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Das alte Wasserkraftwerk an der Krämermühle in Gräfelfing soll durch ein modernes Schachtkraftwerk ersetzt werden. Behördenauflagen lassen die Kosten nun von 1,25 auf 2 Millionen Euro hochschnellen - wegen der Hoffnung auf den Huchen.

Hoffen auf den Huchen

750 000 Euro für keinen Fisch

  • Martin Schullerus
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Das ökologische Projekt der Gemeinde Gräfelfing, ein altes Wasserkraftwerk an der Würm durch ein modernes zu ersetzen, ist mit einem Schlag gut 700 000 Euro teurer geworden – aus Rücksicht auf eine spezielle Fischart, den Huchen. Allerdings: Experten sind sich einig, dass es den Huchen in der Würm überhaupt nicht gibt.

Gräfelfing– „Huchen in der Würm? Null, Null, Null. Da bin ich mir zu 100 Prozent sicher“, sagt Peter Sickinger. Der Bäckermeister aus Gräfelfing hat das Fischereirecht an der Würm seit 14 Jahren gepachtet, kennt den Flusslauf wie die Taschen seiner Fischerweste. Und sagt: „Ich habe nie auch nur die Spur eines Huchens entdeckt, leider. Die Würm ist im Sommer zu warm für den Huchen, und es fehlt an Zuflüssen. Das ist alles hanebüchen – ein Schildbürgerstreich.“

Sollte das stimmen, wäre es allerdings ein Streich, der sehr viel Geld kostet. Denn aus Gräfelfinger Sicht ist der Huchen der aktuell teuerste Fisch der Welt: Man zahlt eine Dreiviertelmillion Euro für ihn, ohne auch nur ein einziges Exemplar zu Gesicht zu bekommen.

Das alte Kraftwerk an der Krämermühle war von Beginn an falsch dimensioniert, ineffizient, fehleranfällig. Die Bemühungen der Gemeinde Gräfelfing, es durch eine zeitgemäße, hocheffiziente Anlaeg zu ersetzen, ziehen sich dank ernsthafter Untersuchungen und Expertisen seit Jahren hin. Endlich stand der Plan: In die alte Anlage sollte ein hochmodernes Schachtkraftwerk eingebaut werden. Vorteile: Nutzung weiter Teile der vorhandenen Infrastruktur, minimaler Eingriff in den Flusslauf, hohe Effizienz an diffizilem Standort.

Dieses Projekt, das 1,25 Millionen Euro gekostet hätte, passierte eine erste Expertenrunde anstandslos; die Fachleute vom Wasserwirtschaftsamt und der Fachberatung Fischerei bei der Regierung von Oberbayern begrüßten die Pläne des Kraftwerkexperten Stefan Wöllisch ausdrücklich. Bis zur zweiten Gesprächsrunde. Da war nach Angabe von Teilnehmern plötzlich nicht mehr die Barbe, der häufigste Fisch in der Würm, die so genannte Leitfischart, sondern – der inexistente Huchen. Mit katastrophalen Konsequenzen für das Kraftwerksprojekt.

Denn der Huchen, der bis zu 1,5 Meter lang werden kann, benötigt anders als die Barbe (50 bis 70 Zentimeter) eine längere, breitere Fischaufstiegsanlage neben dem Kraftwerk. Dafür fehlt am alten Standort der Platz, also muss das Bauwerk 25 Meter flussaufwärts rücken.

Dort wiederum ist eine komplette, neue Anlage samt umfangreichem Tiefbau nötig. Und: Die Nutzung der bestehenden Infrastruktur entfällt nicht nur, diese muss auch in Gänze rückgebaut werden. Unter dem Strich wird das Projekt damit knapp 2 Millionen Euro kosten. Mehr noch: Weil unter diesen Umständen der Turbine mehr Wasser vorenthalten werden muss, um den Fischaufstieg und den restlichen Flusslauf zu versorgen, würde sich die nun teurere Anlage erst in 43 Jahren amortisieren (EEG-Einspeisung). Sollte die Gemeinde den Strom selbst nutzen, würde es immer noch 19 Jahre dauern.

Der Ausschuss für Umwelt, Energie und Mobilität des Gemeinderates nahm dies zähneknirschend zur Kenntnis – und entschloss sich zur Überraschung manches Experten, in den sauren Apfel zu beißen. Bürgermeister Peter Köstler: „Auch wenn wir an der Stelle nichts tun wollen, müssen wir die alte Anlage rückbauen.“ Das kostet allein bis zu 450 000 Euro. „Deshalb sollten wir uns der ökologischen Verantwortung stellen und es uns leisten, den Standort weiter zu betreiben.“ Der Beschluss, trotz der neuen Hürde so fortzufahren, fiel einstimmig.

Auf Merkur-Anfrage bestätigte der Fischbiologe Michael Schubert vom Starnberger Institut für Fischerei, dass es „aktuell“ in der Würm keinen Huchen gebe. Allerdings sei er in einem historischen Standardwerk von 1883 hier belegt. „Die Würm gehört zum natürlichen Verbreitungsgebiet des Huchens“, so Schubert, auch wenn die zahlreichen, unüberwindbaren Querbauwerke inzwischen dazu geführt hätten, dass er in der Würm nicht mehr vorkomme.

An dieser Stelle setzen die Fachleute an, die im Genehmigungsverfahren für das Kraftwerk das Sagen haben. Im Merkur-Gespräch sagte Tobias Ruf von der Fischerei-Fachberatung Oberbayern: „Die Barbe ist die häufigste Fischart in der Würm. Den Huchen als Leitfisch hat das Wasserwirtschaftsamt gefordert, der kam nicht von uns in die Debatte.“ Es gebe jedoch ein „hypothetisches Wiederbesiedelungspotenzial“. So sei geplant, in den nächsten fünf bis acht Jahren die Durchgängigkeit der Würm zwischen Amper und Starnberger See Schritt für Schritt wieder herzustellen.

Letzteres bestätigt Christian Leeb, Leiter des Wasserwirtschaftsamtes München – und verweist auf die EU. „Der Huchen ist nach der europäischen Wasserrahmenrichtlinie von 2000 die Leitfischart in der Würm.“ Daran müsse seine Behörde sich bei der Genehmigung von Um- und Neubau von Anlagen orientieren – um den Huchen wieder anzusiedeln. Ob der Huchen, der von seinem Glück noch nichts ahnt, dieses wohlmeinende Angebot jemals annehmen wird, weiß niemand. Auf die Frage, wie realistisch dieses Ziel sei, sagt Christian Leeb: „Wenn wir uns keine ehrgeizigen Ziele setzen, können wir gleich die Flinte ins Korn werfen.“

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