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150 Schritte zur Verkehrsoptimierung

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Von: Martin Schullerus

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Bürgermeister Peter Köstler und Alisa Picha-Rank (Büro Obermeyer) vor Beginn der Sondersitzung in Gräfelfing.
Bürgermeister Peter Köstler und Alisa Picha-Rank (Büro Obermeyer) vor Beginn der Sondersitzung. © Dagmar Rutt

Nach zwei Jahren und einem mehrstufigen Verfahren unter Bürgerbeteiligung haben die Planer vom Büro Obermeyer und Team Red nun das „Integrierte Gesamtverkehrskonzept“ für Gräfelfing vorgelegt. Sie empfehlen 150 Maßnahmen, vom neuen Verkehrszeichen bis zum radikalen Umbau der Bahnhofstraße West.

Gräfelfing – Der Titel „Integriertes Gesamtverkehrskonzept“ weckte von Beginn an Erwartungen, die schwerlich zu erfüllen waren: Ein Patent-Modell, das sämtliche Verkehrsprobleme einer übermotorisierten Gartenstadt im prosperierenden Münchner Speckgürtel löst, war der Hoffnung denn doch zu viel – unabhängig von der Findigkeit der Planer.

In einer Sondersitzung des Gräfelfinger Gemeinderates wird das „Integrierte Gesamtverkehrskonzept“ vorgestellt

Das zeigte sich, als die Experten am Mittwoch in einer Sondersitzung des Gemeinderates, die auch im Internet übertragen wurde, die Ergebnisse ihrer Arbeit und vor allem einen als Vorschlag verstandenen Maßnahmenkatalog präsentierten. Er fußt auf den zehn Leitlinien, die der Gemeinderat beschlossen hatte (wir berichteten).

Die mit Abstand weitreichendste Maßnahme ist ein kompletter Umbau der Bahnhofstraße West, der Einkaufsmeile Gräfelfings. „Ein ziemlicher Verhau, ein Unfallschwerpunkt, stressig zu befahren“ sei dieser Abschnitt, urteilte Planer Helmuth Ammerl (Büro Obermeyer). Was er vorschlug, war „eine komplette Umgestaltung des Straßenraums zur Förderung des Umweltverbundes“, indem hier ein so genannter verkehrsberuhigter Geschäftsbereich entstehe – mit Tempolimit 20 (ohne Bordsteine) oder 30 (mit Bordsteinen). Das koste zwar „einen Haufen Geld“, sei aber sinnvoll. Letztlich werde das Flächenverhältnis von motorisiertem Individualverkehr (MIV) zu nichtmotorisiertem Verkehr, das heute 70:30 Prozent beträgt, praktisch umgedreht, so dass 60 Prozent der Fläche Fußgängern und Radfahrern zur Verfügung stünden.

„Ein ziemlicher Verhau“ und Unfallschwerpunkt sei die Bahnhofstraße heute, fand Planer Helmuth Ammerl bei einer sondersitzung in Gräfelfing.
„Ein ziemlicher Verhau“ und Unfallschwerpunkt sei die Bahnhofstraße heute, fand Planer Helmuth Ammerl. © Dagmar Rutt

Die komlette Bahnhofstraße West - die Einkaufsmeile Gräfelfings - soll umgebaut werden

Konkret sollen die gut 27 Meter Breite zwischen den Häuserzeilen neu aufgeteilt werden: Beidseits je acht Meter breite Fußwege, auf denen auch Platz für Gastronomie, Fahrradständer und Ladezonen sein soll. Die heute knapp acht Meter breite Fahrbahn wird auf 6,25 Meter verschmälert. Darauf sollen neben den heute bis zu 11 000 Fahrzeugen täglich (davon bis zu 20 Prozent Durchgangsverkehr) auch die Busse, Müll- und Lieferwagen sowie sämtliche Radfahrer unterwegs sein, weil Radfahren auf den Gehwegen komplett verboten wird. Die Schräg- und Senkrechtstellplätze weichen Längsparkern beidseits.

Bahnhofstraße West heute: Gehwege von rund drei Metern, Senkrecht- oder Schrägparker, Fahrbahn knapp acht Meter breit.
Bahnhofstraße West heute: Gehwege von rund drei Metern, Senkrecht- oder Schrägparker, Fahrbahn knapp acht Meter breit. © Visualisierungen: Büro Obermeyer

Von 134 Stellplätzenin der Gräfelfinger Bahnhofstrase würden durch den Umbau 60 wegfallen

In der Konsequenz fallen von heute 134 Stellplätzen etwa 60 weg, so dass 70 bis 80 übrig bleiben. Laut Helmuth Ammerl kein Problem: Die Parkraumanalyse habe gezeigt, dass just 50 Autos pro Tag in der Bahnhofstraße Dauerparker seien, die einfach in der meist freien Bürgerhaus-Tiefgarage unterkommen könnten. Und: „Es muss ja nicht der gesamte Stellplatzbedarf gedeckt sein.“ Defizite seien als Motivierung hin zum Fahrrad „zu verkraften“. Ammerl: „Hier gibt es die Möglichkeit, auf die Verkehrsmittelwahl Einfluss zu nehmen.“

Bahnhofstraße West geplant: Acht Meter breite Gehwege, Längsparker, schmale Fahrbahn (6,25 Meter).
Bahnhofstraße West geplant: Acht Meter breite Gehwege, Längsparker, schmale Fahrbahn (6,25 Meter). © Visualisierungen: Büro Obermeyer

Drei neue Fahrradstraßen sollen in Gräfelfing entstehen

Die Planer schlagen zudem den Bau einer Entlastungsstraße in denkbar kleinster Variante vor: Von der A 96 im Westen des Gewerbegebietes bis zur Seeholzenstraße, wo die Umgehung in den Lochhamer Schlag münden würde. Dies sei auch die Voraussetzung dafür, die große Kreuzung Pasinger-/ Lochhamer Straße/ Kleinhaderner Weg wie geplant umzubauen und für Radfahrer und Fußgänger attraktiver zu gestalten. Die damit einhergehende reduzierte Leistungsfähigkeit der Kreuzung soll die Entlastungsstraße durch eine Verkehrsminderung kompensieren.

Beim Kapitel Radverkehr schlagen die Planer unter anderem drei Fahrradstraßen vor. Neben der schon beschlossenen in der Stefanusstraße sind das die Alte Pasinger Straße (Heitmeiersiedlung) und die Adalbert-Stifter-Straße am Schulcampus Lochham. Insgesamt sei der Bereich Alte Pasinger Straße ein gutes Beispiel für das Zusammenwirken der Verkehrsarten. Die Bushaltestellen sollen hinaus an die Pasinger Straße verlegt, die Alte Pasinger Straße im Norden zur Sackgasse werden – bis auf eine großzügige Fahrradtrasse. Die Kreuzung Pasinger-/ Turmairstraße könne rückgebaut und mit mehr Ampelzeit für die Heitmeiersiedlung versehen werden.

Die Bahnhofstraße West, die Einkaufsmeile der Gräfelfinger, soll nach Vorschlag der Planer radikal zu einem verkehrsberuhigten Geschäftsbereich umgebaut werden.
Die Bahnhofstraße West, die Einkaufsmeile der Gräfelfinger, soll nach Vorschlag der Planer radikal zu einem verkehrsberuhigten Geschäftsbereich umgebaut werden. © Visualisierungen: Büro Obermeyer

Der öffentliche Personennahverkehr soll ausgebaut werden

Der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) soll durch drei Expressbuslinien attraktiver werden, die das Gewerbegebiet Lochhamer Schlag mit der S-Bahn in Lochham und der U-Bahn in Martinsried sowie die Bahnhofstraße mit der U-Bahn Martinsried verbinden sollen.

Das durchwachsene, ja kontroverse Feedback aus dem Gemeinderat ließ erahnen, entlang welcher Linien über bestimmte Einzelmaßnahmen – allen voran die Bahnhofstraße – zu streiten sein wird. Während aus Fraktionen wie Grüne und IGG Zustimmung kam, gab es bei CSU und Bürgerverein Enttäuschung und Widerspruch. Hatte Planerin Alisa Picha-Rank gesagt, dieses Konzept sei „nicht für morgen, sondern für übermorgen“, schien es manchem eher gestrig. Thomas Heidenreich (CSU) erkannte „außer bei der Bahnhofstraße kaum was Neues“; viele der Vorschläge seien Stand der Planung. Seine Fraktionskollegin Marion Appelmann fand „die Wegnahme von 60 Parkplätzen extrem für den Einzelhandel“, und Ochmaa Göbel (CSU) stufte den Großumbau der Bahnhofstraße als „hinausgeschmissenes Geld“ ein.

Die Diskussion über die vorgelegten Pläne soll 2023 beginnen

Mathias Pollok (IGG) hingegen lobte die Pläne als überzeugend und zukunftsweisend. Auch Ulrike Tuchnitz (Grüne) begrüßte das Verkehrskonzept ausdrücklich. Ihr Kollege Martin Feldner allerdings bezweifelte, dass die Radfahrer sich von den komfortablen Gehwegen auf die schmale Fahrbahn würden umsiedeln lassen.

Beschlüsse fasste der Gemeinderat nicht; die Diskussion zu einzelnen Maßnahmen soll 2023 beginnen. Und sie wird den Gemeinderat nach Einschätzung von Bürgermeister Peter Köstler „noch lange beschäftigen“.

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