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Fast ausverkauft: Hermann-Dietrich Werner von der Max-Planck-Apotheke in Martinsried hat noch einige Atemschutz-Masken im Angebot.

Webasto-Mitarbeiter infiziert

Coronavirus erreicht das Würmtal

Das Würmtal ist unversehens zum Schauplatz der ersten Coronavirus-Infektion in Deutschland geworden. Beim Stockdorfer Automobilzulieferer Webasto steckte eine Mitarbeiterin aus China einen deutschen Kollegen an.

Stockdorf – Den mit dem Coronavirus infizierten Mitarbeitern der Firma Webasto geht es gut. Das bestätigte gestern auf Anfrage eine Sprecherin des Unternehmens. Der im Schwabinger Krankenhaus untergebrachte 33-jährige Mitarbeiter sei fieberfrei und habe keine Atemwegsbeschwerden. Auch die am Unternehmensstandort in Shanghai tätige Frau werde dort klinisch betreut und sei stabil.

Die chinesische Mitarbeiterin war am 19. Januar von Shanghai nach München geflogen. Ihr Ziel war die Webasto-Zentrale in Stockdorf. Dort hat sie sich bis zum 22. Januar mit Kollegen über betriebliche Themen ausgetauscht, teilte die Firmensprecherin mit. Unter anderem auch mit dem 33-jährigen Mitarbeiter, der mit seiner Familie in Landsberg lebt und bei Webasto am Zentralstandort in Stockdorf beschäftigt ist. „Die Kollegin aus China hat während ihres Aufenthaltes in Stockdorf keine grippeähnlichen Symptome gezeigt“, erklärte die Webasto-Sprecherin. Am 23. Januar sei sie zurück nach Shanghai gereist. Dort hätten sich dann erste Symptome eingestellt. Sie habe sich in ärztliche Behandlung begeben, dabei sei das Coronavirus festgestellt worden. Mutmaßlich habe sich die Kollegin bei einem Mitglied ihrer Familie angesteckt, die in der Millionen-Metropole Wuhan zu Hause ist. Dort waren die ersten Erkrankungen bekannt geworden. Und dort betreibt Webasto sein weltweit größtes Werk. Wegen des chinesischen Neujahrsfestes ruhe derzeit der Betrieb in Wuhan. Die Konzernleitung habe die Betriebsruhe aus aktuellem Anlass verlängert – zunächst bis zum Sonntag, 2. Februar.

Es sei nicht nur für das Unternehmen ein Rätsel, dass ein Mensch, der noch keinerlei Krankheitssymptome zeige, infektiös sein könne, sagte die Firmensprecherin. Auch für die Mediziner, mit denen man in Kontakt stehe, sei dieser Verlauf ungewöhnlich.

Um eine Ausbreitung der Krankheit zu verhindern, hat Webasto Maßnahmen ergriffen. „Wir stehen im engen Kontakt mit dem Landratsamt Starnberg, um möglichst alle Menschen ausfindig zu machen, mit denen unsere erkrankten Kollegen Kontakt hatten“, berichtet die Sprecherin. Den Mitarbeitern werde empfohlen, sofort einen Arzt aufzusuchen, wenn nach einem Kontakt mit Kollegen, die an einem der elf Standorte in China tätig sind, grippeähnliche Anzeichen auftreten.

Den Mitarbeitern am Standort Stockdorf hat es das Management freigestellt, den Rest der Woche von zu Hause aus zu arbeiten. Davon haben wohl mehrere Arbeitnehmer Gebrauch gemacht. Gestern war es vergleichsweise ruhig in Stockdorf. Auch die Stimmung sei ruhig, bestätigte die Sprecherin: „Alle Mitarbeiter gehen sehr professionell mit der Situation um.“ Alle China-Reisen hat Webasto vorerst für die kommenden zwei Wochen abgesagt. Auch in China sollen Inlandsflüge zwischen den Firmenstandorten vermieden werden. „Die Kommunikation soll auf Telefonanrufe und elektronische Nachrichten beschränkt bleiben“, teilte die Sprecherin mit. Im Übrigen seien auch von behördlicher Seite die Verkehrsbeschränkungen von Wuhan auf andere Distrikte ausgeweitet worden.

Auch andere Würmtaler Unternehmen mit Standorten in China beschäftigen sich mit dem Thema. Die Firma Toptica Photonics, die neben der Filiale in Gräfelfing unter anderem auch einen Standort in Shanghai besitzt, hat derzeit keine deutschen Mitarbeiter vor Ort in Asien. Auch umgekehrt erwarte man keinen Besuch von chinesischen Kollegen, erklärt Jan Brubacher, Marketing-Leiter der Firma. Doch Mitte März ist Toptica auf der größten chinesischen Lasermesse in Shanghai vertreten. Man hoffe, dass sich die Situation bis dahin beruhigt habe.

Ebenfalls in Shanghai befindet sich ein Tochterunternehmen der Gräfelfinger Dr. Hönle AG, das Unternehmen dort ist aber selbstständig. „Das sind lokale Mitarbeiter, die werden auf absehbare Zeit nicht zu uns reisen“, erklärt Peter Weinert (Investor Relations Manager). Deutsche Mitarbeiter sind momentan dort nicht im Einsatz, für Mitte Februar ist aber ein Serviceeinsatz in China geplant, der einen Mitarbeiter betrifft. Ob der Einsatz wie geplant stattfinde, sei noch nicht abzusehen. „Wir nehmen die Situation ernst und entscheiden in Ruhe, das geht ja auch kurzfristig“, teilt Weinert mit. Dabei seien auch Faktoren wie Einreise- und Ausreisebestimmungen zu beachten.

Derweil ist das Coronavirus in den Würmtaler Apotheken ein noch präsenteres Thema. Wie auch in der Stadt München, sind Mund- und Nasenschutzmasken in fast allen Apotheken ausverkauft. Die Masken seien absolute Mangelware und würden wie warme Semmeln weggehen, heißt es in der Würmtal-Apotheke Planegg. Die Engel-Apotheke (ebenfalls Planegg), hat auch keine Masken mehr vorrätig. Hysterisch seien die Bürger aber nicht, der Kauf diene lediglich zur Vorsorge, so eine Mitarbeiterin.

Ein wenig aufgeschreckter sind da schon die Kunden, die in den Stockdorfer Apotheken Desinfektionsmittel und Schutzmasken erwerben wollen. Susanne Werndl, Inhaberin der Stockdorfer Bienen-Apotheke, sagt: „Viele haben die Sorge, dass eine Infektion bedrohlich sein könnte.“ In einer Packung befinden sich sechs Masken, viele Apotheken hatten zehn Packungen vorrätig. Die Gräfelfinger Stefans-Aktiv-Apotheke hatte Glück und konnte noch 500 Stück nachbestellen, die heute eintreffen sollen.

Die Würmtaler Internisten bereiten sich in Ruhe auf das Coronavirus vor, dabei orientieren sie sich an internistischen Zentren. Die Ärzte versorgen ihre Patienten mit Informationen über Symptome und Verhaltensweisen. Wie bei einer Grippeerkrankung ist Hygiene das wichtigste Mittel gegen Ansteckung. Sobald die großen ärztlichen Einrichtungen eine neue, auf das Coronavirus bezogene Handlungsanweisung herausgeben, werden die Praxen sie übernehmen.

Stephan Müller-Wendlandt
und Jana Zwerger

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