„Vorbild für die Impfgegner“: Christel Beckschulte (89) bekommt im Gräfelfinger Caritas-Altenheim St. Gisela ihre erste Impfung gegen Corona.
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„Vorbild für die Impfgegner“: Christel Beckschulte (89) bekommt im Gräfelfinger Caritas-Altenheim St. Gisela ihre erste Impfung gegen Corona.

Caritas: Kritik an der Politik

Corona-Impfung: Freude und Frust

  • Martin Schullerus
    vonMartin Schullerus
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Rund 160 Personen sind am Sonntag und Dienstag im Gräfelfinger Caritas-Altenheim St. Gisela gegen das Coronavirus geimpft worden – ein Termin der gemischten Gefühle: Die Freude und Hoffnung über den Lichtblick in der Pandemie trüben Frust und Ärger über leichtfertige Verordnungen der Politik.

Gräfelfing – „Die Politik hat die Altenheime in dieser Pandemie mit dem ganzen Schlamassel alleine gelassen“, konstatiert Doris Schneider, Geschäftsführerin der 27 Caritas-Altenheime in München und Oberbayern, die offenbar die Zeit für klare Ansagen gekommen sieht. „Ich weiß, wie erschöpft die Mannschaften in unseren Heimen sind.“

Der Grund: „Krise, Testwahnsinn, Impfwahnsinn“. Mit Hektik und Druck würden die Pflegeheime genötigt, in großer Eile politische Spontanentscheidungen umzusetzen. Bei aller Euphorie über den Impfstoff und das Impfen an sich, das sie sehr unterstütze, werde man damit nicht nur den besonders schutzbedürftigen Menschen mit demenziellen Erkrankungen nicht gerecht. Auch viele andere Themen wie die Pflegequalität, die vor der Pandemie schon fordernd gewesen seien, müssten weiterhin gemeistert werden – eine seit Monaten andauernde Überforderung für Personal und Heimleitungen.

Mirjam Dirscherl, die St. Gisela leitet, berichtet von den aufwendigen Impfvorbereitungen. Auch Menschen, die nicht mehr selbst einwilligen könnten, bräuchten ausgefüllte Formulare, müssten aufgeklärt und befragt werden. Am Sonntag dauerte das für 35 Personen, die geimpft werden sollten, vier Stunden. Dies binde viel Personal. Die Mitarbeiter müssten die Senioren zum Impfen abholen, anschließend beobachten und zurückbegleiten. Allein der Empfang müsse ständig doppelt besetzt sein.

Zudem hätten „Bewohner, Angehörige und Hausarzt“ manchmal abweichende Meinungen zur Impfung. Dr. Kai Reichert, Allgemeinmediziner und Pandemiearzt in Gräfelfing und im Heim St. Gisela, sah diese Gespräche als beherrschbar. „Wir haben mit dem Testen über Monate schon viel Erfahrung gesammelt“, sagte er. Auch Dr. Frithjof Wagner, der am Dienstag den mobilen Impftrupp des BRK leitete, zeigte sich zuversichtlich, dass der Vorgang sich einspielen und damit beschleunigen werde. Beide Ärzte lobten St. Gisela als ein hervorragend geführtes Haus, das die Krise gut meistere.

In St. Gisela wollen sich aktuell 30 Prozent der 110 Mitarbeiter impfen lassen. Mirjam Dirscherl: „Wir hätten uns viel mehr gewünscht.“ Bei den Senioren seien es zwischen 74 und 87 Prozent. Dabei würden auch jene geimpft, die eine Corona-Infektion überstanden hätten, weil die Immunität unklar sei, so Dr. Wagner.

Der Impfstoff reiche aktuell für alle, die sich in St. Gisela impfen lassen wollten, sagte der Arzt. Dazu zählte am Dienstag auch die 89-jährige Bewohnerin Christel Beckschulte. Sie sagte: „Ich will ein Vorbild sein für die Impfgegner und verspreche mir Schutz durch die Impfung und dass ich meine Verwandten bald alle wieder treffen kann.“

Das freilich ist ein weiterer wunder Punkt, der Doris Schneider umtreibt. Wie unter einem Brennglas würde nämlich ab sofort in den Heimen ein Konflikt durchexerziert, der sich in der gesamten Gesellschaft erst anbahne: „Was bringt es den Menschen, die hier wohnen und arbeiten, für Vorteile, geimpft zu sein? Wir brauchen auch verantwortungsvolle Lockerungen.“

Hingegen betonten Bundespolitiker am Montag unisono, es dürfe keinerlei Vorteile für Geimpfte gegenüber Nichtgeimpften geben. Schneider: „Für Altenheime braucht es hier eine Lösung, um die Motivation hochzuhalten. Impfen und zugleich alle strengen Maßnahmen weiter fordern – das können wir in den nächsten Monaten nicht durchhalten. Und auch dieser Druck und diese Diskussion landet wieder bei unseren Führungskräften.“

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