Situation verschlimmert

Wie Obdachlose unter Lockdown leiden

  • Victoria Strachwitz
    vonVictoria Strachwitz
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78 Menschen im Würmtal sind obdachlos. Der Lockdown im Frühjahr hat ihre Situation verschlimmert. Im Niedriglohnsektor sind viele Jobs weggefallen.

Würmtal – Die gute Nachricht zuerst: Die Zahl der Obdachlosen im Würmtal hat heuer nicht zugenommen. „Corona hat nicht für eine große Welle gesorgt“, sagt Tanja Fees von der Wohnungsnotfallhilfe der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Sie ist für die Obdachlosenunterkünfte in Krailling, Planegg, Gräfelfing und Neuried zuständig.

Viele verloren ihren Job

Die schlechte Nachricht: Für die Menschen im Würmtal, die bereits obdachlos waren, hatte der Lockdown im Frühjahr harte Konsequenzen. Viele verloren ihren Job. Und die Jobcenter hatten geschlossen. Aktuell kümmert Fees sich um 41 Erwachsene und 17 Kinder. Gauting meldet weitere 20 obdachlose Personen, davon acht im Alter zwischen zwei und 16 Jahre.

Bis heute kämpft Fees mit den Folgen des Lockdowns im Frühjahr. „Viele Obdachlose haben ihre Arbeit verloren.“ Denn viele seien im Niedriglohnsektor beschäftigt gewesen. Für einige habe es im Mai das letzte Mal Geld gegeben.

Dadurch, dass eine persönliche Vorsprache im Jobcenter im Frühjahr nicht möglich war, hätten sich weitere Probleme ergeben. Ohne Hilfe könnten viele Obdachlose keine Anträge stellen. Theoretisch hätten sie ihren Antrag beim Jobcenter auch telefonisch stellen können. Doch: „Ich habe im Würmtal ganz viele EU-Bürger, von denen viele kein Deutsch sprechen.“ Den Antrag per Mail zu stellen, komme ebenfalls für wenige in Frage. Einige könnten weder lesen, noch schreiben. „Die können selber nicht mehr viel machen, obwohl sie es machen wollen“, erklärt Fees. „Den Leuten ist ihre Selbstbestimmung genommen worden.“

„Ohne Betreuung vor Ort bleiben die Leute auf der Strecke“

Im März und April konnte auch sie nicht in den Unterkünften vorbeischauen. Aber „wenn niemand vor Ort ist, bleiben die Leute auf der Strecke“. Die Obdachlosen fotografierten daher Briefe, die sie nicht verstanden, und schickten sie ihr per Whats-App. „Die Leute wären sonst untergegangen.“

Seit Mai ist Tanja Fees wieder persönlich vor Ort. Für Anträge, die sie damals zu stellen half, kämen jetzt die Bewilligungsbescheide. „Die werden im Jobcenter überrollt.“ Fees: „Mir graut vor einem zweiten Lockdown.“

Zahl der Obdachlosen nicht gestiegen

Doch zurück zur guten Nachricht: „Wir sind gut belegt“, sagt Fees. Aber im Januar hatte sie in ihrem Wirkungsbereich im Würmtal (ohne Gauting) statt heute 58 noch 65 Obdachlose unter ihren Fittichen.

Sie rechnet nicht damit, dass die Kälte des Winters ihr weitere bescheren könnte. Notschlafstellen gebe es im Würmtal nicht. Die Planegger Unterkunft sei sehr voll. In Gräfelfing schaue es vergleichsweise gut aus. Doch wer obdachlos werde, müsse von seiner Gemeinde aufgenommen werden. „Da kann man nicht sagen, jetzt sind wir voll.“

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