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Dr. Viktor Jurk mit Hosam Al Najjar nach der OP in Gräfelfing: „Gesichter neu erschaffen – das kann nur Gott."

Splitter im Kopf

Gräfelfinger Arzt operiert verletzten Syrer

Die Gräfelfinger Wolfartklinik ist für einen schwer verletzten syrischen jungen Mann zum Beginn eines neuen Lebens geworden.

Es war an einem Montagnachmittag im März, als das Kind in Hosam Al Najjar starb. Hosam lief durch die syrische Rebellenhochburg Homs, vorbei an ausgebrannten Autos und Ruinen, um Medikamente für seine Mutter zu holen. Dann hörte er das Pfeifen. Die Rakete schlug wenige Meter entfernt ein. Einer Frau riss sie den Arm ab, die Tochter starb daneben. Hosam sah es mit an, hörte die Schreie, roch das Blut. Hosam, damals im Jahr 2012 gerade 14 Jahre alt, versuchte zu helfen. Dann kam das Pfeifen zurück. Hosam Al Najjar ist heute 17 – und längst ein Mann. Er sitzt in einem Münchner Biergarten, erzählt ruhig und in flüssigem Deutsch. Kein Zögern, keine Tränen. Nur die Sonnenbrille rückt er immer wieder zurecht. Wenn er von den Bomben zuhause erzählt, fliegen seine Hände durch die Luft, die Brille rutscht ihm dann von der flachen Nase. An diesem Tag ist er der einzige im Biergarten, der eine Sonnenbrille trägt. Sie ist seine Eintrittskarte zur Normalität, seine Tarnkappe. Hinter ihr verbirgt er die Narben, die zerstörte Augenhöhle und das Glasauge. Nach München ist Al Najjar gekommen, um die Brille abzusetzen. Zwei OPs hatte er bereits hinter sich, als ein Arzt aus Dortmund, der Hosam und seine Familie betreut, Dr. Viktor Jurk (46), Chefarzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie an der Wolfartklinik in Gräfelfing, kontaktierte. „Er hat mich gebeten, mir den Fall anzusehen“, sagt Dr. Jurk. Und tat mehr als das: Er sagte zu, den jungen Mann zu operieren. Und die Klinik übernahm alle Kosten. Al Najjar meint: „Ich weiß nicht, wie ich Dr. Jurk danken soll.“ Der Mediziner sagt: „Ich kann kein Gesicht wieder erschaffen. Das kann nur Gott.“ Damals in Syrien schlug die Rakete zwei Meter neben Al Najjar ein. Ein Splitter bohrte sich in seine linke Wange und trat auf der rechen Seite wieder aus, dort, wo vorher sein Auge gewesen war. Die Hälfte des Gesichts zertrümmert, seine Lunge durchbohrt, sein Rücken, sein Oberkiefer. Im Krankenhaus, gleich nach der Explosion, hat Al Najjar den Arzt gefragt, ob er leben oder sterben werde. „Du wirst leben“, sagte der und besorgte Al Najjar und dessen Vater Visa für die OP in Europa. Mittlerweile leben auch seine Mutter und seine drei Brüder in Dortmund in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Al Najjar hat Pläne: Führerschein, Abitur, Medizinstudium, Politik. Er spricht Sätze, die man von einem 17-Jährigen nicht erwartet. Ob er Albträume habe? „Nein, all das habe ich vergessen. Ich will leben wie eine normale Person, und nicht in einem Gefängnis, geschmiedet aus Angst.“ Ihm sei oft geholfen worden im Leben, irgendwann wolle er etwas zurückgeben. Deswegen das Medizinstudium. Zudem könne man als Arzt später gut Präsident werden, sagt Al Najjar. Auch so kann man Menschen helfen. Der Präsident Syriens, Baschar al-Assad, ist ebenfalls Arzt, Augenarzt. „Aber er hilft niemandem mehr“, sagt Al Najjar. Auch deshalb staunt Al Najjar über Deutschland: „Ich bin Muslim und ganz anders als die Menschen hier – dennoch helfen sie mir. Und sie erwarten keinen Dank.“ Er fühlt sich sicher, trotzdem vermisst er seine Heimat: „Eine Nacht unter dem syrischen Himmel ist das Schönste auf der Welt.“ Trotz der Bomben, die Tag für Tag vom Himmel fallen? „Ja.“ Am Tag der Operation ist Al Najjar ein wenig nervös. „Ich bin stark“, sagt er wie um sich Mut zu machen und rückt die Sonnenbrille zurecht. „Aber ich will wissen, wie ich aussehen werde.“ Dann fasst er sich ein Herz. „Egal, wie das Ergebnis aussehen wird: Die Sonnenbrille kommt weg. Für immer!"

Tobias Scharnagl

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