Dietmar Schach am Dienstag. Nach einer öffentlichen Warnung und dem vom Landratsamt Bad Tölz verfügten Produktionsstopp für die Produkte von Sieber habe er täglich einen Einnahmeverlust von rund 100 000 Euro auffangen müssen. Doch das sei nicht möglich gewesen. Gesundheitsschutz sei wichtig, keine Frage, fügte Schach an. „Aber dass man einem Unternehmen keinerlei Chance gibt und bewusst platt macht, das ist – auch in Bayern – einmalig.“

Zur Erinnerung: Am Freitag vorvergangener Woche hatte das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit öffentlich bekannt gemacht, dass in dem Produkt „Original bayerisches Wacholderwammerl“ bereits im März Listerien gefunden worden waren. Mit diesen Bakterien verunreinigte Sieber-Produkte, so hieß es weiter, stünden im Verdacht, Krankheitsfälle ausgelöst zu haben – mittlerweile ist bekannt, dass zwischen 2012 und 2015 acht Menschen gestorben sind, vier davon in Bayern. Diese Nachrichten hatten für das Unternehmen eine verheerende Wirkung. Der gesamte Produktionskreislauf geriet zum Stillstand. Sieber blieb auf Tonnen von bereits abgepackter Wurst und Fleisch sitzen.

"Mehrere hundert Tonnen" Ware sind noch auf dem Betriebsgelände gelagert

„Mein Lebenswerk endet mit dem heutigen Tag“ – Firmeninhaber Dietmar Schach äußerte sich mit Bitterkeit über das Insolvenzverfahren, das gestern eingeleitet wurde. Das Firmengelände (li.) ist abgesperrt – die Mitarbeiter der Verwaltung gingen gestern verfrüht nach Hause.

Am Dienstag um 13 Uhr verließ der letzte Mitarbeiter den Betrieb „mit Tränen in den Augen“, wie Unternehmenssprecher Erich Jeske sagte. „Wir haben jetzt zugemacht.“ Ab jetzt sei ein Anwalt zuständig. Das Amtsgericht Wolfratshausen bestellte gestern den örtlichen Rechtsanwalt Josef Hingerl zum vorläufigen Insolvenzverwalter. Er steht vor einem Haufen Probleme: So muss er sich um 120 Mitarbeiter kümmern, 60 mit Festanstellung, 60 mit Werksverträgen. Dass es im Unternehmen keinen Betriebsrat gibt, machte es für die Beschäftigten nicht gerade leichter. 

Ein weiteres Problem ist, dass auf dem Betriebsgelände noch „mehrere hundert Tonnen“ Ware gelagert sind, wie Firmensprecher Jeske sagte. Zum Teil ist sie fertig abgepackt, zum Teil handele es sich um Rohware. Ein Teil ist tief gefroren, ein Teil offenbar ohne Kühlung. Zur Frage, wer die Produkte entsorgt, schieben sich Sieber und das Landratsamt gegenseitig die Verantwortung zu. „Wir haben immer auf einen Bescheid des Landratsamtes gewartet“, sagt Sprecher Jeske.Landrat Josef Niedermaier (Freie Wähler) stellt das etwas anders dar: Die verarbeiteten Produkte seien als so genanntes K2-Material zu entsorgen, sei der Firma bereits am vergangenen Donnerstag mitgeteilt worden. K2 heißt: Es muss in einer Anlage zur Beseitigung von Tierkadavern verbrannt werden. Nur zur Rohware habe die Behörde nichts mitgeteilt, erklärte Niedermaier – das liege aber „im Verantwortungskreis der Firma Sieber und ihrer Anwälte“. Wer für all die Kosten aufkommen soll, ist nach dem Insolvenzantrag unklar.

"Man hat einschneidende Maßnahmen treffen müssen"

Bayerns Umweltministerin Ulrike Scharf (CSU) verteidigte am Dienstag die Vorgehensweise der Behörden: „Wir haben uns keine Vorwürfe zu machen. Der Verbraucherschutz hat Priorität. Listerien können zu schweren Krankheiten führen, sie können bei bestimmten Personen vielleicht sogar zum Tode führen. Deswegen hat man einschneidende Maßnahmen treffen müssen.“ Ähnlich sieht es auch SPD-Verbraucherschutzexperte Florian von Brunn, der beim Fall Sieber oft nachgehakt hatte: Die Verantwortung liege beim Geschäftsführer, es sei seine „primäre Verantwortung“, dass lebensmittelrechtliche Bestimmungen eingehalten würden. Der Handlungsspielraum der Behörden sei angesichts der belasteten Fleischproben eng gewesen. „Aber es ist bitter, dass jetzt die Mitarbeiter die Zeche zahlen müssen.“

Beginn 1825 – vorläufiges Ende 2016

Mit der Insolvenz der Firma Sieber geht eine Tradition zu Ende, die bis ins Jahr 1825 zurückgeht. Damals gründete der Münchner Metzgermeister Andreas Sieber den Betrieb, der schon 1833 zum königlich bayerischen Hoflieferanten avancierte. 1929 wurde die Firma erstmalig auf dem Oktoberfest zugelassen. Auch hier war Sieber lange präsent – mit Unterbrechungen gab es die Wurstbraterei auf der Wiesn bis 2007. Damals kam nach einigen Turbulenzen das Aus. 

In der Hochzeit beschäftigte Sieber 230 Mitarbeiter und verarbeitete am Münchner Schlachthof bis zu 50 Tonnen Wurst in der Woche. Der Firmenchef Kurt Sieber machte damals indes in anderer Sache Schlagzeilen: Er war zwölf Jahre lang, von 1992 bis 2004, Vizepräsident des TSV 1860 München. Im Zuge der Affäre um den Neubau der Allianz Arena stürzte er zusammen mit Vereinsboss Karl-Heinz Wildmoser. EU-Vorgaben zwangen die Firma Ende der 1990er Jahre zum Neubau in Geretsried. Als die Firma finanziell in Schieflage geriet, übernahm der jetzige Eigentümer Dietmar Schach 2001 das Unternehmen von Sieber, behielt den traditionellen Namen jedoch bei.

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