"Die Kirche ist mehr als der sonntägliche Gottesdienst"

- Pfarrer Diethard Buchstädt über seine Zeit im Würmtal

Nach fünf Jahren verlässt Pfarrer Diethard Buchstädt die evangelische Waldkirche in Planegg, die auch für Krailling zuständig ist, und wechselt nach Bamberg. Am Sonntag wird er in einem Gottesdienst um 10 Uhr und einem anschließenden Empfang im Gemeindehaus der Waldkirche verabschiedet. Der Münchner Merkur sprach mit ihm über seine neuen Aufgaben, seine Erfahrungen im Würmtal und über das Jahr der Bibel.

Sie haben einmal gesagt, Sie würden das Würmtal mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlassen. Welches lacht und welches weint?

Buchstädt: Ich war fünf Jahre hier. Das ist eine Zeit, die prägt. Ich hatte guten Kontakt zu den Menschen, den Vereinen und politischen Gemeinden. Die Rückmeldung der Menschen war recht positiv, von daher gebe ich das ungern auf. Aber die Stelle hier ist eben zeitlich befristet. Es war klar, dass wir irgendwann gehen müssen. Und die eigene Pfarrstelle in Bamberg ist eine große Herausforderung.

Ihre Aufgaben werden sich ändern.

Buchstädt: Ja, bei der neuen Stelle ist die Pfarramtsführung dabei. Natürlich wird mehr Seniorenarbeit dazukommen, mehr der Blick für die ganze Gemeinde. In Bamberg gibt es viele Spätaussiedler. Man muss sehen, inwieweit man die einbinden kann. Die soziologische Zusammensetzung ist anders. Es wird auch wichtig sein, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit für die weit entfernten Gemeindeteile zu entwickeln.

Sie hatten hier vor allem in der Jugendarbeit zu tun.

Buchstädt: Das war ein Schwerpunkt. Wir haben Jugendfreizeiten und Partys gemacht und beispielsweise die Weihnachtsbaumaktion. Auch haben wir uns erstmals am Faschingszug beteiligt. Das war im Jahr 2002. Hoffentlich klappt das auch 2004 wieder. Jugendarbeit bedeutet aber auch, die Arbeit zu machen, die man in der Öffentlichkeit nicht sieht. Wie die Aus- und Fortbildung der Gruppenleiter etwa.

Partys, Faschingsumzug: Das sind alles weltliche Dinge, die mit Religion und Glaube auf den ersten Blick wenig zu tun haben.

Buchstädt: Feste Gruppen wie Bibelkreise sind nicht mehr so Gang und Gäbe. Wir haben die Trägerschaft und versuchen, gewisse Grundwerte darin zu leben. Bibelstunden sind ein Zerrbild von früher. Bei uns schauen sicher andere Leute vorbei als meinetwegen im Waaghäusl. Die Dinge sind natürlich weltlich. Aber die evangelische Kirche ist mehr als das, was in den Gemeindehäusern passiert und an den Sonntagen.

Gibt es im Würmtal spezifische Probleme der Jugend?

Buchstädt: Probleme würde ich nicht sagen. Ein Thema ist natürlich seit Jahren die Frage: Wo trifft sich die Jugend? Es fehlt ein großer Treff. Die bestehenden sind immer nur für einen kleinen Teil. Wir haben sicher keine großen sozialen Probleme, wie etwa, dass viele Eltern arbeitslos wären, oder dass offensichtliche Gewalt angewendet würde.

Die Ökumene ist im Würmtal ein wichtiges Thema. Wenn sie es auf einer Skala von eins bis zehn beurteilen, wobei zehn das Optimum ist: Wo ist die Ökumene angelangt?

Buchstädt: Bei acht oder neun. Wir haben relativ häufigen Kontakt mit St. Elisabeth. Das zeigt sich an den Gottesdiensten, Bergmessen oder an den gemeinsamen Sitzungen der Kirchenvorstände. Seit Jahren gibt es die ökumenische Kinderbibelwoche. Außerdem hatten wir den Emmausgang und die Beteiligung an Fronleichnam.

Wobei es da ja auch kritische Stimmen gab.

Buchstädt: Es war für viele Evangelische einfach ungewohnt. In der Zukunft wird es wahrscheinlich so sein, dass wir uns nicht offiziell beteiligen, uns aber über jeden freuen, der mitmacht. Ökumene heißt ja auch, dass ich jedem das Seine lasse. An solchen Tagen gibt es Glaubenstraditionen, die man nicht über den Haufen werfen kann.

Bekommt man als Pfarrer eigentlich Rückmeldungen?

Buchstädt: Bei Beerdigungen und Taufen am allermeisten. Und glücklicherweise oft von denen, die nur als Gäste da waren. Meistens sind die Rückmeldungen positiv. Das Negative schlucken die Leute eher. Es kommt schon vor, dass einer sagt, ich hätte zu leise gepredigt oder es sei etwas unverständlich gewesen oder das Lied habe nicht gepasst.

2003 ist das Jahr der Bibel: Gibt es eine Bibelstelle, die Ihnen am besten gefällt?

Buchstädt: Das ist mein Konfirmationsspruch, Römer 1,16 ff. Es geht um die universale Kraft des Evangeliums, das nicht nur für Christen da ist, sondern jeden Menschen was angeht. Und darum, dass ich nicht um die Liebe Gottes kämpfen muss, sondern so angenommen werde, wie ich bin.

Was kann die Kirche vom Jahr der Bibel gewinnen? Es wird ja viel über die historische Authentizität der Texte diskutiert. Ist das nicht eher eine Entzauberung?

Buchstädt: Die Diskussion geht an der Bibel vorbei. Natürlich kann ich schauen, ob im alten Testament der oder dieser König gelebt hat. Aber die Menschen haben die Bibel doch in erster Linie als Glaubenszeugnis aufgezeichnet. Ein historischer Wert ist wichtig. Aber ich kann die Bibel nicht anhand der Historie als wahr oder falsch bezeichnen. Die Kirche kann dann gewinnen, wenn verdeutlicht wird, dass etwa in der Schöpfungsgeschichte Dinge stehen, die uns heute noch angehen. Wichtig ist die Botschaft, dass der Mensch kein Wesen ist, das sich selbst erlösen kann, wie manche Sekten es propagieren.

Das Jahr der Bibel als Marketingstrategie?

Buchstädt: Würde ich nicht sagen: Eher als Hilfe, einen Einstieg oder Zugang zur Bibel zu finden.

Gibt es eine Lehre, die sie aus den fünf Jahren im Würmtal gezogen haben?

Buchstädt: Soweit es möglich ist, unvoreingenommen auf den Menschen zugehen, einzusehen, dass hier Menschen sind, die stark vom Äußeren leben und dort vielleicht eher welche, die von anderen Nationen kommen. Den Menschen hinter dem Menschen sehen.

Gibt es ein Abschiedsgeschenk, das sie sich wünschen würden

Buchstädt (lacht): Es gibt genug, was ich mir wünschen würde. Ich mag sehr gerne Orchideen. Ein schönes Abschiedsgeschenk wären die Menschen, die mir einfach nochmal auf Wiedersehen sagen.

Auch wenn Ihr Beruf

in gewisser Weise Berufung ist: Was tun sie, wenn sie abschalten wollen?

Buchstädt: Das kommt darauf an, wie es sich mit der Familie vereinbaren lässt. Ich fahre gern Rennrad oder auch Motorrad, gehe gern die Sauna. Seltsamerweise haben wir die Nähe zu München nie ausgenutzt. Aber in die Berge sind wir gern gegangen. Gitarre spielen und lesen gehören auch zu meinen Hobbys.

Gibt es außerhalb der Bibel ein Lieblingsbuch?

Buchstädt: Schwierig zu sagen. Zuletzt habe ich gern Krimis gelesen. Das ist mal ganz was anderes.

Thomas Steinhardt

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