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Daumen hoch für eine gelungene Vernissage (v.li.): Katharina Zörner (Traumwerker), Simon Vogl mit Mama Patricia Vogl (Initiatorin), Ben, Charlotte und Gabriele Schöler, Anian Korntheuer und Petra Mühlbauer (Traumwerker).

Vernissage

Die Welt mit anderen Augen sehen

Gräfelfing  „Wir haben uns vor dem Fotoshooting sogar geschminkt“, erzählt Charlotte bei der Vernissage im Gräfelfinger Rathaus freudestrahlend.

Es war keine gewöhnliche Wanderausstellung, die Bürgermeisterin Uta Wüst dort eröffnete. Denn „Model“ Charlotte (14) kam wie ihre Freundin Lea (15) mit Down-Syndrom zur Welt. Unter dem Titel „L(i)ebenswertes Leben“ hat Fotografin Josée Lamarre aus Wolfratshausen diesen Menschen ein beglückendes künstlerisches Denkmal gesetzt. „Glück ist Liebe. Nichts anderes“. Diese Worte schrieb eine Großmutter ins Gästebuch der Ausstellung. Auch ihr Enkel wurde mit Down-Syndrom geboren. Simons Portrait hängt als eine der Fotografien im oberen Foyer: „Seine große Lebensfreude ist ansteckend – und er strahlt im Herzen der Menschen“, schrieb dazu Fotografin Lamarre.

Schon in ihrem Heimatland hatte die frankophone Kanadierin mit Menschen mit Down-Syndrom gearbeitet. Patricia und Thomas Vogl, Simons Eltern, haben die Künstlerin aus Wolfratshausen deshalb mit den Portraitaufnahmen beauftragt. In Gräfelfing zeigt Josée Lamarre den FC-Bayern-Fan Simon in einem großen Schwarz-Weiß-Portrait. Mit Daumen und zwei Fingern scheint der damals 12-Jährige der Fotografin etwas zu erklären. Simons Stirn legt sich dabei vor Anstrengung in Falten. „Diese Kinder sind mit so viel Liebe erfüllt“, hat die Künstlerin dazu getextet. „Dadurch bringen sie uns bei, das Leben mit anderen Augen zu sehen.“ Das findet auch die Mutter des inzwischen 14 Jahre alten Fußballfans. „Bis vor wenigen Jahren kamen jährlich noch zirca 600 bis 800 Kinder mit Down-Syndrom zur Welt“, erinnert Patricia Vogl bei der Eröffnung. Heute würde nur noch ein Bruchteil aller Babys mit dem zusätzlichen Chromosom 21 – daher auch die Bezeichnung „Trisomie 21“ – geboren. Grund dafür sei die medizinische Vorsorge. Schon ein „risikoloser“ Bluttest bringe der Schwangeren nämlich die Gewissheit. Erst Anfang Februar hatte daher ein Eltern-Paar einen Arzt verklagt, weil ihr Kind mit Down-Syndrom und Herzfehler zur Welt kam. Aber ist denn dieses Leben „Schadenersatzpflichtig?“, wundert sich Simons Mutter.

Mit der Ausstellung „L(i)ebenswert“ liefert Initiatorin Patricia Vogl gleich den Gegenbeweis. „Meine Schwester ist liebenswert, weil sie mich selbstlos versorgt und weil sie unwahrscheinlich viel Peil vom Leben hat.“ Diese Zeilen schrieb der Bruder neben die Fotografie von „Model“ Charlotte. Das 14-jährige Mädchen hat Lamarre zusammen mit ihrer Freundin Lea (15) abgelichtet. „Wir haben uns vor dem Shooting geschminkt, Kleider anprobiert – und hatten viel Spaß miteinander“, erzählt Charlotte unter Applaus. Beifall bekamen auch die Gräfelfinger „Traumwerker“. Bei der Vernissage bewirteten junge Menschen mit und ohne Behinderung nämlich die etwa 100 Gäste mit feinen Häppchen und Sekt-Orange.

Mit seinem Handy schiebt sich Simon durchs Publikum. Voller Begeisterung lichtet er sein eigenes Portrait nochmals ab. „Man spürt das Leben in ihm. Er ist immer lustig und lieb, wenn er was erzählen kann“, kommentiert Fotografin Lamarre den Schnappschuss.

„L(i)ebenswert“

ist noch bis Freitag, 8. April, im Gräfelfinger Rathaus zu sehen

Christine Cless-Wesle

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