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Auf dem Podium im Bürgerhaus: (v.l.) florian Wolfart, Boniface Mabanza, Hadija Haruna-Oelker, Harald Braun und Professor Clemens Fuest.

„Global Diagnosis“ im Bürgerhaus

Afrikas Chancen: Fairer Handel und Bildung

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Wie die Armut in Afrika gelindert werden kann, haben jetzt hochkarätige Gäste im Gräfelfinger Bürgerhaus diskutiert. Die afrikanischen Länder müssten „ihr Schicksal aber auch selbst in die Hand nehmen“, hieß es im Rahmen der „Global Diagnosis“-Veranstaltung der Wolfart-Klinik.

Gräfelfing – Harald Braun, ehemaliger Staatssekretär im Auswärtigen Amt und Botschafter Deutschlands bei den Vereinten Nationen, Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts sowie Boniface Mabanza, Experte für Entwicklungspolitik, Philosoph und Theologe aus Kongo, waren auf Einladung von Florian Wolfart, Leiter der Wolfartklinik, in das Bürgerhaus gekommen. Wolfart, der sich seit langem in Afrika engagiert, Honorarkonsul für Ghana ist und die Stiftung „Freunde von Ankobra“ unterhält, sprach selbst einige Probleme an: So habe angeblich jedes afrikanische Land auf dem internationalen Markt die gleichen Chancen wie andere Länder, „doch hat zum Beispiel der TSV Gräfelfing realistische Chancen gegen Real Madrid?“

Ghana habe zwar in den vergangenen Jahren stets einige Prozentpunkte Wirtschaftswachstum gehabt. Dies lag jedoch an gestiegenen Verkäufen von Rohstoffen wie Erdöl. Davon seien „200 Familien reich geworden, auf dem Land ist die Armut gleich geblieben wenn nicht noch größer geworden“, sagte Wolfart. Der TSV Gräfelfing könne zwar, um Geld zu bekommen, Clubhaus und Platz verkaufen, „doch was dann? Und wenn Ghana alle seine Bodenschätze verkauft hat – was dann?“

Ein Problem seien auch manche große Konzerne, sagte Wolfart und nannte das Beispiel eines nigerianischen Getränkefabrikanten, der ein in dem Land erfolgreiches Cola-Getränk produzierte. Doch dann hätte Coca-Cola mitbekommen, dass ihr Absatz in Nigeria deutlich zurückging und die Preise um die Hälfte gesenkt, was dem lokalen Produzenten das Geschäft abwürgte.

Der Kampf gegen die Armut habe in den vergangenen Jahrzehnten große Erfolge gebracht, sagte hingegen Clemens Fuest. 40 Prozent der Menschen hätten früher in akuter Armut gelebt, heute seien es nur noch zehn Prozent. Ihm „sei kein Land bekannt, dass durch Abschottung wirtschaftlich erfolgreich wurde“, sagte der Professor für Volkswirtschaftslehre an der LMU. Wichtig sei im Gegenteil die wirtschaftliche Öffnung der afrikanischen Länder. Es gebe zur Lösung der Probleme auf dem Kontinent „kein Patentrezept“. Trotz aller internationaler Hilfen müssten die afrikanischen Länder ihr „Schicksal aber selbst in die Hand nehmen“, so Fuest. Denn der weltweite Markt sei von den Interessen der jeweiligen Länder und Unternehmen geleitet sowie von Lobby-Gruppen durchdrungen. Wenn etwa Europa eine neue Handelsordnung für Afrika beschließe, interessiere das China kein bisschen, so Fuest. Echten Freihandel gebe es nicht. Langfristig sei die größte Chance Afrikas bessere Bildung. Heute müssten sich noch 15 afrikanische Kinder ein Schulbuch teilen.

Die Situation der afrikanischen Länder sei sehr unterschiedlich, sagte Harald Braun. Ruanda habe zum Beispiel in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht – im Gegensatz zu seinem Nachbarland Burundi, so der ehemalige Botschafter in Burundi. „Beide Länder haben jeweils etwa die gleiche Fläche in der Größe von Rheinland-Pfalz. Dass Ruanda nicht schlecht da steht, liegt an Good Governance“, sagte Braun. Diese jeweilige Regierungsarbeit sei ein Weg zur Verbesserung der Situation Afrikas.

„Es kann kein Konzept für den ganzen Kontinent geben“, sagte auch Boniface Mabanza. Die Flüchtlingsbewegungen der vergangenen Jahre hätten der Weltgemeinschaft die Augen geöffnet. Es habe bei der Hilfe für Afrika aber viele Fehler und vergeudete Chancen gegeben. Wichtig für Afrika wäre nun ein „fairer Handel“. Dieser sei heute nicht gegeben. Kein afrikanisches Land habe mehr als 1,5 Prozent Anteil am Welthandel.

Bildung sei zwar ebenfalls wichtig für den Kontinent, aber „nicht eine Bildung wie jetzt, mit der die afrikanischen Eliten dann nach Paris oder London gehen, sondern eine Bildung, die den Menschen die Möglichkeiten gibt, die Probleme vor Ort zu lösen“, so Mabanza.

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