Gräfelfings Bürgermeister Peter Köstler beim Jahresinterview 2021.
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„Ich rechne mit dem ersten Spatenstich in der zweiten Jahreshälfte“: Gräfelfings Bürgermeister Peter Köstler bezüglich des Baustarts für die Sport- und Schwimmhalle.

Jahresinterview 2021

„Es gibt Mehraufwand, aber es läuft“: Gräfelfings Bürgermeister Peter Köstler über Erfolge und Ziele trotz Corona

  • Martin Schullerus
    vonMartin Schullerus
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Im Jahresinterview 2021 spricht Gräfelfings Bürgermeister Peter Köstler darüber, wie er seine erste Amtszeit erlebt, welche Weichenstellungen nötig waren und was geplant ist.

Gräfelfing - Mit dem neuen Jahr ist mittlerweile auch der erste Jahrestag der Pandemie erreicht. Der Würmtal-Merkur sprach mit Gräfelfings Bürgermeister Peter Köstler darüber, wie er seine erste Amtszeit unter Corona-Bedingungen erlebt, welche Weichenstellungen nötig waren und noch geplant sind, wie die großen Vorhaben der Gemeinde Gräfelfing vorankommen und welche Hoffnungen er mit dem Jahr 2021 verbindet.

Die Corona-Pandemie hat Ihre Amtszeit von Tag eins an begleitet und beeinflusst. Welches ist Ihre persönliche Bilanz nach einem Jahr Corona?

Peter Köstler: Ich habe von Beginn an sehr viel guten Willen beispielsweise bei den Mitarbeitern im Rathaus festgestellt. Diese Zeit ist für alle Menschen alles andere als einfach. In der Politik müssen wir ständig nachjustieren, es gibt häufig Neuregelungen, auf die es sich einzustellen gilt. Da ist auf allen Seiten viel Entgegenkommen zu beobachten, aber mancher kommt natürlich auch an seine Grenzen. Besonders gelten meine Gedanken und mein Mitgefühl den Familien, die einen lieben Menschen durch diese Pandemie verloren haben – und die gibt es auch in unserer nächsten Nähe. Ich hoffe sehr, dass sich die Situation bei der Impfstoff-Knappheit rasch bessert; das scheint mir der aussichtsreichste, wenn nicht einzige Weg zu einer Rückkehr zu normalen Verhältnissen zu sein.

Sie haben die Sonderregelung bezüglich der Öffnung des Rathauses vor Kurzem verlängert. Wie sehr sind die Arbeit der Verwaltung und der Service für die Bürger aktuell eingeschränkt?

Die Verwaltung musste sich sehr anpassungsfähig und flexibel zeigen, und das hat sie getan. Inzwischen arbeiten viele Kollegen von zu Hause aus. Das ist nicht in allen Bereichen möglich, etwa in der Kasse, dem Einwohnermeldeamt oder natürlich auf dem Bauhof geht das nicht. Vieles wird jedoch mittlerweile telefonisch oder per Internet erledigt. Für die Verwaltung bedeutet das manchen Mehraufwand, aber es läuft. Für die Bürger gibt es vielleicht im Einzelfall eine Einschränkung, wenn jemand sofort einen neuen Ausweis braucht. Aber grundsätzlich ist der Service vorhanden, die Mitarbeiter sind erreichbar, und in begründeten Einzelfällen ist auch eine Terminvereinbarung im Rathaus selbst möglich.

Sie haben die grundsätzliche Schließung des Rathauses für Publikumsverkehr relativ spät verfügt, als letzte Würmtal-Gemeinde, und einige Gemeinderäte haben Druck gemacht, Zahl und Umfang der Sitzungen zu reduzieren. Sind Sie mit Ihrem Krisenmanagement zufrieden?

Es ist richtig, dass unser Rathaus verhältnismäßig lange für den Publikumsverkehr offen war; andere Kollegen in der Nachbarschaft haben schneller geschlossen. Aber ich muss sagen: Es lief auch problemlos. Die Besucher haben Maske getragen, und die Abstände konnten eingehalten werden. Mit zunehmender zweiter Welle habe ich mit der Rathausschließung und dem Krisen- und Notfallausschuss reagiert. Ich denke nicht, dass ich mir da etwas vorzuwerfen habe.

Können Sie mit dem Beschluss zur Einsetzung des Krisen- und Notfallausschusses auch in der erweiterten Form mit Ausstiegsklausel gut leben?

Ja, natürlich. Es wäre sogar schön, wenn die Zahlen so rapide und nachhaltig sinken, dass diese Klausel zum Tragen käme, allein ich fürchte, dass das nicht der Fall sein wird. Die Klausel sieht ja vor, die Gemeinderatsarbeit in gewohnter Form wieder aufzunehmen, falls vor Ende März die Inzidenzzahl an sieben Tagen in Folge unter 50 bleibt. Die Kontaktbeschränkung wird uns jedenfalls noch länger erhalten bleiben.

Das zweite dominante Thema des letzten Jahres war die geplante Sport- und Schwimmhalle samt Bürgerentscheid. Vergangene Woche beschloss der Gemeinderat den Bebauungsplan. Wann und wie geht es weiter mit dem aktuell größten Projekt der Gemeinde?

Vor dem Bürgerentscheid im November 2020 durften wir in der Sache keine weitergehenden Beschlüsse fassen. Nach der Abstimmung, die dankenswerterweise so klar ausfiel, haben wir den Prozess gleich fortgesetzt. Nun ist der Bebauungsplan in Kraft, und ich habe zwei Firmen beauftragt, die Baumfällungen in der zweiten Februarhälfte vorzunehmen und das Gelände mit einem soliden Bauzaun zu sichern. Erst im Mai werden die Wurzelstöcke entfernt, um der Haselmaus Zeit zu geben, die neuen Nistkästen zu beziehen. Im Sommer wird die Baustelle eingerichtet. Ich rechne mit dem ersten Spatenstich in der zweiten Jahreshälfte.

Sie sind ein „alter Lochhamer“ im besten Sinn. Wenn Sie an den baldigen Abriss des Lochhamer Pschorrhofs denken – überwiegt da Nostalgie oder Vorfreude auf die Neugestaltung des Bereichs?

Das tut richtig weh! Der Pschorrhof ist mir sehr ans Herz gewachsen. Ich habe dort unzählige Abende verbracht, bei Treffen der Vereine – die Lochhamer Laien-Bauern-Bühne hatte dort ihr Vereinslokal – oder politischen Sitzungen. Da endet eine Ära und ein Stück Ortsgeschichte. Aber es ist ja auch viel Neues in dem Bereich geplant. Ein größeres Gebäude mit Wohnungen und Gaststätte und einem Biergarten, der – für mich leider – auf der anderen Seite liegt (lacht). Ich mochte es, die Abendsonne im Westen zu genießen; der neue Biergarten hat eher mittags Sonne. Und gleichzeitig entsteht angrenzend unser neuer Pflegetrakt des Rudolf- und Maria-Gunst-Hauses. Das ist eine spannende und zukunftsfähige Entwicklung.

Beim Thema Jahnplatz ist es – wieder einmal – verdächtig ruhig geworden. Woran liegt das?

Am Jahnplatz sind ja drei große Vorhaben geplant: das Bauprojekt auf dem ehemaligen Post-Grundstück und dem Nachbargrundstück, die Bebauung der Ostflanke am Bahndamm und die Sanierung und Gestaltung des Platzes selbst. Aktuell arbeitet der Architekt an der Fertigstellung der Planungen für den privaten Neubau, im Einklang mit unserem vorhabenbezogenen Bebauungsplan. Sobald der Bauantrag vorliegt, kann es schnell gehen. Die Bebauung im Osten und die Platzsanierung werden wir erst im Anschluss in Angriff nehmen.

Welches ist der Stand der Dinge bei der Folgenutzung des Doemens-Grundstücks? Wie weit reicht das (finanzielle) Engagement der Gemeinde, und wie geht es nach dem Auszug der Brau-Akademie weiter?

So weit mir bekannt ist, liegt der Doemens-Neubau an der Lohenstraße im Zeitplan, das heißt, dass die Brau-Akademie im Herbst einziehen kann. Das frei werdende Grundstück soll ja etwa 50 neue Wohnungen beherbergen. Für die Gemeinde ergibt sich die Chance, das gesamte Grundstück selbst zu erwerben. Dann hat sie größte Einflussmöglichkeiten auf die künftige Bebauung. Welche Wohn- und Eigentumsmodelle zum Tragen kommen, gilt es in Ruhe zu klären. In Frage kommt alles, vom Genossenschaftsmodell über normale Mietwohnungen bis zu Eigentumswohnungen.

Das Thema Geothermie, bei dem die Gemeinde Gräfelfing durchaus Ehrgeiz entwickelt, befindet sich augenscheinlich seit einem (weiteren) Jahr im Winterschlaf. Täuscht der Eindruck?

Nein, leider täuscht der Eindruck nicht. Es geschieht zwar im Hintergrund manches, aber vorläufig ist kein Durchbruch erreicht. Schon heute vor einem Jahr waren wir an dem Punkt, einen Partner auszusuchen und mit ihm handelseinig zu werden, und das gilt nach wie vor und gestaltet sich schwierig. Wie sich zeigt, haben die Stadtwerke München offenbar aktuell andere Prioritäten. Außerdem gilt es, das Geothermieprojekt mit unseren Überlegungen für einen Erdbeckenspeicher in der ausgehobenen Kiesgrube bei Martinsried in Einklang zu bringen. Dort haben wir uns ja für die erste Stufe einer Machbarkeitsstudie entschlossen. Das ist alles nicht einfach und dauert seine Zeit. Das gesamte Geothermieprojekt in Eigenregie zu stemmen, möchte ich der Gemeinde wiederum nicht zumuten.

Gräfelfing schreibt unerhörte Rekorde bei den Einnahmen aus der Gewerbesteuer. Gerade hat der Gemeinderat den Bebauungsplan für ein weiteres, großes Gebäude angepasst. Welche Schwerpunkte wollen Sie in der Wirtschaftspolitik setzen?

Wir fahren schon seit 15 Jahren einen sehr erfolgreichen Kurs bei der Ansiedlung potenter Firmen. Dazu gehört, dass wir ihnen durch Nachverdichtung im bestehenden Gewerbegebiet und durch die Erschließung neuer Flächen im Osten den Raum dazu schaffen. Letzteres ist ja gerade mit einem neu geplanten Gebäude in hoher Qualität gelungen, was mich sehr freut. So große Investitionen sind in gewisser Weise Leuchtturmprojekte mit Signalwirkung. Dazu gehört natürlich auch die stete Pflege des Gewerbegebietes durch moderne Infrastruktur wie der in Vorbereitung befindliche Glasfaseranschluss der Telekom für zahlreiche Unternehmen, das Schaffen von genügend Parkräumen, aber auch die optische Auflockerung des Gewerbegebietes. Dazu haben wir gerade ein Konzept des Büros Terrabiota beschlossen, das beispielsweise mehr Straßenbäume dort vorsieht. Nicht vernachlässigen dürfen wir jedoch auch die innerörtliche Wirtschaft, allen voran in der Bahnhofstraße. Wir werden demnächst einen Runden Tisch mit den Geschäftsleuten abhalten, um zu eruieren, was wir vor dem Hintergrund von Corona für den Branchenmix in der Einkaufsstraße tun können. Einige sehen da gerade jetzt auch neue Chancen.

Wie sieht es mit der Erschließung des Gewerbegebietes im Osten des Lochhamer Schlags, sprich: der sogenannten Entlastungsstraße, aus? Sie hatten Ihre Amtsvorgängerin kritisiert, weil nach der Ablehnung durch den Kreistag wenig Anstrengungen für eine Lösung zu erkennen waren.

Die Kommunalwahl hat nicht dazu geführt, dass im Münchner Kreistag die Chancen auf eine Zustimmung zu dieser angedachten Kreisstraße gestiegen wären, um es mal so zu sagen. Klar ist zweitens aber auch: Wir brauchen unbedingt eine weitere Anbindung unseres Gewerbegebietes, wenn wir seine Funktionsfähigkeit und Attraktivität erhalten wollen. Das ist weiterhin auf der Agenda. Laut Gemeinderatsbeschluss soll zunächst das integrierte Verkehrskonzept für Gräfelfing erarbeitet werden, was sich durch Corona leider auch ein bisschen verzögert. Unter Umständen findet sich für die Anbindung des Gewerbegebietes am Ende eine Lösung, die ohne die Zustimmung des Kreistags auskommt, da gibt es einige Ideen. Eventuell müssen wir zumindest in einem ersten Schritt mit einer kleineren Lösung auskommen.

Was wünschen Sie den Gräfelfingern für das nicht mehr ganz neue Jahr?

Natürlich wünsche ich allen Bürgerinnen und Bürgern unserer Gemeinde, dass sie möglichst unbeschadet in jeder Hinsicht aus dieser Krise kommen – körperlich und seelisch gesund und wirtschaftlich erfolgreich. Auch wenn ich weiß, dass das leider nicht für jeden eintreffen kann, und mir vielfältige Verluste bekannt und bewusst sind, wünsche ich uns allen, dass wir die Hoffnung nicht verlieren und unser altes Leben bald wieder aufnehmen können.

ms

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