„Ich wog mit 15 Jahren nur 35 Kilogramm“: Der Holocaust-Überlebende Leslie Schwartz im Gespräch mit Dr. Sybille Krafft, Vorsitzende des Vereins „Bürger fürs Badehaus“. Kameramann Bernd Steuer (re.) filmt das Interview. Foto: Sabine Hermsdorf

Zurück an der New York Street

Waldram - Der Holocaust-Überlebende Leslie Schwartz (85) hat das ehemalige Badehaus in Waldram besucht.

Langsam geht Leslie Schwartz vom ehemaligen Badehaus die Rupertstraße entlang bis zur Hausnummer 22. Dort wohnte der KZ-Überlebende nach Kriegsende für einige Wochen. Damals hieß die Straße noch New York Street, Waldram war Föhrenwald, zwischen 1945 und 1957 ein Lager für Displaced Persons (DPs), in erster Linie Juden.

„Früher war hier Leben“, sagt der 85-jährige gebürtige Ungar und berichtet von den jungen Männern, die den Frauen hinterher gepfiffen haben. Für ihn, den damals 15-Jährigen, hätten sich die Damen leider nicht interessiert, sagt er und lacht. Dr. Sybille Krafft filmt alles. Der mittlerweile in New York und Münster lebende Leslie Schwartz verbrachte nur kurze Zeit in Föhrenwald, doch er ist einer der wenigen, die von der Anfangszeit in dem Lager berichten können und ist deshalb für Krafft und ihren Verein „Bürger fürs Badehaus“ ein wertvoller Zeitzeuge.

Kürzlich besuchte er Waldram - und erinnerte sich. Er habe General Eisenhower getroffen, als dieser einmal zu einem Kontrollbesuch gekommen sei, so Schwartz. Auf Kraffts Frage, ob es eine Mikwe, ein jüdisches Ritualbad, im Badehaus gegeben habe, antwortet er ohne lange nachzudenken: „Ja, ja, natürlich“. Die frommen Juden seien dorthin gegangen. Er selbst sei nie sehr gläubig gewesen, gesteht der 85-Jährige. Er erzählt von einer koscheren und einer nicht koscheren Küche im Lager. „Ich hab’ mal da, mal da gegessen“. Essen sei nach der Befreiung aus dem KZ überhaupt das Wichtigste für ihn gewesen. Schwartz: „Ich wog mit 15 Jahren nur 35 Kilogramm.“

Leslie, eigentlich Laszlo, Schwartz, wurde im Mai 1944 als Bub ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo ein Großteil seiner Familie vergast wurde. Er selbst kam ins Arbeitslager Birkenau, anschließend ins KZ Dachau und wurde schließlich in Mühldorf am Inn beim Bau von Rüstungsbunkern eingesetzt. Mit einem Häftlingstransport gelangte er 1945 nach Seeshaupt, wohnte vorübergehend im DP-Lager Feldafing und nach zwischenzeitlicher Rückkehr nach Ungarn im Lager Föhrenwald, bevor er im Juli 1946 den Zug von München nach Bremen nahm und ein Schiff mit dem Ziel New York bestieg.

Vor fünf Jahren veröffentlichte Schwartz seine bewegende Autobiografie „Durch die Hölle von Auschwitz und Dachau - Ein Junge erkämpft sein Überleben“. Wie sein Freund Max Mannheimer hält der Holocaust-Überlebende Vorträge an Schulen. Er habe die Jugendlichen sehr lieb - und sie würden ihn mögen, wahrscheinlich weil er in ihrem Alter so Furchtbares erlebt habe, sagt Schwartz. Er erwähnt, dass seine Geschichte verfilmt werden solle, mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle. „Dann müssen Sie unbedingt nach Waldram kommen mit der Filmcrew, sonst fehlt ja ein wichtiger Teil“, ermuntert ihn Dr. Sybille Krafft.

Bernd Steuer an der Kamera und die Vereinsvorsitzende mit dem Mikrofon in der Hand haben das ganze Gespräch mit dem Ehrengast festgehalten. Es soll in der Medienstation gezeigt werden, wenn das Badehaus einmal zu einer Dokumentations- und Begegnungsstätte umgebaut ist.

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