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Mitten in Gräfelfing sollte auf dem rotumrandeten Areal die Esperanto-Parkstadt entstehen.

Mitten in Gräfelfing

Esperanto: Die Weltstadt, die es nie gab

Gräfelfing - Eine Weltstadt gründen, die alle Menschen vereint - mitten in Gräfelfing. Vor 100 Jahren entstand dieser Plan auf Grundlage der Kunstsprache Esperanto.

Eine Weltstadt an der Würm, im beschaulichen Gräfelfing, gleich bei München. So stellte sich das der Propaganda-Bund vor. Ein prächtiges Grundstück hatten sich die Herren schon ausgeschaut – so groß wie 100 Fußballfelder. Einen Namen gab es längst: „Parkurbo Esperanto“. Eine Parkstadt aus 500 Einfamilienhäusern, wo jeder Esperanto sprach – eine erfundene Sprache. Eine Sprache, die Menschen auf allen Kontinenten verstehen sollten.

Der Münchner Architekt Fritz Sievers zeichnete fleißig die Pläne – mit Esperanto-Kasino, Esperanto-Kirche, Esperanto-Schule. 100 Jahre ist das her. Die Pläne gibt es bis heute. Die Stadt wurde nie gebaut. Dabei war die Idee kein Hirngespinst. Im Propaganda-Bund saßen keine weltfremden Träumer – sondern Macher. Ärzte, Architekten, Anwälte, Adelige.

Ein Augenarzt erfand die Kunstsprache Esperanto

Und eines hatten sie gemeinsam: Sie bewunderten Lazar Markovic Zamenhof. Einen Augenarzt und Philologen, der 1859 im polnischen Bialystok zur Welt gekommen war – und der die Kunstsprache Esperanto erfunden hatte. Es sollte eine Sprache sein, die jeder leicht lernen, leicht sprechen, leicht verstehen konnte. Vor allem aber sollte diese Sprache alle Menschen einen. Sie sollte zerstrittene Völker versöhnen, sollte überall Frieden schaffen.

Der Propaganda- Bund wollte mitten in seiner neuen Weltstadt dem Visionär ein Denkmal setzen: das „Monument unseres Meisters“, wie die Herren in einer Werbeschrift stolz ankündigten. 1887 hatte Zamenhof unter dem Pseudonym „Dr. Esperanto“ seine neue Sprache veröffentlicht. Der Name blieb, auch wenn Zamenhof selbst seine Schöpfung zunächst „Lingvo Internacia“ nannte: internationale Sprache.

Zur Weltsprache hat es Esperanto nie geschafft

Heuer wird Esperanto 125. Eine Weltsprache ist sie nie geworden. Der Propaganda-Bund von Gräfelfing hatte 1912 noch große Hoffnung. Wollte mit seiner Esperanto-Parkstadt den Grundstein für diese internationale Bewegung legen. Der Münchner Bankier Schuler war davon so begeistert, dass er sogar das riesige Grundstück sponserte. Schon bald war ein Viertel des Areals verkauft – aber nur an Familien, von denen mindestens einer, Vater, Mutter oder Kind, zwölf Monate lang Esperanto gelernt hatte. Das war die Voraussetzung.

Damit genügend Geld reinkam, griff der Propaganda- Bund zu ungewöhnlichen Methoden: Mit einer Lotterie wollte er die Parkstadt finanzieren. Der Hauptgewinn, ein echter Anreiz für die Esperantisten, war eine Villa im Esperanto- Park. Wert: 25.000 Mark – damals ein Vermögen. „Für die Parkstadt wurde wirklich viel Aufwand betrieben. Doch davon sind kaum Zeugnisse überliefert“, erzählt heute die Volkskundlerin Andrea Pia Kölbl, 45.

Einige dieser Zeugnisse zeigt, immerhin, die Ausstellung „Zwischen Utopie und Wirklichkeit“, die in der Bayerischen Staatsbibliothek in München zu sehen ist. Mit dabei: Pläne und eine Videoanimation der Parkstadt, die es nie zur Weltstadt schaffte. Denn schon Ende 1913 hatte man das große Prestige-Projekt aufgegeben. Warum? Das blieb ein Geheimnis.

Obwohl sie die Sprache nie gelernt hat, sagt Andrea Pia Kölbl: "Ich verstehe 80 Prozent, wenn ich Esperanto lese.“

Über die Ursachen wird freilich viel spekuliert. Eine mögliche Erklärung: der Erste Weltkrieg. „Während eines Krieges hat natürlich niemand Lust auf eine Parkstadt“, sagt Kölbl, die Kuratorin der Ausstellung ist. Der Sprache Esperanto konnte der Krieg aber nichts anhaben. „Es heißt, um die Sprache lernen zu können, reichen zwei Wochen aus“, erzählt Kölbl. Sie selbst hat es nie ausprobiert. Dafür beherrscht sie Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Latein. „Und deswegen verstehe ich auch etwa 80 Prozent, wenn ich Esperanto lese.“

Besucher der Ausstellung können sich auf einem Audioguide anhören, wie Esperanto klingt. Oder sie lesen selbst die vielen Texte, die in den Vitrinen ausgestellt sind: „Jen la malbelega homo/Petro estas lia nomo“ – so etwa beginnt „La Struvelpetro“ auf Esperanto. Es ist eine freie Übersetzung von: „Sieh einmal, hier steht er. Pfui! Der Struwwelpeter!“ Anders als der Artikel „la“ vermuten lassen könnte, ist der Lausbub auf Esperanto aber nicht weiblich – in dieser Sprache gibt es nur einen Artikel.

Es gab auch eine andere Kunstsprache: Volapük

Die Ausstellung zeigt aber auch digitalisierte Bücher. Bücher, die Besucher auf einem riesigen Bildschirm anschauen können. Mit Hilfe eines Lichtstrahls, der auf die Hände trifft, lassen sich hier alle Seiten umblättern – und das aus einem Meter Entfernung. So also sieht die Zukunft aus. Und doch geht es hier fast ein bisschen mehr um die Vergangenheit – zumindest inhaltlich. Es gibt neben Esperanto nämlich noch eine andere Kunstsprache, eine, die heute so gut wie niemand mehr spricht. Sie heißt Volapük, und wenn man es nicht besser wüsste, könnte man fast meinen, es ist ein Möbelstück von Ikea. Volapük hat im Jahr 1880 Johann Martin Schleyer erfunden, der Großonkel des späteren Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Damals gab es Esperanto noch nicht.

Schleyer, ein katholischer Priester, orientierte sich stark am Englischen – was allerdings ohne Wörterbuch kaum zu erkennen ist. „Volapük ist schwer zu lernen“, sagt Ausstellungs-Kuratorin Kölbl. Der Name Volapük setzt sich – man glaubt es kaum – aus den englischen Wörtern „world“ und „speak“ zusammen. „Ich muss schon wirklich wissen, dass mit pük das englische speak gemeint ist“, sagt Kölbl. Sonst kommt man nicht drauf.

Sogar eine Volapük-Hymne wurde komponiert

Die Menschen von damals wollten dennoch diese erfundene Sprache lernen. Volapük- Fans gründeten Vereine, trafen sich auf drei Weltkongressen und komponierten sogar eine Volapük-Hymne, die ebenfalls auf dem Audioguide zu hören ist. Kölbl selbst war bei der Aufnahme dabei. „Ich musste schon lachen“, gesteht sie. „Auch das Vaterunser in Volapük klingt seltsam.“ Nämlich: „O Fat obas, el in süls!: paisalodomöz nem Ola! Kömomöd monargän Ola! Jenomöz vil Olik, äs in sül, i su Tal!“ So geht es dann immer weiter.

Die Volapük-Jünger redeten sich seinerzeit in einer Akademie die Köpfe darüber heiß, wie die Sprache weiterentwickelt werden könnte. Doch genau das wollte Schleyer nicht. Die Sprache starb danach langsam aus. Vielleicht hätte sich ihr Erfinder noch ein bisschen erfinderischer zeigen müssen. Bei Esperanto hat es ja auch funktioniert. Die Sprache entwickelte sich weiter – so dass heute zwischen 100.000 und einer Million Menschen Esperanto sprechen.

„Plansprachen sind ein sehr spannendes und komplexes Thema“, sagt Kuratorin Kölbl. Deren Ursprünge gehen offenbar bis ins 17. Jahrhundert zurück. Damals bastelte der Brite John Wilkins an einer philosophischen Sprache, die logisch aufgebaut ist – und für jeden zu verstehen. „Die Menschen glaubten da noch, dass sich das gesamte Weltwissen in Kategorien einteilen lässt“, erzählt Kölbl. „Heute käme niemand mehr auf so eine Idee.“

Auch der deutsche Ökonom Johann Joachim Becher experimentierte mit Sprachen. Er sah im Lateinischen eine Basis für eine weltweite Kommunikation – und entwickelte ein Codierungssystem, in dem Worte mit Zahlencodes versehen wurden. Somit konnte sich zum Beispiel ein Brite, der kein Französisch sprach, mit einem Franzosen, der kein Englisch verstand, problemlos schreiben. Eine feine Sache, die sich aber nicht durchsetzte. Anders als bei Esperanto. Diese Plansprache bekam ihre Legitimation Anfang des 20. Jahrhunderts – vom Dichterfürsten selbst. Johann Wolfgang von Goethe. Zumindest sahen das die Teilnehmer des Esperanto- Weltkongresses 1908 so. Erfinder Zamenhof hatte Goethes „Iphigenie auf Tauris“ in Esperanto übersetzt. In Dresden wurde das Drama uraufgeführt. Das sollte auch die letzten Zweifler überzeugen: Wenn sogar der große Goethe in diese erfundene Sprache übersetzt werden kann, dann muss sie einfach gut sein.

Zamendorf wollte Frieden in die Welt bringen

Zamenhof fand sie sogar so gut, dass er hoffte, seine Sprache würde ein bisschen mehr Frieden in die Welt bringen. 1906 sagte er in seiner Eröffnungsrede zum zweiten Esperanto-Weltkongress in Genf: „Wir glauben, dass Kommunikation und Kennenlernen auf neutralem Boden wenigstens die große Menge der Bestialitäten und Verbrechen beseitigen werden, die nicht von bösem Willen hervorgerufen werden – sondern einfach davon, dass man einander nicht kennt.“ Sein Esperanto sollte Sprachrohr für Völkerverständigung sein. Lange vor dem Völkerbund. Zamenhof, ein Jude, wusste, wovon er sprach. Als Student, mit Anfang 20, erlebte er die ersten Pogrome und den wachsenden Antisemitismus in Russland. 1905 schrieb er einem Esperanto-Kollegen: „Die Notwendigkeit einer nationslosen, neutral-menschlichen Sprache kann niemand so stark empfinden wie ein Jude.“

Heute gibt es Esperanto- Wörterbücher in nahezu allen Sprachen, sogar auf Suaheli, Chinesisch und Arabisch. „Esperanto ist zwar eine eurozentristische Sprache“, sagt Kölbl. Sie setzt sich aus romanischen, teilweise germanischen und slawischen Sprachen zusammen. Trotzdem tun sich auch arabische oder vietnamesische Weltsprachenanhänger leicht: Sie lernen die Sprache genauso schnell wie die Europäer.

Ende Juli gibt es wieder einen Esperanto-Weltkongress. Es wird bereits der 97. sein. Diesmal findet er in Hanoi statt. Bis zu 6000 Esperantisten werden dort erwartet. Zamenhofs Erfindung hat also ein ganzes Jahrhundert überlebt – und zwei Weltkriege. Sie wurde in Schulen gelehrt, mittlerweile gibt es sogar Muttersprachler. Selbst eine eigene Stadt sollte gebaut werden. In Gräfelfing, gleich bei München. München, der heutigen Weltstadt.

Aber: Gebe es vielleicht nicht doch noch eine Möglichkeit, eine Stadt zu schaffen, in der nur Esperanto gesprochen wird – so wie es sich der Propaganda-Bund 1912 erträumt hatte? Ausstellungs- Kuratorin Kölbl ist da skeptisch. „Wenn überhaupt, dann müsste das in Städten mit globalen Brennpunkten passieren – in Brüssel oder New York“, sagt sie. „Vielleicht auch in Berlin.“ Nur für München kann sie sich das nicht ganz vorstellen.

Patricia Kämpf

Ausstellungsdaten:

Die Ausstellung „Zwischen Utopie und Wirklichkeit“ ist bis zum 9. September in der Schatzkammer der Bayerischen Staatsbibliothek in München, Ludwigstraße 16, zu sehen. Sie zeigt Lehrwerke, Wörterbücher und Zeitschriften, Werbeplakate und Original-Literatur von Plansprachen. Via Audioguide lassen sich beide Sprachen anhören. In einem Begleitband zur Ausstellung (19 Euro) gibt es Hintergrundinformationen. Der Eintritt ist frei.

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