Der Griff zum Alkohol ist die häufigste Sucht im Corona-Lockdown, aber auch andere Drogen sowie Medienkonsum werden nach Beobachtung der Beratungsstellen verstärkt zum Problem.
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Der Griff zum Alkohol ist die häufigste Sucht im Corona-Lockdown, aber auch andere Drogen sowie Medienkonsum werden nach Beobachtung der Beratungsstellen verstärkt zum Problem.

Beratungsstellen

Corona treibt Menschen in die Sucht

Die lange Corona-Ausnahmesituation und der zweite Lockdown setzen vielen Menschen zu. Immer mehr suchen ihr Heil in Alkohol, Onlinespielen oder Drogen. Die Beratungsstellen verzeichnen teils deutlich erhöhte Nachfrage.

Würmtal – Seit zwei Monaten sind viele Menschen zum zweiten Mal in einem Jahr die meiste Zeit zu Hause. Mangels Ausgleich folgt bei vielen der Griff zum Alkohol oder digitalen Geräten. „Seit Beginn der Pandemie wächst bei uns die Nachfrage nach Beratungen stetig. Die psychische Belastung ist groß, was in Suchtverhalten resultiert“, sagt Andreas Ammer, Fachdienstleiter der Caritas-Fachambulanz für Suchterkrankungen im Landkreis München.

Besonders Alkoholsucht nimmt zu

Besonders bei Alkoholsucht verzeichne die Stelle mehr Fälle. „Bei Jugendlichen nimmt die Online-Spiel- und allgemein Mediensucht zu, da sie ja im Moment kaum Freunde treffen oder anderen Hobbys nachgehen können“, sagt Ammer. Oft säßen zu Hause alle vor Monitoren – die Kinder vor ihren Smartphones, die Eltern vor den Computern im Homeoffice. Auch machten sich viele Sorgen um ihre finanzielle Zukunft, weil etwa ihr Geschäft zu habe oder die Arbeitsstelle in Gefahr sei. In vielen Familien gebe es so Spannungen. Alles resultiere dann in Süchten. Auffällig sei etwa, „dass der Konsum von Drogen zunimmt, insbesondere der Konsum von Cannabis“, berichtet Ammer.

Die Nachfrage nach Beratungen für alle Süchte sei jetzt im zweiten Lockdown noch größer als im ersten. Die Caritas-Beratungsstelle hat weiter offen und berät auch vor Ort, unter Beachtung aller Corona-Regeln (Telefon 32 18 32 21, suchtberatung-landkreis-muenchen @caritasmuenchen.de).

Mehr Angehörige melden sich

Bei der Beratungsstelle von Condrobs in Pasing hat die Zahl der Ratsuchenden bisher nicht zugenommen. „Der Andrang ist bei uns kontinuierlich hoch. Es gab aber innerhalb der Gruppe Verschiebungen insofern, dass sich mehr Angehörige an uns wenden“, berichtet Leiter Benjamin Klenke. Die Angehörigen würden oft wegen Alkoholsucht kommen. „Im normalen Alltag lässt sich manches gut verbergen, was jetzt im Homeoffice und wenn man viel mehr beisammen ist, nicht verheimlichen lässt“, berichtet Klenke.

Bei der Nachfrage von Betroffenen nach Hilfe gebe es bisher keine Zunahme. „Ich glaube aber, dass wir da im Moment die Ruhe vor dem Sturm haben, es sich langsam aufbaut und im dritten und vierten Quartal viel mehr kommen“, meint Klenke. Denn die Bereitschaft der Betroffenen, Hilfe zu suchen, komme erst nach und nach. Auch die Online-Spielsucht nehme zu, da die entsprechenden Angebote stets verfügbar seien.

Die Condrobs-Beratungsstelle vollzieht den Erstkontakt mit Hilfesuchenden oder ihren Angehörigen, die meist zwischen Ende 20 und Anfang 50 sind, derzeit digital etwa per Online-Videogespräch. Je nach Fall geschieht die weitere Beratung dann persönlich, per Telefon oder online. Ein Teil der Menschen „will im Moment nicht zu uns kommen, was ja verständlich ist. Für viele andere sind wir aber gerade jetzt als Präsenz-Angebot ein wichtiger Anker und Bezugspunkt“, sagt Benjamin Klenke.

Auf eigenes Konsumverhalten achten

Mögliche Hilfe-Strategien und Tipps richten sich nach dem jeweiligen Einzelfall. Es sei aber stets gerade jetzt wichtig, „sich Zeit-Slots zu reservieren für einen Ausgleich und sich so weit wie möglich mit Leuten zu umgeben, die einem guttun“, sagt Klenke. Bedeutsam sei auch, auf das eigene Konsumverhalten etwa bei Medien und Alkohol zu achten (Telefon 82 07 56 80, pasing@condrobs.de).

Mit voller Wucht treffen die Corona-Ausnahmesituation und ihre Folgen auch die Selbsthilfegruppen des Vereins Blaues Kreuz, der allein im Landkreis Starnberg drei Gruppen unterhält. Seit Mitte Januar sind die Treffen auf maximal fünf Personen inklusive Gruppenleiter begrenzt. „Vier Klienten pro Gruppe decken aber in keiner Weise den momentanen Bedarf ab“, sagt Sprecher Norbert Gerstlacher. Regelmäßig müssten daher Anfragen Bedürftiger abgelehnt werden. „Das ist menschlich nicht vertretbar. Wer sich an uns wendet, der braucht Hilfe“, sagt Gerstlacher.

Um trotz der widrigen Umstände möglichst viele Menschen an den Selbsthilfegruppen teilnehmen zu lassen, hat das Blaue Kreuz Online-Gruppen eingeführt. Besonders bei jungen Klienten stoße diese Variante durchaus auf Zuspruch. Die älteren hingegen hätten oft technische Probleme und würden sich letztlich entnervt abwenden. Gerstlacher: „Das sorgt für Frustration. In der Selbsthilfe ist das daher auf Dauer keine Lösung.“

Peter Seybold

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