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Kurt Mory in seinem Element: Seit 1988 gibt er den Nikolaus in der Grundschule Gräfelfing.  

„Als Nikolaus brauchst du ein gutes Gefühl“

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Seit 1982 ist Kurt Mory (71) aus Gräfelfing jedes Jahr als Nikolaus unterwegs – bei Privatleuten, seit 1988 an der Grundschule Gräfelfing, seit mehr als 20 Jahren an der Volksschule Lochham, bei Vereinen, im Gräfelfinger Altenheim St. Gisela sowie anderen Einrichtungen und bei Veranstaltungen. Die Tätigkeit als Nikolaus hat sich im Laufe der Jahrzehnte teilweise deutlich verändert, erzählt Mory im Merkur-Gespräch.

Herr Mory, Sie besuchen Kindergarten- und Schulkinder, Erwachsene und Senioren als Nikolaus. Wie reagieren die Leute heutzutage auf den Nikolaus?

Das ist natürlich unterschiedlich. Für die meisten Kinder bin ich schon noch eine Respektsperson, viele tragen oder spielen mir etwas vor. Nur manche werden frech. An den Grundschulen in Gräfelfing und Lochham singen mir die Kinder zum Beispiel einen richtigen Kanon vor, und jeder Schüler sagt einen anderen Satz über die Figur des Nikolaus auf – seit einiger Zeit wieder auf Bairisch, was mich besonders freut. Bei Vereinen ist der Besuch immer etwas lustiger gestaltet. Insgesamt wollen vor allem viele Eltern, dass der Nikolaus nicht so autoritär auftritt, sondern freundlich ist. Viele schenken mir etwas. Über selbst gebackene Plätzchen freue ich mich am meisten.

Was hat sich seit 1982 ansonsten am Dasein als Nikolaus verändert?

Die Geschenke, die mir für meinen Sack bereitgestellt werden, sind heute deutlich anders. Früher waren es vor allem Kleinigkeiten wie Nüsse, Süßes oder ein paar Bauklötze. Heute gibt es Computerspiele, große ferngesteuerte Autos und anderes elektronisches Spielzeug. Vor ein paar Jahren war ein Geschenk für ein Mädchen, ein Barbie-Wohnwagen, so riesig, dass ich es gar nicht in meinen Sack reingebracht habe. An den Schulen verlese ich inzwischen den Text, was die Kinder gut und schlecht gemacht haben, für die ganze Klasse und nicht mehr individuell für jedes Kind, weil nicht mehr genügend Zeit da ist. Woanders sind diese Zettel noch individuell.

Was schreiben Ihnen die Eltern über die Kinder auf?

Es sind die Klassiker: Die Hausaufgaben, dass die Kinder den Eltern nicht genug helfen, ob sie sich anständig benommen haben. Ich erkläre das den Kindern dann immer im Dialog und nicht als Predigt. Die Zettel hebe ich mir für das nächste Jahr auf und schaue dann, ob das Mädchen oder der Junge sich verbessert hat. Bei Erwachsenen muss ich darauf achten, dass ich nicht zu hart werde. Bei einer Weihnachtsfeier hat einmal ein Paar eingeschnappt den Saal verlassen, weil ich ihnen zu boshaft war. Ich hatte vergessen, mir den aufgeschriebenen Text vorher noch einmal durchzulesen. Bei der Weihnachtsfeier der Planegger Polizeiinspektion gibt es gar keine Zettel mehr.

Sie sind als ehemaliger Hausmeister des TSV Gräfelfing im Würmtal bekannt. Erkennt Sie dann nicht manchmal jemand trotz Verkleidung?

Ich habe jahrelang auch meine Kinder und Enkel als Nikolaus besucht. Sie haben mich zunächst nicht erkannt, bis eines Tages die damals sechsjährige Marlene plötzlich sagte: „Der Nikolaus hat genauso eine rote Nase wie der Opa!“ Ich bekomme seit einem Vorfall beim Skifahren immer eine rote Nase, wenn ich vom Kalten ins Warme komme. Früher ist auch der verstorbene Kontaktbeamte der Polizei für Gräfelfing, Udo Wenisch, als Nikolaus aufgetreten. Einmal kam ein Junge in einer Schulklasse zu mir und sagte: „Ich habe dich erkannt, ich weiß, wer du bist. Der Wenisch!“

Hat man als Nikolaus auch manchmal negative Begegnungen?

Vor ein paar Jahren auf dem Gräfelfinger Christkindlmarkt habe ich Süßigkeiten an kleine Kinder verteilt. Ein paar Jugendliche kamen auf Knien an und wollten auch etwas. Als ich ihnen das verwehrte, schlugen sie mir, ohne dass ich es gemerkt habe, ein riesiges Loch in meinen hinter mir liegenden Mantel. Das war aber das einzige negative Erlebnis. Sehr nett war es zum Beispiel, als ich zu einer Weihnachtsfeier des FSV Steinkirchen in Nikolaus-Kostümierung mit dem Fahrrad gefahren bin. Einen Nikolaus auf dem Radl fanden natürlich alle Passanten lustig, und ich wurde ständig angesprochen. Asiatische Touristen haben mich als kleine Sensation fotografiert.

Wann geht man als Nikolaus in Rente?

Dieses Jahr muss ich aus gesundheitlichen Gründen pausieren. Wenn es geht, möchte ich ab nächstem Jahr wieder unterwegs sein. Ich habe für meine Nikolaus-Tätigkeit nie Geld verlangt und finde manch unmotivierte Bademantel-Träger mit Bart, die kein Fingerspitzengefühl für diese Aufgabe haben, schlimm. Denn ein gutes Gefühl brauchst du als Nikolaus, etwa wie man mit Kindern redet. Natürlich stellt man sich in meinem Alter die Frage, wer nach einem kommen könnte, aber bisher habe ich niemanden gefunden. Andreas Maisberger, der Enkel des ehemaligen dritten Gräfelfinger Bürgermeisters Sigi Segl, tritt heuer aber als Nikolaus bei der Gräfelfinger Schützengesellschaft Würmtaler I auf. So wie sein Opa, von dem ich mein erstes Nikolausgewand übernommen habe.

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