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Erinnerungen an Tschernobyl: Gasmasken für den Kindergarten

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Spuren menschlicher Freude verschrottet: Aufgegebene Scooter-Anlage in Pripjat bei Tschernobyl. FKN
Spuren menschlicher Freude verschrottet: Aufgegebene Scooter-Anlage in Pripjat bei Tschernobyl. FKN

Gräfelfing - Mit derart dramatischer Aktualität konnten die Veranstalter nicht rechnen. Noch während Antje Wagner und Markus Büchler (Grüne) im Gräfelfinger Bürgerhaus sprachen, schien sich das Motto ihres Vortrags „Nie wieder Tschernobyl" gerade ad absurdum zu führen.

Die Mitarbeiterin der Landtagsabgeordneten Susanna Tausendfreund und der Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten Toni Hofreiter beschränkten sich jedoch auf die Havarie des ukrainischen Atommeilers. Mit Fotos und Videosequenzen belegten sie die Entwicklung vorher-nachher, die als eindringliche Mahnung für sich selbst sprach. Im letzten August wurden die beiden Referenten Augenzeugen der katastrophalen Spätfolgen, als sie quer durch die 30-Kilometer-Sperrzone bis zur Geisterstadt Pripjat vordrangen.

Luxushotel, Bürgerhaus, Kino, Schwimmsaal, Hauptplatz, alles liegt verwahrlost, überwuchert inmitten einer neuen Wildnis. 1970 als sowjetisches Pilotprojekt errichtet, sollte die 50 000 Einwohner starke Stadt zur Speerspitze wissenschaftlichen Fortschritts zählen. Als man Pripjat innerhalb von 30 Stunden evakuierte, wurden deshalb überproportional viele Ingenieurs- und Arbeiterfamilien mit Kindern für immer heimatlos, insgesamt teilten 325 000 Menschen im Umkreis dieses Schicksal. Große wirtschaftliche Schwierigkeiten, Alkoholismus und natürlich Krankheiten waren für viele Betroffene die Folge. Unter anderem stieg die Rate bei Schilddrüsenkrebs signifikant an. Tschernobyl wird für den Tod von mittlerweile 100 000 Krebskranken verantwortlich gemacht, noch einmal so viele werden in naher Zukunft an der Krankheit sterben.

Technische Daten dagegen streiften Büchler und Wagner eher am Rande und schilderten das Reaktorunglück als Folge hybrider Selbstüberschätzung einiger Verantwortlicher, die mit einem besonders waghalsigen, im übrigen um drei Jahre verspäteten Sicherheitscheck die Beherrschbarkeit dieser Technologie unter Beweis stellen wollten.

Der Schwerpunkt des Abends im Bürgerhaus lag vielmehr auf der menschlichen Katastrophe. Bauern, die auf ihrem seit Generationen bewohnten Land auch die Ostfront überlebt hatten, mussten zusehen, wie ihre Ortschaften tief in die Erde vergraben wurden. Erschüttert reagierten die rund 40 Zuhörer auf die Ansammlung speziell angefertigter Gasmasken im Kindergarten von Pripjat. Noch immer strahlt der Reaktor, der Sarkophag bröckelt bereits, jetzt soll ein Tonnengewölbe auch ihn einhüllen. Trotz der Zufuhr von EU-Geldern tue sich vor Ort aber nichts Sichtbares, das konnten die beiden Referenten aus eigener Anschauung berichten.

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