+
„Eine leichte Karamellnote, umspielt von einem Hauch kräuterartiger Hopfenaromen“, dazu der bernsteinfarbene Schimmer von dunklem Malz: Doemens-Akademieleiter Wolfgang Stempfl (re.) überreicht Bürgermeister Christoph Göbel mit dem „Sudprotokoll“ des Jubiläumsbiers das Originalrezept einer echten Rarität und den Beleg Gräfelfinger Braukunst.

Doemens-Akademie braut das Gräfelfinger Jubiläumsbier

Gräfelfing - Mit einem traditionellen Märzen kreieren die Braumeister ein Nobelbier, wie es vor 125 Jahren geschätzt wurde.

Das Jubiläumsjahr in Gräfelfing fördert ein ganz besonderes, bisher ungekanntes „Mir-san-Mir“-Gefühl in der Gartenstadt zutage. Gräfelfinger Künstler, Gräfelfinger Wissenschaftler, Gräfelfinger Politiker, Sportler, Geschäftsleute, Handwerker und Vereine - möglichst jede Veranstaltung soll von der schöpferischen Kraft und Leistung der Würmtalgemeinde beseelt sein. Was liegt näher, als dass auch das Festbier lokalen Ursprungs ist? Zumal mit Doemens die weltweit größte Fachakademie für Brauwesen in Gräfelfing beheimatet ist. Vor 100 geladenen Gästen zapfte Bürgermeister Christoph Göbel am Mittwoch im Bürgerhaus das erste Fass des Gräfelfinger Jubiläumsbieres an. Es stieß auf überschwängliches Lob.

Es sei Doemens „eine Freude und Ehre“ gewesen, dieses Bier zu kreieren, sagte Akademie-Leiter Wolfgang Stempfl in seiner launigen, gleichwohl hoch informativen Rede. Wie ernst Doemens den Auftrag nahm, zeigte sich in den Personen der beiden Braumeister: Björn Bleier, Leiter der Doemens-Versuchsbrauerei, und Dr. Gerrit Blümlhuber, Mitglied der Geschäftsleitung, legten persönlich Hand an. Um das Bier vorzustellen und seinen Charakter zu erklären, musste Stempfl in die Bier-Geschichte gehen. Erster Gedanke bei Doemens war es, ein Bier wie vor 1250 Jahren zu brauen. Allein - niemand hätte Geschmack daran gefunden: „Damals gab es kein Reinheitsgebot und keinen Hopfen“, so der Fachmann: Man produzierte ein dünnes Grundbier, dem diverse Gewürzmischungen zugesetzt wurden. „Daher haben wir einfach die Null weggestrichen“, so Stempfl, „und ein Bier kreiert, wie es den Leuten vor 125 Jahren als Nobelbier gemundet hätte: ein untergäriges Märzen.“

Jubiläumsbier-Verkostung Gräfelfing

Früher dauerte das Braujahr von Ende September bis April. Nur in der kalten Jahreszeit war eine kühle Gärung möglich und die Hygiene gewährleistet. Daher braute man im März ein nobles Bier ein, das den Sommer über halten musste: Es war dank zusätzlicher Stammwürze (Malz) stärker, hatte mehr Alkoholgehalt, war haltbarer als normales Bier - und teurer. Die Reste davon trank man auf den Festen im Oktober, um die Fässer für den neuen Sud zu leeren. Heute ist Märzenbier fast ausgestorben; erst vor zwei Jahren brauten Münchner Braumeister ein traditionelles Märzen für die „Oide Wiesn“ ein.

Nun tat es ihnen Doemens gleich - allerdings mit eigener Rezeptur, wie es die Handwerksehre verlangt und der wissenschaftliche Ehrgeiz erfordert. Das Jubiläumsbier hat 14 statt der üblichen elf Prozent Stammwürze und sechs Prozent Alkohol. Absichtlich sei man unter dem Wert eines Bocks geblieben, so Stempfl, weil der in hochsommerlicher Hitze allzu gefährlich werden könne. „Das Jubiläumsbier ist nur etwas kräftiger - genau richtig.“

Alles richtig machten die Braumeister offensichtlich auch mit der Farbe: Weil die Malze früher dunkler waren, hatte Märzen einen edlen bernsteinfarbenen Schimmer. Diesen ahmten die Gräfelfinger Braumeister erfolgreich mit speziellem Wiener- und Karamellmalz nach. Fachmann Stempfl beschreibt den Geschmack des Produktes mit den Worten: „Eine leichte Karamellnote, umspielt von einem Hauch kräuterartiger Hopfenaromen, die sich nobelstem Hallertauer Hopfen verdanken.“ Das Bier lagerte drei Wochen bei Null Grad im Doemens-Keller. Es bleibt ungefiltert, weil erst vor 100 Jahren das Filtern eingeführt wurde. Daher besticht es mit vollem, rundem Körper - vulgo: es ist süffig. Bei der Verkostung bestätigten das die Experten vom Maibaumverein, der Feuerwehr und den Reservisten unisono. Das Jubiläumsbier sei „gut, sehr gut“, hieß es an ihrem Tisch.

Zum Abschluss überreichte Wolfgang Stempfl Bürgermeister Göbel eine in historischer Schnörkelschrift verfasste Rolle mit der Rezeptur - das „Sudprotokoll“. 20 Hektoliter des Jubiläumsbiers werden am Festsamstag (29. Juni) im Festzelt am Anger ausgeschenkt, so lange der Vorrat reicht. Weitere 20 Hektoliter gibt es dann in Flaschen zu kaufen - als Souvenir oder zum sofortigen Verzehr, was viel wahrscheinlicher ist.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Hermann Nafziger: „Es macht mir Höllenspaß“
100 Tage Bürgermeister, 100 Tage Corona: Die Pandemie bestimmt nicht nur den Arbeitsalltag im Planegger Rathaus, sie setzt auch die Themen – vom geschlossenen Wellenbad …
Hermann Nafziger: „Es macht mir Höllenspaß“
Experten empfehlen Pflasterfläche
Beim Umbau des Rathausplatzes 2015 hat die Gemeinde Gräfelfing einen progressiven verkehrsplanerischen Ansatz gewählt. Doch sie hat ihn nicht konsequent zu Ende geführt.
Experten empfehlen Pflasterfläche
Desinfizieren mit dem Handy
Drei junge Unternehmer sind startbereit: Desinfektionssprays zum „Ankoppeln“ ans Smartphone sollen zum Marktrenner werden. Ein Kraillinger ist einer der Ideengeber.
Desinfizieren mit dem Handy
Jede Woche Corona-Test im „Gräfelfinger“
Centogene führt am Frankfurter Flughafen täglich bis zu 5000 Corona-Tests durch. Seit dieser Woche kümmert sich das Rostocker Unternehmen auch um die Mitarbeiter des …
Jede Woche Corona-Test im „Gräfelfinger“

Kommentare