Heimaufsicht

Die Kontrolleure kommen zu jeder Tages- und Nachtzeit

  • Doris Richter
    vonDoris Richter
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Der Pflegeskandal in Schliersee hat für Entsetzen gesorgt. In einem Seniorenheim sind die Bewohner teils jahrelang vernachlässigt worden, waren unterernährt und hatten offene Wunden. Damit sich so etwas nicht wiederholt, braucht es strenge Kontrollen - so wie die Heimaufsicht im Landkreis München.

Landkreis München – Sie kommen regelmäßig, ohne Anmeldung. Am Morgen, zur Mittagszeit oder auch mal am Abend oder in der Nacht. Und sie schauen genau hin, ob in den Heimen für Pflegebedürftige und für Menschen mit Behinderungen im Landkreis alles so läuft, wie es laufen sollte: die Mitarbeiter der Heimaufsicht des Landkreises München. Denn ein Skandal, wie er erstkürzlich in einem Pflegeheim in Schliersee geschehen ist, darf sich nicht wiederholen.Die Bewohner waren hier jahrelang vernachlässigt worden, waren teilweise unterernährt und hatten offene Wunden. Jetzt ermittelt die Polizei in 88 Fällen von Körperverletzung und prüft 17 Todesfälle. Damit so etwas im Landkreis nicht passiert, sieht die Heimaufsicht im Schnitt einmal pro Jahr in jeder der 55 Einrichtungen nach dem Rechten. So auch im Evangelischen Altenheim in Planegg. Wie Leiterin Astrid Ühlein erzählt, bleibe die Heimaufsicht bei ihren Kontrollterminen meist einen ganzen Tag im Planegger Alten- und Pflegeheim. Neben der jährlichen Prüfung ständen sie und die Heimleitung aber auch fortgehend in Kontakt. „Die Heimaufsicht überprüft und berät, und wir arbeiten sehr gerne mit ihr zusammen.“

Viel Zeit für Kontrollen

  Etwa acht Stunden nehmen sich Peter Distler-Hohenstatt, Leiter der Heimaufsicht oder „Fachstelle für Pflege- und Behinderteneinrichtungen – Qualitätsentwicklung und Aufsicht (FQA)“ wie sie offiziell heißt, und sein Team für einen Kontrollbesuch Zeit. Je nach Größe des Hauses sind bis zu zwei Pflegekräfte, eine Verwaltungskraft und ein Sozialpädagoge mit dabei. „Wir arbeiten dabei nicht stur eine Checkliste ab“, erklärt Distler-Hohenstatt. Er ist selbst ausgebildete Pflegekraft, hat Pflegemanagement studiert und Pflegeheime geleitet. Er weiß, wo man hinsehen muss. Gleichwohl gibt es einen Prüfleitfaden, in dem es um Themen wie Hygiene, Verpflegung, Wohnqualität und Pflege geht. „Wenn ich eine Einrichtung betrete und es gleich nach Urin riecht, gehe ich dem nach und schon sind wir beim Thema Hygiene“, erklärt Distler-Hohenstatt.

Mangel an Fachkräften

  Ein Knackpunkt in allen Häusern: Gibt es genug Fachkräfte? Distler-Hohenstatt wirft daher immer einen Blick in die Dienstpläne. „Die meisten Häuser erfüllen knapp die Fachkraft-Quote von 50 Prozent, wobei es Ausnahmen mit 70 Prozent gibt.“ Laut Astrid Ühlein schwankt die Fachkraft-Quote im Altenheim Planegg in der Regel zwischen 50 und 55 Prozent. Auch nachts kontrolliert die Heimaufsicht, ob sich wie vorgeschrieben ausreichend Personal um die Bewohner kümmert. „Wir betrachten die Arbeit in den Häusern zu jeder Tageszeit“. Wobei es Distler-Hohenstatt nicht nur um Kontrolle geht. „Im besten Fall sagen die Leute, ’schön, dass Sie wieder mal da sind’.“ Er will helfen und beraten, wenn etwas nicht glatt läuft, Tipps für Verbesserungen geben. „Den Häusern ist ja auch daran gelegen, gut zu sein, gerade weil sie dann ein Magnet sind – für Bewohner und für Personal.“ Gleichzeitig ist es ihm wichtig, dass Kritik und Anregungen ernst genommen, Mängel wirklich beseitigt werden. „Da sind wir streng.“ Schließen musste er selbst noch kein Heim. Einen Aufnahmestopp verhängt die Heimaufsicht drei bis fünfmal pro Jahr, in den meisten Fällen, weil die Fachkraftquote nicht erfüllt wird. Gutes Personal zu finden, wird immer schwieriger.

Viele Verbesserungen

   Wo es aus Sicht der Heimaufsicht noch oft hakt: „Helfer werden zu wenig angeleitet, dabei übernehmen sie oft die komplette Grundpflege.“ Distler-Hohenstatt. kann aber auch viel Gutes berichten, vieles habe sich verbessert in den vergangenen Jahren: Es gibt mehr Hilfspersonal in den Heimen vom Alltagsbegleiter über Betreuungshelfer bis zum Musikpädagogen. Die Häuser bieten mehr Orientierungshilfen mit Lichtern und Farben. Es gibt spezielle Gärten für Demenzerkrankte, Hausgemeinschaften entstehen, wo gemeinsam mit Bewohnern gekocht wird. Für Bettgitter und Fixierungen habe man Alternativen gefunden wie absenkbare Betten. „Auch bei uns sind die Betten alle elektrisch verstellbar und spezielle Niederflurbetten können besonders tief heruntergefahren werden“, berichtet Astrid Ühlein Auch der Einsatz von Psychopharmaka sei deutlich zurückgegangen. „Da sind wir auch sehr pingelig und schauen genau hin, ob die wirklich medizinisch, therapeutisch notwendig sind oder der Bewohner einfach nur ruhig gestellt werden soll“, so Distler-Hohenstatt.

An Corona gewachsen

  Corona sei für die Heime zur besonderen Herausforderung geworden. „Alle haben viel in Sachen Krisenmanagement gelernt“, sagt Distler-Hohenstatt. Viel sei er unterwegs gewesen. Denn die „größte Heimaufsicht Deutschlands“, wie er die Angehörigen nennt, durfte die Häuser zeitweise nicht mehr betreten. Die Mitarbeiter in den Heimen habe die Situation stark belastet, „viele Führungskräfte und Mitarbeiter haben sich voll ausgepowert“, weiß Distler-Hohenstatt. Gleichzeitig hätten ihm viele erzählt, Corona habe sie als Team zusammengeschweißt. Das kann auch Astrid Ühlein bestätigen. Im vergangenen Frühjahr gab es im Planegger Altenheim einen Corona-Ausbruch. Bewohner verstarben und Mitarbeiter mussten in Quarantäne. „Die Corona-Zeit ist für uns alle eine Herausforderung, doch unser Team ist jetzt noch mehr miteinander verbunden“, so Ühlein.

Wie gehen Pflegekräften mit Bewohnern um? Das ist ein Aspekt, auf den die Mitarbeiter der Heimaufsicht bei ihren Kontrollbesuchen achten.

Rubriklistenbild: © Tom Weller/dpa

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