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Fast 700 Kinder im Jahr kamen in der Wolfart-Klinik zur Welt. 

Ende der Geburtshilfe in der Wolfart-Klinik: Betroffenheit und Hintergründe

„Die wertvollste Abteilung schließt“

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Seit der Nachricht, dass die beliebte Geburtenabteilung der Gräfelfinger Wolfart-Klinik schließt, läuft das Internet heiß. Jetzt erklärt einer der Belegärzte, warum er als Geburtshelfer aufhört.

Gräfelfing – „Die wertvollste Abteilung schließt“, „Nein, warum???“, „Da sind auch meine zwei geboren“: Dies sind nur drei von Dutzenden Kommentaren auf Facebook zu dem Merkur-Artikel vom Montag, dass die Gräfelfinger Wolfart-Klinik ihre traditionsreiche Geburtenabteilung spätestens im September schließen wird.

Zu den Gründen für seine Entscheidung hatte der Geschäftsführende Gesellschafter und Inhaber Florian Wolfart bereits Stellung genommen. Auf die Frage, ob das angekündigte Ende von Prof. Martin Kolbens Tätigkeit in der Klinik als Geburtshelfer den letzten Anstoß gegeben habe, sagte Florian Wolfart gestern: „Ganz klar ja.“

Vor rund 15 Jahren hatte Wolfart, der die Privatklinik in der Waldstraße von seinem Vater übernommen hatte, mit den Fachärzten Prof. Martin Kolben und Prof. Reinhold Knitza eigens zwei ausgewiesene Spezialisten für Geburtsmedizin in das neue Ärztehaus an der Ruffiniallee geholt. Die Erwartung, damit die fachärztliche Präsenz in der Klinik und auch den Ruf der Geburtenabteilung zu verbessern, erfüllte sich. Florian Wolfart: „Prof. Martin Kolben beispielsweise ist ein brillanter Operateur; er war immer ganz nah an der Klinik und war unsere Rückversicherung.“

Dass diese Ära nun endet, begründet Prof. Kolben im Merkur-Gespräch mit einer fatalen Gesundheitspolitik. Die von Gerichten in Deutschland zugesprochenen Entschädigungen für schlimme Geburtsschäden hätten sich von 2003 bis 2012 im Schitt von 1,5 auf 2,6 Millionen Euro erhöht. Die Versicherungsprämien, die Gynäkologen für ihre Berufshaftpflicht bezahlen müssten, hätten sich von rund 5200 Euro im Jahr 2000 auf rund 50 000 Euro in 2017 verzehnfacht. Prof. Kolben: „Für eine Kassengeburt kann ich etwa 250 Euro berechnen.“ Mit anderen Worten: Bei insgesamt 700 Geburten pro Jahr in der Wolfart-Klinik, von denen Prof. Kolben etwa 80 übernahm, kann er mit dem Erlös nicht annähernd seine Versicherung decken. Ein Thema, das bezüglich der Hebammen bereits häufig durch die Medien ging, bei den Ärzten jedoch mit weit höheren Summen verschärft zuschlägt.

Zusätzliches Problem: Sobald der Facharzt sich in der Klinik aufhält, weil er als Gynäkologe dort Belegbetten hat, und es im Kreißsaal einen Notfall gibt, verpflichtet ihn sein Amtseid, zu helfen. Im Grundsatz wäre er bei dem Eingriff versichert. Doch die Versicherungen behalten sich eine gutachterliche Prüfung der Frage vor, ob es sich um einen echten Notfall nach ihrer Definition handelte. Prof. Kolben: „Wenn das negativ beurteilt wird, hafte ich mit meinem Privatvermögen.“ Daher entschloss er sich schweren Herzens, die Tätigkeit als Geburtshelfer aufzugeben. Unverändert wird er allerdings weiterhin in der Wolfart-Klinik als gynäkologischer operativ tätiger Belegarzt tätig sein und natürlich seine gynäkologische Praxis in der Gräfelfinger Bahnhofstraße weiter führen.

Florian Wolfart: „Prof. Kolben war jetzt nur der erste unserer Belegärzte, die einen neuen Vertrag abschließen mussten. Dieses Problem betrifft in den nächsten Jahren, wenn die Laufzeiten ihrer Verträge auslaufen, nach und nach alle seine Kollegen.“ Dies hätte über kurz oder lang die Qualität der ärztlichen Versorgung an der Klinik beeinträchtigt. Wolfart: „Bevor wir in diese Abwärtsspirale geraten und gesundheitliche Risiken eingehen, hören wir lieber beizeiten auf.“ Zudem sei der unübersehbare und von der Politik offenbar gewünschte Trend zu großen Geburtskliniken im Gang: Gab es 1991 in Deutschland noch 1186 Krankenhäuser mit angeschlossener Geburtshilfeabtteilung, lag ihre Zahl 2014 bei nur noch 725 – Tendenz stark fallend. Am Ende dieses Trends, dem sich Florian Wolfart nach eigener Aussage beugen muss, werde „das Ende der belegärztlichen Geburtshilfe in Deutschland“ stehen.

Von Personen, die der Klinik nahe stehen, war auch eine andere Vermutung für die Schließung zu hören: In Wahrheit handle es sich um eine legitime, gleichwohl harte betriebswirtschaftliche Entscheidung: Die weniger profitable Geburtshilfe solle schlicht durch eine weitere orthopädische Abteilung ausgetauscht werden, die höhere Umsätze generiere und Platz für OP-Säle und Betten brauche. Dieser Annahme widersprach Florian Wolfart auf Merkur-Anfrage entschieden. „Die Geburtshilfe macht natürlich keine so hohen Umsätze, aber sie funktioniert auskömmlich und rentabel, weil auch die Kosten weit geringer sind.“ Die Umsätze bei der Orthopädie mit ihren Gelenk-Implantaten für Tausende Euro seien höher. Allerdings: „Der Gewinn ist vergleichbar.“ Die Klinik werde in der Tat auch nach Schließung der Geburtenabteilung stets gut belegt sein, „ob gynäkologisch oder anders“.

Prof. Martin Kolben sieht derweil klar die deutsche Politik in der Pflicht, um diesen Trend zu stoppen. Andere Länder hätten beispielsweise einen staatlichen Fonds für Schadensfälle aufgelegt. Prof. Kolben: „Es ist eine traurige Entwicklung, und es muss etwas geschehen, sonst haben wir eines Tages Verhältnisse wie in Finland, mit 500 Kilometern bis zum nächsten Kreißsaal.“

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