Nur ein operativer Eingriff kann Thomas Kaindl im Kampf gegen die Fettleibigkeit helfen, sagen die Ärzte. Die Krankenkasse will den Eingriff aber nicht bezahlen.
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Nur ein operativer Eingriff kann Thomas Kaindl im Kampf gegen die Fettleibigkeit helfen, sagen die Ärzte. Die Krankenkasse will den Eingriff aber nicht bezahlen.

Er will endlich schlank werden

Kasse verweigert Mann eine Magen-OP

Krailling - Er will endlich schlank sein: Sein Leben lang kämpft Thomas Kaindl mit seinem Gewicht. Dem Adipositas-Patienten aus Krailling hilft nur eine Magenverkleinerung. Doch die AOK will nicht zahlen.

Thomas Kaindl lacht aus vollem Hals, das Doppelkinn zittert leicht, seine Sommersprossen geben ihm ein spitzbübisches Aussehen. Offen, sympathisch erscheint der 35-Jährige auf den ersten Blick. Auch der zweite Blick bestätigt die Frohnatur in ihm. Thomas Kaindl hat nur ein Problem: die Zahl 162. Sie stellt sich ein, wenn er morgens auf der Waage steht - und das bei einer Größe von 1,74 Meter. Der Kraillinger hat einen Body-Mass-Index (BMI) von 53,4. Bei Normalgewichtigen liegt er zwischen 18,5 und 25 BMI. Der Fall liegt klar: Thomas Kaindl hat Adipositas, Fettleibigkeit.

Er klagt über Schmerzen in den Knien, im Rücken, Kreislaufprobleme und Herzbeschwerden. Nachts setzt bei dem 35-Jährigen bis zu einer Minute die Atmung aus - das Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko war nie höher bei dem Kraillinger. Einzig eine Magenverkleinerung, in diesem Fall eine Schlauchmagen-Operation, kann Thomas Kaindl von dieser Last befreien. Das haben ihm gleich mehrere Ärzte bestätigt.

Einen entsprechenden Antrag hat Kaindl bei der AOK, seiner Krankenkasse, eingereicht - der wurde abgelehnt. Die Begründung des sozialmedizinischen Beratungsdienstes (MDK): Kaindl habe mit der Methode Metabolic balance vor drei Jahren 25 Kilogramm abgenommen. Eine Kur reiche demnach für den Kraillinger aus. Die will die AOK auch gerne bezahlen. Kaindl räumt ein: „Das stimmt schon, nur hab ich nach dieser Diät wieder 35 Kilogramm zugenommen - es hat mir also letztlich nichts gebracht.“ Noch mehr ärgert Kaindl die Tatsache, dass der Beratungsdienst nur seine Akte gesichtet, aber keinen persönlichen Kontakt zu ihm aufgenommen, noch viel weniger ihn untersucht hat.

Langsam geht der 35-Jährige am Starnberger See entlang, schaut aufs Wasser. „Ich bin nicht fresssüchtig“, sagt er plötzlich, als müsse der Satz aus ihm raus. Er deutet auf die Eisdiele: „Sonst würde ich da rübergehen und mir gleich fünf Kugeln geben.“ Man merkt, Kaindl kämpft nicht nur gegen das Unverständnis der AOK, auch gegen die, die nicht verstehen wollen, dass er krank ist. Egal wie oft Thomas Kaindl mit seiner Schwimmgruppe trainiert oder in sein Fitnessstudio geht - der Zeiger der Waage honoriert es ihm nicht.

Doch in seinem Kampf ist Kaindl nicht allein: Der Fachanwalt für Sozialrecht Tim Christian Werner unterstützt seinen Mandanten tatkräftig. Er hat deutschlandweit schon viele Adipositas-Patienten vertreten und ist ein Experte auf dem Gebiet. Aus Erfahrung kann er sagen: „Wir haben hier ein bayernweites Problem. In jedem anderen Bundesland hätte er bereits seine Operation bekommen.“ Bei einem BMI von 53,4 müsse man eigentlich nicht mehr streiten. Einen solchen Fall vor Gericht zu zerren, dass ärgere ihn. Falls sich die AOK Bayern weiterhin sperrt, sieht er keinen anderen Weg als eine Klage.

Die AOK Bayern scheint jedenfalls nicht einlenken zu wollen. „Der MDK konnte nach mehrmaliger Überprüfung keine Empfehlung zur Übernahme der Operationskosten aussprechen“, bestätigt Walter Kett von der Kasse auf Anfrage schriftlich. Die AOK Bayern habe sich dem angeschlossen. Als maßgeblicher Ablehnungsgrund wurde „das Fehlen erkennbarer konsequenter Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltensveränderungen“ angegeben. Eine Magen-OP sei nur dann gerechtfertigt, wenn alle anderen Therapiemöglichkeiten erfolglos ausgeschöpft worden seien. Diese Situation sieht die AOK im Fall Kaindl noch nicht gegeben. Interessant nur, dass bei vielen Adipositas-Patienten, die Anwalt Werner vor Gericht gegen die AOK vertrat, sich die Kasse „nach hinten hinausgeschlichen hat“. Sie hat plötzlich den Anspruch des Patienten anerkannt und damit ein Urteil vermieden.

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