Der Einsatz im April 2020: Ein 64-jähriger Vater starb, weil der 57-jährige Germeringer bewusst in den Gegenverkehr gerast war. Er steht nun wegen Mordes vor Gericht.
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Der Einsatz im April 2020: Ein 64-jähriger Vater starb, weil der 57-jährige Germeringer bewusst in den Gegenverkehr gerast war. Er steht nun wegen Mordes vor Gericht.

Prozessauftakt: Germeringer wegen Mordes angeklagt

Geisterfahrer tötet Familienvater, weil er die Corona-Nachrichten nicht mehr ertragen hat

  • Angela Walser
    vonAngela Walser
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Die Corona-Nachrichten setzten einem Germeringer vergangenes Frühjahr so sehr zu, dass er sich das Leben nehmen wollte. Der 57-Jährige raste mit seinem Auto in den Gegenverkehr. Er überlebte. Ein zweifacher Familienvater starb bei dem Unfall.

Krailling – Die Nachrichten über Corona setzten dem 57-Jährigen aus Germering (Kreis Fürstenfeldbruck) zu. „Überall in der Arbeit, in der S-Bahn in den Nachrichten, nur noch Corona“, sagte er zu Beginn des Prozesses. „Ich wollt‘ eigentlich nimmer leben.“ Vor der Pandemie ging es dem Techniker gut, berichtete er. Mit seiner Lebensgefährtin wollte er nach Florida und Ägypten, das Wunschauto war bestellt, durch eine Erbschaft ausreichend Geld vorhanden. Dann kam Corona – und setzte ihm psychisch sehr zu.

„Ich hatte panische Angst, dass sie oder ihre Eltern oder meine Eltern sich anstecken würden“, sagte er und wischte sich mit einem Taschentuch über die Augen. Mit seiner Lebensgefährtin hatte er sich gestritten, wegen der Ansteckungsgefahr. Bei beiden hatte es am Arbeitsplatz Infektionen gegeben. Ihn quälte die Angst, das Virus mit heimzubringen. Telefonisch hatte er sich schon eine Verlängerung seiner Krankschreibung organisiert. Seine Freundin hätte in der bevorstehenden Woche wieder zur Arbeit in einer Versicherung gehen sollen.

Corona löst Kurzschlussreaktion aus: Mann wird zum Geisterfahrer

Mit diesen Sorgen im Kopf setzte er sich am Mittag des 4. April 2020 ans Steuer seines Transporters. „Ich bin eine Stunde ziellos durch die Gegend gefahren“, sagte der Angeklagte mit leiser Stimme. Die Entscheidung, nicht mehr leben zu wollen, sei wie ein Kurzschluss gewesen.

Der Vorsitzende Richter Thomas Bott wollte wissen, ob er bereits vorher schon Selbstmordgedanken gehabt hatte. „Nein“, erwiderte der 57-Jährige. „Auch an diesem Samstag kam nicht der Gedanke. Wir hatten ja so viel vor.“ Tatsächlich aber hatte er sich an den Tagen zuvor mit dem Gedanken getragen, nicht mehr zurück zu kommen. „Ich wollte einfach nicht mehr leben, aber ich habe den Gedanken weggeschoben“, erinnerte sich der Germeringer.

Auf der langen, schnurgeraden Fahrspur zwischen Germering (Kreis Fürstenfeldbruck) und Gauting (Kreis Starnberg) wendete er dann, fuhr zurück, öffnete seinen Gurt und beschleunigte auf Tempo 120. „Das Gefühl wurde dann so stark, dass ich in den Gegenverkehr gefahren bin“, sagte der Angeklagte. Er habe schreckliche Bilder und den Streit vor Augen gehabt. Das sei dann zu viel gewesen. In welchen Wagen er im Gemeindegebiet Krailling krachte und wie viele Menschenleben er auslöschen würde, hatte er nicht bedacht.

Germeringer tötet Familienvater durch Geisterfahrt

Er prallte mit einem 64-jährigen Familienvater zusammen. Dessen Wagen wurde durch den Aufprall von der Fahrbahn geschleuderte und landete auf dem Dach liegend an einem Baum. Der Mann starb unmittelbar nach dem Unfall an einem zweifachen Aortenabriss. Seine drei Töchter sind als Nebenklägerinnen zugelassen. Eine der jungen Frauen verfolgte den Prozessauftakt an der Seite ihres Anwalts.

An den möglichen Tod anderer Verkehrsteilnehmer hatte der Germeringer keinen Gedanken verschwendet. „Aber das ist die zentrale Frage“, hielt ihm der Richter vor. „Wenn der andere hätte ausweichen können, hätte Ihr Plan nicht funktioniert.“ Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Mord aus niedrigen Beweggründen, Heimtücke und mit gemeingefährlichen Mitteln vor. Ihm sei völlig gleichgültig gewesen, dass und wie viele Menschen ihr Leben verlieren würden.

Der Prozess wird heute mit der Vernehmung der Zeugen fortgesetzt. Einer der Autofahrer, der hinter dem Wagen des 64-Jährigen gefahren war, hatte mit einer Amaturenbrett-Kamera wichtige Beweise geliefert.

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Hilfe bei Suizidgefahr

Generell berichten wir nicht über Selbsttötungen, damit solche Fälle mögliche Nachahmer nicht ermutigen. Eine Berichterstattung findet nur dann statt, wenn die Umstände eine besondere öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Wenn Sie oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existentiellen Lebenskrise oder Depressionen leidet, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge unter der Nummer: 0800-1110111. Hilfe bietet auch der Krisendienst Psychiatrie für München und Oberbayern unter 0180-6553000.Weitere Infos finden Sie auf der Webseite www.krisendienst-psychiatrie.de.

Wer Hilfe sucht, kann sich an die Telefonseelsorge wenden. Im Akutfall unter Telefon: 08 00/1 11 01 11 oder 08 00/1 11 02 22 oder 11 61 23. Im Chat oder per Mail unter online.telefonseelsorge.de. Zudem gibt es einen psychiatrischen Krisendienst in Bayern unter Telefon: 08 00/6 55 30 00. Die ARCHE ist ein Verein für Suizidprävention und Lebenshilfe für München und außerhalb. Der Verein ist telefonisch unter 089/33 40 41 zu erreichen. Wer akute Fälle von Suizidversuchen beobachtet, soll umgehend die Notrufnummer 112 wählen.

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