16-Jährige nach Syrien ausgereist

Elif zieht in den Krieg

Neuried – Seit drei Wochen wird die 16-jährige Elif vermisst. Sie soll nach Syrien ausgereist sein, um sich einer islamistischen Gruppe anzuschließen. Ihre Spur verliert sich in Istanbul.

Ihre Geschwister haben versucht, Worte zu finden. Sie haben Elif einen Brief geschrieben und ihn auf einer Facebook-Seite veröffentlicht – es ist zur Zeit ihre einzige Chance, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Eine winzig klein Chance. Die 16-Jährige aus Neuried (Kreis München) ist vor drei Wochen verschwunden. Ihren Eltern hatte sie gesagt, sie wolle eine Freundin besuchen. Tatsächlich besaß sie aber ein Flugticket von München nach Istanbul. Vieles deutet darauf hin, dass Elif versucht, nach Syrien auszureisen, um sich einer islamistischen Gruppe anzuschließen. Am Freitag hat der Münchner Polizeisprecher Wolfgang Wenger bestätigt, dass Elif Ö. nach Istanbul geflogen ist.

Am 1. März ist Elifs Vater ihr hinterher gereist. Er hat sich an die türkischen Medien in Istanbul gewandt und in Interviews um Hilfe gebeten. Ein Fernsehsender zeigt das Bild der 16-Jährigen. Sie trägt darauf ein schwarzes Kopftuch. Auf vielen Fotos ist sie teilweise oder komplett verschleiert. Aber es gibt auch andere Bilder von ihr. Ältere Fotos. Auf ihnen ist ein hübsches Mädchen zu sehen, mit blonden Haaren, kurzem Rock und Zungenpiercing. Es scheint, als habe Elif ihren Lebensstil in den letzten Monaten völlig verändert. Dass Schulfreunde und Bekannte geäußert hätten, sie habe sich zunehmend radikalisiert, wollte die Polizei nicht bestätigen.

Die türkisch-stämmige Familie aus dem Münchner Vorort hatte die Polizei Ende Februar eingeschaltet. Seitdem läuft die Suche nach der 16-Jährigen. Am Freitag bestätigte Polizeisprecher Wenger, dass Elif seit dem 28. Februar vermisst wird. Auch die Münchner Staatsanwaltschaft, das Bayerische Landeskriminalamt und die Vermisstenstelle des Präsidiums sind in die Ermittlungen eingebunden. Sie suchen nicht-öffentlich und deshalb ohne Foto nach Elif – so brisant ist die Lage. „Es gibt viele Maßnahmen, über die wir momentan nicht berichten können“, sagt Wenger. Gerüchte, dass ein weiteres Mädchen mit Elif nach Syrien ausgereist ist, wollte er nicht bestätigen. Noch gibt es keine Hinweise, ob die Schülerin allein bis Syrien gelangte, oder ob sie Helfer hatte, die ihre Ausreise organisierten.

Ihre Familie hat vor einigen Tagen die Facebook-Seite „Findet Elif“ gegründet – in der Hoffnung, Hinweise zu bekommen, wo sie sich gerade aufhält. Noch ist nicht sicher, ob sie weitergereist ist in die Südtürkei. „In Istanbul verliert sich ihre Spur“, sagt ihr Vater Atila gegenüber unserer Zeitung. Doch er will ohne sie nicht nach Deutschland zurückkehren. „Im Moment bleibt uns nur die Erinnerung. Und die Bilder, auf denen wir Dich sehen. Seit Du weg bist, ist jeder Tag wie ein Höllenfeuer“, schreiben ihre Geschwister in dem Brief, den sie ins Internet gestellt haben. „Wir geben nicht auf. Allah ist groß und wir beten, dass Du bald wieder kommst.“ Sie versuchen, zu verstehen, was in Elif die letzten Monate vorgegangen ist. „Du bist in Allahs Namen gegangen“, schreiben sie. „Deswegen hoffen wir, Allah bringt Dich uns zurück. Wir wissen, dass Du nur Gutes wolltest für Deinen Glauben und diese Welt – doch dabei hast du völlig vergessen, dass Du unsere Welt zerstörst, indem Du uns verlässt.“

Katrin Woitsch und Stefanie Wegele

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