Geweiht im Konzentrationslager

Krailling - Ein Kommentar zum Elser-Attentat brachte Karl Leisner ins KZ. Dort wurde er zum Priester. In Krailling gedenkt man seinem 70. Todestag.

Der Strom reißt nicht ab. Immer wieder melden sich Besucher an der Pforte des Altenheims Waldsanatoriums der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul, die fragen, ob sie in das Zimmer gehen können. Viele von ihnen kommen aus der Umgebung, manche fahren von Klein-Schönstatt aus Solln herüber und einige reisen sogar aus dem Bistum Münster an. „Das Zimmer“ befindet sich im zweiten Stock des Alten- und Pflegeheims auf dem selben Gang, auf dem auch die Senioren untergebracht sind. Doch es ist anders. Es ist ein Ort der Stille und des Gebets. Es ist der Raum, in dem am 12. August 1945 Karl Leisner im Alter von nur 30 Jahren gestorben ist. „Todesursache ist eine ausgedehnte Lungen- und Darmtuberkulose“, stellte der Krankenbericht damals fest.

Als der Priester aus Kleve am Niederrhein am 4. Mai 1945 von dem Jesuitenpater Otto Pies und den Dachauer Pfarrer Friedrich Pfanzelt in das Waldsanatorium von Planegg gebracht wird, ist er bereits vom Tod gezeichnet. Die Schwestern und Ärzte, die sich rührend um ihn kümmern, wissen, dass sie ihn nicht mehr retten können. Fast fünf Jahre hat der Häftling mit der Nummer 22356 im Konzentrationslager Dachau zugebracht und dabei seine Gesundheit verloren, aber sein Leben gewonnen.

Die Gestapo hatte ihn sofort aus dem Verkehr gezogen, als er nach dem fehlgeschlagenen Attentat von Georg Elser auf Adolf Hitler am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller im vertrauten Kreis sagte: „Schade, dass er nicht dabei gewesen ist.“ Ein gutes Jahr später landet Leisner schließlich in Dachau. Im Priesterblock lernt er den Jesuiten Otto Pies kennen, der sein geistlicher Begleiter wird.

Unter abenteuerlichen Umständen erhält der Theologe durch den ebenfalls inhaftierten französischen Bischof Gabriel Piguet von Clermont am 17. Dezember 1944 die Priesterweihe. Leisner ist der einzige Diakon, der in einem Konzentrationslager der Nationalsozialisten zum Priester geweiht wird. Seine erste und einzige Messe feiert er am Fest des Heiligen Stephanus am 26. Dezember. Genauso wie der erste Märtyrer der Kirche verzeiht auch Leisner im Sterben seinen Peinigern. „Segne auch, Höchster, meine Feinde“, lautete der letzte Eintrag in seinem Tagebuch, wenige Tage vor seinem Tod.

„Es bedeutet sehr viel für einen Sterbenden, nicht nur für seine Feinde zu beten, sondern sie auch zu segnen“, stellt Schwester Epiphania Böhm fest. Für die Haus- und Konventsoberin der Vinzentinerinnen in Krailling ist Leisner gerade in den Situationen ein Vorbild, wenn sie sich durch Mitmenschen verletzt fühlt und die Emotionen über sie Oberhand zu gewinnen drohen.

Die 71-jährige Ordensfrau ist nicht die einzige, für die der Blutzeuge, der in einem normalen Krankenbett starb, eine große Bedeutung besitzt. Als „Beispiel für alle Menschen“, bezeichnete ihn Papst Johannes Paul II., als er ihn 1996 im Berliner Olympiastadion just an jenem Ort selig sprach, der Adolf Hitler dazu gedient hat, die Welt über seine wahren Absichten zu täuschen. Aber der junge Leisner sah schon wenige Monate nach der Machtergreifung klar: „An Hitler aber glaube ich nicht.“

Am kommenden Mittwoch, wenn sich der Todestag des Seligen zum 70. Mal jährt, werden viele seiner Verehrer ins Waldsanatorium kommen. Um 19 Uhr hält der emeritierte Weihbischof Engelbert Siebler eine Statio am Karl-Leisner-Denkmal. Danach zelebriert Friedrich Kardinal Wetter in der Hauskapelle die Heilige Messe. Natürlich ist auch wieder das Sterbezimmer geöffnet, in dem sich ein Buch mit Gebetsanliegen an Karl Leisner befinden.

Schwester Epiphania blättert die Einträge immer wieder still für sich durch. Ihr fällt vor allem auf, wie sehr der Glaubenszeuge von Geistlichen um Fürsprache gebeten wird. „Bitte für mich, dass ich die letzte Etappe zum Priestertum schaffe“, schreibt zum Beispiel ein Seminarist. Leisner ist aber nicht nur ein Patron für Berufungen, sondern auch für die Kranken. „Ich kann wieder gehen, habe auf deine Fürsprache vertraut“, heißt es auf einer anderen Seite.

Berufung und Leid sind nur zwei Seiten einer vielschichtigen Persönlichkeit. Leisner war auch ein Familienmensch, der selber mit dem Gedanken rang, eine eigene Familie zu gründen. Seinen vier Geschwistern war er ebenso herzlich verbunden wie den Buben aus der katholischen Jugendarbeit. „Segne auch meine Familie“, lautet daher ein weiteres Anliegen. Ein anderes bezieht sich auf den überzeugten Europäer, der einige Fremdsprachen beherrschte und im KZ noch Russisch lernte, um den Kontakt zu den Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion aufzubauen: „Stehe der Ukraine bei und bringe den Menschen den Frieden.“

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