Claudia Haslbeck in der Tür des Jugendtreffs Waaghäusl, Planegg
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Das Warten geht weiter: Claudia Haslbeck möchte wieder einen offenen Treff im Waaghäusl.

Enttäuschung nach Kinder- und Jugendgipfel der Staatsregierung

Jugendliche im Lockdown: „Einfach nur hilflos“

  • Nicole Kalenda
    vonNicole Kalenda
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Die Jugendhäuser im Würmtal bleiben zu. Sie hatten ihre Hoffnung in den Kinder- und Jugendgipfel der Staatsregierung am Montag gesetzt. Doch Ministerpräsident Markus Söder und Sozialministerin Carolina Trautner erteilten der offenen Jugendarbeit eine Absage. Deren Sorge um ihre Klientel nimmt zu.

Würmtal – Seit Dezember sind Jugendtreffs zum zweiten Mal pandemiebedingt geschlossen. Der Bayerische Jugendring (BJR), der mit einem Forderungskatalog und einem Stufenplan in die Kinder- und Jugendkonferenz gegangen war, wurde enttäuscht. Sozialministerin Carolina Trautner erklärte laut dpa, es gebe „gute Hygienekonzepte“, aber angesichts der steigenden Inzidenzen wolle man „vorsichtig agieren“: „Wir müssen das Infektionsgeschehen genau anschauen.“ Ministerpräsident Söder ergänzte, man werde an den aktuellen Regeln nichts ändern, weil die Infektionszahlen „nach oben gehen“.

„Das war ein ziemlicher Dämpfer“, so Florian Witschas vom Jugendhaus an der Würm in Gräfelfing. Und Claudia Haslbeck, die seit 1999 die Sozialraumleitung in Planegg und Martinsried innehat und damit zuständig ist für Waaghäusl und Marteeny, sagt: „Ich kann das nicht nachvollziehen und die Jugendlichen auch nicht.“ Man habe ein gutes Hygienekonzept. Nach dem ersten Lockdown, als die Jugendhäuser wieder öffnen durften, habe man viel im Freien gemacht und im Waaghäusl alle Sofas durch Stühle ersetzt, um einen besseren Überblick zu haben. „Wir hatten bis Dezember keinen einzigen Corona-Fall.“ Jetzt, im zweiten Lockdown, „geht uns langsam die Puste aus“.

Auch wenn das Waaghäusl zu ist, ist täglich ein Mitarbeiter vor Ort

Das Waaghäusl ist zu, doch täglich sei ein Kollege vor Ort. „Wenn Jugendliche vorbeischauen, ergibt sich ein Gespräch.“ Die Mitarbeiter seien „sehr viel unterwegs im Sozialraum“, erlaubt sei, als Sonderprojekt zur Abwendung von seelischen Schäden, eins zu eins spazieren zu gehen. „Dann haben wir noch die sozialen Medien. Doch die ersetzen in keiner Weise den persönlichen Kontakt. So eine Story ist schnell gelikt.“

Das Angebot eines Druckerservices für Jugendliche wurde nicht angenommen, ebenso wenig die drei Plätze fürs Homeschooling, die im Waaghäusl zur Verfügung stehen. Die Klientel dort ist überwiegend um die 16 und besucht weiterführende Schulen. Anders ist es im Marteeny, das von Kindern der Martinsrieder Grundschule besucht wird. Kinder „mit prekärer häuslicher Situation“ nutzten den Treff fürs Homeschooling. Seit die Grundschulen wieder geöffnet haben, kommen sie nachmittags, etwa um lesen zu üben. „Das klappt total gut.“

Einer kommt schon morgens um acht zum Lernen

Auch im Gräfelfinger Jugendhaus an der Würm, Freizi genannt, werden die schulischen Angebote von den überwiegend Zwölf- bis 16-Jährigen gut angenommen. „Wir haben viele Kinder, die mit Homeschooling nicht zurechtkommen“, sagt Witschas. Die Öffnungszeiten wurden angepasst, von nachmittags und abends auf morgens und nachmittags. Ein Schüler kam schon um 8 Uhr, weil er zu Hause keine Möglichkeit hatte, am Distanzunterricht teilzunehmen. Der Rest trudelte im Laufe des Vormittags ein. Acht Schüler waren in den vergangenen Wochen montags bis freitags zum Lernen im Freizi, zwei wurden online betreut. „Es ist nicht unsere originäre Aufgabe, aber es ist nichts Ungewöhnliches, dass in der offenen Jugendarbeit ein Pädagoge Jugendlichen zur Hand geht“, sagt Witschas. Und weiter: „Wir müssen schauen, was geht. Freizeitgestaltung geht nicht.“

Dass das Freizi weiter geschlossen bleibt, habe Auswirkungen auf die Verfasstheit der Jugendlichen. „Ich habe schon den Eindruck, dass bei vielen der Unmut wegen der Einschränkungen wächst. Die Klientel, die wir haben, wohnt nicht im eigenen Haus und hat keinen Garten. Die brauchen einen Raum, wo sie ihre Freizeit verbringen können“, sagt Witschas. Die Jugendlichen suchten sich andere Möglichkeiten. „Dann gehen sie eben zu 20st zum Gruppenkuscheln in den Wald.“

Ängste und Zwänge

Haslbeck, die neben der Sozialraumleitung und der Leitung des Waaghäusls noch zehn Wochenstunden Jugendsozialarbeit in der Planegger Grundschule macht, hat bei Kindern dort Ängste und Zwänge festgestellt. „So etwas bleibt hängen.“ Sie meint: „Ich glaube, dass wir als Gesellschaft lange daran zu knapsen haben werden. Irgendwann muss zur Aufarbeitung das Thema Wut kommen. Darauf bin ich gespannt.“

Die Diplom-Sozialpädagogin hat „schon das Gefühl, dass wir Jugendliche verloren haben. Jugendliche, die vorher schon Schwierigkeiten hatten und geschützte Räume brauchen, Außenseiter, nicht Klassenlieblinge.“ Haslbeck: „Das wird eine Riesenherausforderung für uns, wie wir die wieder kriegen.“ Johannes Steinbach vom Gräfelfinger Freizi sieht seelische und psychische Schäden bei den Jugendlichen. Hauptursache sei das Fehlen von sozialen Kontakten, das Gefühl, „daheim eingesperrt zu sein. Du kommst nicht raus.“

Die Jugendlichen, so Haslbeck, nähmen im Lockdown wahr, dass sie nicht erwünscht seien: „Man ist eigentlich immer illegal.“ Was sie mit Sorge erfüllt: „Die sind noch nicht mal genervt. Die sind traurig, frustriert und einfach nur hilflos.“

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