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Gespräch mit Bundestagsvizepräsidentin: (v.li.) Werner Schuegraf, Frauke Buchholz, Claudia Roth, Dieter Maier.

Claudia Roth in Neuried

Der Lockruf des Bieres

Neuried - Mit Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth als Gastrednerin war der Neujahrsempfang der Neurieder Grünen top besetzt.

Dies warf gleichzeitig bei dem ein oder anderen die Frage auf, wie der verhältnismäßig kleine Ortsverein zu so einer großen Ehre kam. Glaubt man Werner Schuegraf, der sich mit Frauke Buchholz den Ortsvorsitz der Partei teilt, entsprang die Idee einer „Bierlaune“. Als man darüber nachdachte, welcher prominente Gast denn eingeladen werden sollte, meinte der gelernte Brauer: „Wenn die Claudia Roth kommt, dann mach’ ich ein Bier für sie – ein Claudiator“. Ein Lockruf, dem die gebürtige Bayerin offenbar nicht widerstehen konnte. Pünktlich und mit viel Zeit im Gepäck stand Claudia Roth am Sonntag leibhaftig in der Grundschulaula.

Ein Ereignis, das nicht nur grüne Parteifreunde, sondern auch politische Konkurrenz in den liebevoll dekorierten und gut gefüllten Veranstaltungsraum lockte. Bevor die Roth ans Mikrofon trat, schlugen Schuegraf und Neurieds 3. Bürgermeister Dieter Maier einen Bogen von der Gemeindepolitik zu den Geschehnissen in der Welt. So erinnerte Schuegraf daran, dass man bis Ende des Jahres 250 Flüchtlinge in Neuried erwarte. Er freue sich, dass in der Gemeinde der Populismus von Pegida und AfD noch nicht angekommen sei. Maier warnte vor einer weitaus größeren Flüchtlingswelle, wenn „wir es hier nicht schaffen, den Klimawandel einzudämmen.“

Eine Sorge, die auch Claudia Roth teilte. Ein wichtiges Ziel von Bündnis 90/Die Grünen sei daher auch die Vermeidung und Bekämpfung der Fluchtursachen. Sollte die Klimaerwärmung nicht gestoppt werden, seien zusätzlich zu den momentan 60 Millionen Flüchtlingen weltweit 400 Millionen Klimaflüchtlinge zu erwarten. „Wir leben in einer Welt, in der es keine Inseln der Glückseligkeit mehr gibt“, so die Politikerin. Neben Maßnahmen der Bundesregierung forderte Roth, dass Europa wieder gemeinsam Verantwortung übernehmen müsse. Die Öffnung der Grenzen im Sommer von Bundeskanzlerin Angela Merkel sei lediglich eine Reaktion auf die „beschämende“ Haltung einiger europäischer Staaten gewesen. „Die Flüchtlinge sind nicht aus der Welt, nur weil wir sie nicht an uns herankommen lassen“, sagte Roth. Deutschland müsse endlich ein modernes Einwanderungsgesetz beschließen und mit den Waffenlieferungen an Staaten wie Saudi-Arabien und Katar aufhören. Und schließlich müsste die Staatengemeinschaft eine zuverlässige Finanzierung der UN-Flüchtlingshilfe sicherstellen.

Die Debatte des Jahres 2016 müsse der Frage nachgehen: „In welchem Land wollen wir leben?“ Dazu gehöre es, gemeinsam über alle Parteigrenzen hinweg zu diskutieren und ein respektvoller Umgang miteinander. Energisch verwahrte sich Roth gegen den Vorwurf, der Staat habe keine Antwort auf straffällig gewordene Flüchtlinge: „Rechtsstaatlichkeit gilt für alle. Die letzte Gesetzesverschärfung ist noch gar nicht umgesetzt.“

Ein lang anhaltender Applaus quittierte die Rede der Grünen-Politikerin – und Werner Schuegraf konnte zufrieden sein: Sein Doppelbock, der Claudiator, mit 18,5 Prozent Stammwürze („für eine gestandene Frau mit Durchsetzungsvermögen“) und genug Bitterstoffen (für die „harte Wahrheit, die anzusprechen sie imstande ist“) hat den Geschmack der Neurieder Grünen wohl ziemlich gut getroffen.

mdy

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